Roter Fleck (D) - Mig Phoenix

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Roter Fleck
 
Erinnerungen eines nicht unsympathischen Serienkillers
Vorwort zum Vorwort

Es ist noch keine 24 Stunden her. Jetzt sitze ich hier in diesem kleinen Raum und blicke durch das winzige Fenster auf die Betonwand, die nur wenige Meter vor mir ihren grauen Charme verbreitet. Keine 24 Stunden ist es her. Als ob es jetzt wäre: Gerade noch habe ich ihm die kleine Ketchuptüte gereicht. Er hat gar nicht gemerkt, dass es eine andere war als die Übrigen. Und jetzt steht er hier. Er röchelt. Fasst sich an die Brust, fast schon zu theatralisch. Hier, zur Mittagszeit in einem drittklassigen Schnellimbiss in Hamburgs Innenstadt. Gleich wird er zu Boden sinken. Ich stehe zwei Tische entfernt und esse meine Currywurst – schmeckt übrigens besser, als der Laden vermuten lässt – und lasse mir nicht anmerken, dass ich ihn kenne. Ihn, Viktor Marek. Ihn, den großen Lektor. Aus dem großen Verlag.

Gleich wird er die anderen Fast-Food-Freunde zu Tode erschrecken. Nur er wird nicht sterben. Noch nicht. Denn das Gift des Kugelfisches wird ihn am Leben erhalten, bis der Pathologe die Säge ansetzt, um die Todesursache zu ermitteln. Dann wird es auch für ihn zu spät sein. Auch für ihn. Für ihn, den großen Lektor. Aus dem großen Verlag. Der nicht nur mein Sachbuch kannte, in dem ich die Wirkung des Kugelfischgiftes beschreibe. Angeblich hatte er ja auch dieses Manuskript gelesen. Dann hätte er erst recht wissen müssen, dass ich Tetraodotoxin besitze. Er hätte das Manuskript in seinem Brief nicht als absolut unrealistischen Unfug bezeichnen sollen, als Spinnerei eines künstlerisch Minderbemittelten, als an den Haaren herbeigezogene Pseudomemoiren. Ich solle bei meinen Sachbüchern und Zeitschriftenartikeln bleiben und von anspruchsvoller Literatur die Finger lassen, hatte er geschrieben. Dieses aufgeblasene arrogante Großmaul.

Ja, das hätte er wirklich nicht machen sollen, denn er hat das Manuskript ja gelesen. Ich denke, sein einziger Fehler war, dass er nicht glaubte, was er las. Und da tut er mir jetzt schon fast ein wenig leid. Wie er sich so am Stehtisch hinsetzt. So kann das Leben sein. Aus der Welt der hohen Literatur hinab in heruntergefallene Pommes Frites und Ketchupreste, hier und dort noch ein paar Zigarettenstummel, Flecken von getrocknetem Bier auf billigen Fliesen. Eigentlich ein unrühmliches Ende für einen über alles erhabenen Intellektuellen. Aber er hätte es eben nicht machen sollen. Das kann ich nicht vertragen, wenn der Punkt erreicht wird. Wirklich nicht. Und erst recht nicht bei Menschen, die es besser wissen sollten. Schließlich stand im Manuskript ja alles drin. Sogar der Anfang.

Aber lesen Sie es doch einfach selbst, dafür habe ich schließlich heute Morgen einen Vertrag mit einem anderen Verlag unterzeichnet. Und glauben Sie es – oder auch nicht:


Vorwort

Mal ehrlich, haben Sie Sich nicht auch schon mal gefragt, ob Sie wirklich trauern würden, wenn der eine oder andere ungeliebte Mitmensch plötzlich tot wäre? Steckt nicht ganz tief – als Instinkt aus der Steinzeit sozusagen – in jedem von uns ein Mörder? Nun, ich hab es durchgezogen. Ausschließlich und stets mit besten Absichten natürlich. Und deswegen ist es gut, dass das hier keiner glauben wird. Ganz bestimmt nicht. Denn dann hätten Sie mich schnell. Aber ich, aus meiner Sicht, finde es in Ordnung, dass ich noch in Freiheit bin. Denn eigentlich bin ich – wie mir immer wieder bestätigt wird – ein gar nicht unsympathischer Zeitgenosse. Eigentlich mag auch ich meine Mitmenschen. Eigentlich bin ich sehr geduldig. Nicht immer zwar, aber fast immer.

Etwa so wie jetzt, während ich hier auf der Ostsee an Bord meines kleinen Segelbootes sitze, den Laptop vor mir, und nackt in der warmen Sommersonne endlich meine Erinnerungen aufschreibe. Der Autopilot steuert und bei sehr wenig Seegang und Windstärke drei läuft die »Anna« auf Halbwindkurs mit etwa vier Knoten wieder Richtung Warnemünde. Die Kadetrinne, der etwas tiefere Meeresgraben zwischen der deutschen Halbinsel Darß und der dänischen Hafenstadt Gedser, liegt gut zwanzig Minuten hinter mir und Lennart Kollberg, dieser schwedische Polizist, der mich beinahe bekommen hätte, schwebt jetzt dort auf 25 Metern Tiefe.

Tiefer geht es hier in der Nähe nirgendwo. Ist zwar nicht sehr tief, aber der alte Anker wird ihn dort halten. Und die gute Nylonschnur, mit der man andernorts sogar große Haie fängt, wird seine Knochen so lange zusammenhalten, bis die Krabben ihre Arbeit getan haben. Fast eine Stunde war ich beschäftigt, ihn richtig mit der robusten Angelschnur zu verschnüren. Und er hat es alles mitbekommen. Er konnte sich nicht einmal wehren, als ich ihn weiter einpackte – Tetraodotoxin, Kugelfischgift. Jetzt hält diesen Kollberg auf dem Grund die Schnur, deren Reste ich damals aus Hawaii mitgenommen hatte – aber das ist eine andere Geschichte. Ob er es wohl noch mitbekommen hat, als er den Boden der Kadetrinne erreichte? Denn aus dieser Tiefe sieht man auch im Sommer noch in der Ostsee die Oberfläche. Wissend, dass er nie mehr auftauchen würde? Egal, Kollberg ist jetzt Geschichte. Ein Teil der Geschichte meines Lebens. Und diese schreibe ich jetzt und hier auf. Hier, im Sonnenschein an Bord der »Anna« auf Kurs Warnemünde.


1. Der Teich

Beginnen wir ganz vorne, jedenfalls fast ganz vorne. Und entschuldigen Sie, dass diese ersten Kapitel vielleicht ein wenig knapp ausfallen und es etwas an Details mangelt. Aber die darin beschriebenen Ereignisse liegen inzwischen fast fünfzig Jahre zurück und Sie werden verstehen, dass man da einige Einzelheiten aus den ersten Lebensjahren vergessen hat. Geht Ihnen bestimmt nicht anders. Ich verspreche, mit fortschreitender Zeit wird sich dies ändern. Also begleiten Sie mich zurück in meine frühe Kindheit. Zurück in die mittleren sechziger Jahre:

Aufgewachsen bin ich in Düren, einer Großstadt im Rheinland zwischen Köln und Aachen. Erstes Kind, glückliche Kinderzeit, Wohnung im ersten Stock eines Hauses in einer völlig durchschnittlichen Stadtstraße knapp außerhalb des Zentrums. Ich war eigentlich ein völlig normales Kind. Nicht größer als andere Kinder in meinem Alter, nicht kleiner, nicht dicker, nur im Sommer vielleicht ein wenig brauner. Viele Kinder in meinem Alter gab es in unserer Straße nicht, dafür viele alte Lehrerinnen.

Besonders die beiden von nebenan. Zwei Schwestern, Eva Lorenz und Sabrina Lorenz. Unterrichteten an einem Gymnasium der Stadt. Nicht verheiratet und schon Anfang fünfzig. Eigentlich waren sie ja immer sehr nett zu uns. Nur einmal, also ich als Vierjähriger in der Sommerhitze nackt im Planschbecken im Garten spielen durfte, sagten sie nachher meiner Mutter, dass man das doch nicht machen könne. »Da kann man bei dem kleinen Jungen ja alles sehen!« Aber sonst waren sie sehr nett.

Kinder, wie gesagt, gab es nicht so viele. Nachdem ich anfangs nur mit dem etwas älteren Kind aus der Wohnung unter uns gespielt hatte und drei Jahre später mein jüngerer Bruder hinzu kam, entdeckte ich mit fünf Jahren die große weite Welt anderer Kinder: Ich kam in den Kindergarten!

Diese städtische Einrichtung war nicht weit weg von unserer Wohnung. Man musste nur gut einhundert Meter die Straße hinaufgehen, vorbei an all den Mietshäusern, die irgendwie gleich aussahen. Dann kam man an einen Kreisverkehr, auf dem damals noch große Bäume rings um eine große Rasenfläche standen. Am unteren Ende der Straße gab es auch so einen Kreisverkehr, aber den mochte ich überhaupt nicht mehr, seit einer seiner Bäume eines meiner Spielzeugflugzeuge gefressen hatte. Am oberen Kreisverkehr hatte ich das mit dem anderen Flugzeug danach erst gar nicht mehr versucht.

Von diesem oberen Kreisverkehr waren es auch nur noch weitere einhundert Meter – die zweite Straße links oben raus – bis ich am Kindergarten war. Ein weißer Bau mit Flachdach und Rasen, Bäumen und Sträuchern. Neben einem Gebüsch lag ein kleiner, aber bestimmt einen Meter tiefer Teich, in dem im Frühjahr kleine Frösche schlüpften. Die fand ich ganz besonders toll. Das war also meine neue Vormittagswelt! Viele Kinder gab es da und auch einige Kindergärtnerinnen, an die ich mich nach nunmehr vierzig Jahren aber nicht mehr so genau erinnere. Auch nicht mehr an viele der Kinder, aber einige sind mir im Gedächtnis geblieben:

Zum Beispiel Peter Fuchs. Sein Vater hatte eine Fabrik und nach dem Kindergeburtstag mit Topfschlagen wurden wir im NSU Ro 80 nach Hause gefahren. Wankelmotor, sagte Peters Vater stolz – was immer das auch bedeuten sollte. Aber leiser als der Ford meiner Eltern war er.

Oder Lutz Subras. Er war irgendwie was größer als wir anderen, hatte hellblonde Haare und sogar schon eine Zahnlücke. Und die Mädchen standen total auf ihn. Das hatte sich übrigens bis zur zehnten Klasse nicht geändert, als er auf der Klassenfahrt an den Bodensee in der Jugendherberge ein halbes Dutzend Mädchen aus einer Parallelklasse aus Bonn abschleppte. Das letzte was ich über ihn hörte drehte sich um den Mordanschlag, den seine eifersüchtige Ehefrau auf ihn verübt hatte. Eine Affäre mit einer Brasilianerin kostete ihn seine privatesten Teile. Danach waren wohl weder seine Frau noch die Südamerikanerin mehr an ihm interessiert und Heinz soll sich drei Jahre später in Köln vor eine Straßenbahn geworfen haben.

Oder Christian Thanner. Er war schon im Kindergarten nicht der Hellste. Bei Spielen kapierte er nie, um was es ging. Und das Einzige, was er besser konnte als alle anderen, war Gras essen. Sogar das vom unteren Kreisverkehr, da, wo die Hunde immer drauf pinkelten. Von Jochen hab ich nach dem Kindergarten übrigens nichts mehr gehört. Keine Ahnung, ob er heute noch das Gras vom Kreisverkehr isst. Zu befürchten ist es.

Oder Heinz Haferkamp. Bis in die fünfte Klasse waren wir noch zusammen, dann bekam er wohl eine Lungenentzündung, musste zur Kur und stieg in die Klasse unter uns ein. In Sport war er nie so richtig gut und so trat er in die Jungen Union. Seit einigen Legislaturperioden sitzt er nun wohl schon im Bundestag, man hat außerhalb meiner rheinischen Heimatstadt aber nichts mehr von ihm gehört.

Oder Marie Weiß. Sie war der Traum meiner unschuldigen Kinderträume. Sie sah aus wie mein damaliger Lieblingsfilmstar, nämlich das Mädchen Annika aus den Pippi-Langstrumpf-Filmen, und sie bastelte die schönsten Weihnachtsstrohsterne beim Weihnachtsbasteln. Mann, so eine Freundin hätte ich gerne gehabt. Aber sie mochte mich nicht. Keine Ahnung weshalb. Schon beim Strohsternebasteln vor Weihnachten meinte sie, meine wären mit Abstand die hässlichsten. Dabei waren sie mindestens so gut wie alle anderen auch. Sagten sogar die Kindergärtnerinnen, als ich wegen Maries Gemeinheiten weinte.

Doch Marie ließ nicht locker und so ging es weiter: Die Papierosterhasen. Die Glasvasen mit Pappmachee zum Muttertag. Die Frühlingsblumenkollage aus dem Neckermannkatalog. Die gefalteten Papierschiffchen. Egal, was wir bastelten, spielten oder sonst machten. Sie sagte, meine Sachen wären Mist und nur noch Jochen wäre ekliger, wenn er das Gras vom Kreisverkehr isst.

Kinder sind geduldig und ich war es auch. Wirklich. Maries Nörgeleien brachten mich eigentlich nicht mal zum Nachdenken. Denn alle anderen fanden meine gebastelten Sachen toll und ich konnte auch mit allen anderen super spielen. Nur mit Marie nicht. Wie gesagt, belastet hat es mich nicht. Nur genervt. Genervt und genervt. Und immer mehr genervt. Marie, die ich Fünfjähriger einst liebte. Inzwischen begann ich sie zu hassen. Warum nur machte sie das? Nicht, dass wir uns aus dem Weg gingen. Schließlich hatte ich die Hoffnung, sie doch noch für mich zu gewinnen – und sie hatte wohl die Hoffnung, mir bei jeder Begegnung wieder Gemeinheiten an den Kopf werfen zu können.

Bis jener Tag im Mai kam. Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten in den Bäumen und die Autos im Kreisverkehr konnte man kaum hören. Ich saß am kleinen Teich des Kindergartens und beobachtete die winzigen Frösche. Einige hatten sogar noch Schwänze aus ihrer Zeit als Kaulquappen. Niedlich, wie sie durch die Wasserpflanzen krabbelten. Schön, wie ruhig es hier war. Die anderen machten gerade irgendein blödes Spiel. Plumpsack oder so. Ich saß hier in meiner friedlichen Ecke, niemand sah mich, ich sah niemanden. Kurz: Ich war glücklich.

Bis plötzlich der Schatten neben mir auftauchte. Selbst die kleinen Frösche zuckten zusammen, als sie auf einmal die Sonne nicht mehr sahen.

Marie stand neben mir. Das war es dann wohl mit meinem stillen Vormittagsglück.

»Was machst du denn hier?«, wollte sie wissen.

Na so was! Sie hatte mich angesprochen, ohne eine Gemeinheit einzufügen.

»Ich guck mir die kleinen Frösche an«, antwortete ich, fast schon hoffnungsvoll.

»Was? Die ekligen Glibberdinger sehen doch voll Scheiße aus. Hat Christian die nicht schon mal gegessen? «, vermieste sie mir wieder die Stimmung.

»Also ich finde die süß«, sagte ich, leicht gereizt aber kontrolliert: »Schau dir doch nur mal das lustige Muster auf dem Rücken an.«

Scheinbar wurde Marie jetzt neugierig. Konnte ich vielleicht doch noch mit ihr klar kommen? War ich vielleicht doch bald mit Annika befreundet, der besten Freundin von Pippi Langstrumpf? Jedenfalls beugte sie sich nun vor, um die Frösche genauer zu betrachten.

»Nee, die sehen total Kacke aus«, sagte sie, und wollte wohl noch etwas sagen.

Aber in diesem Moment verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel kopfüber in den Froschteich. Bis zur Hüfte hing sie drin und nur noch ihre Beine lagen auf dem Ufer. Ich hätte laut lachen können, wenn ich nicht so stinksauer auf sie gewesen wäre. Alles musste sie mir vermiesen, ging es mir in Sekundenbruchteilen durch den Kopf: die Strohsterne, die Papierosterhasen, die Glasvasen mit Pappmachemantel zum Muttertag, die Frühlingsblumenkollage aus dem Neckermannkatalog, die gefalteten Papierschiffchen – und jetzt auch noch meine Frösche! Diese süßen kleinen Frösche! Das war es. Hier war zum ersten Mal der Punkt erreicht. Einfach ein roter Fleck vor den Augen. Denn hier, im sonnigen Garten des Kindergartens einer rheinischen Großstadt, entschloss ich mich zum ersten Mal zu einer Tat, die mir bald zur Angewohnheit werden sollte: Ich beseitigte das, was meine Lebensqualität merklich zu reduzieren drohte.

Kurz: Ich griff mir Maries Füße und hielt sie hoch. Es war sogar ganz lustig anzusehen, wie sie versuchte, ihren Kopf aus dem Wasser zu heben. Doch ihre Hände fanden auf dem lehmigen Teichboden keinen Halt und die Arme verfingen sich nach und nach immer mehr in den Wasserpflanzen – was mir viel Arbeit abnahm, denn Marie war schwerer, als ich gedacht hatte. Ihr blonder Pagenschnitt wogte seltsam im trüben Teichwasser. Auch die Frösche sahen interessiert zu. Und erstmals kamen aus Maries Mund keine Gemeinheiten mehr. Nur Luftblasen. »Blubb, blubb, blubb, blubb.« Langsam wurden es weniger. »Blubb, blubb.« Immer weniger. »Blubb.« Und dann war Ruhe. Friedliche Ruhe an meinem Teich. Marie machte auch keine Versuche mehr, Liegestützen im Uferlehm hinzubekommen. Sie lag ganz entspannt im Teich und ich hielt immer noch ihre Füße. Dass sie so alberne Schuhe trug, war mir vorher nie aufgefallen. Rosa Lack mit Metallschnallen in Rosenform. Unglaublich hässlich, dachte ich.

»Um Gottes Willen!!!«, der laute Schrei einer Kindergärtnerin riss mich aus meinen Überlegungen zur Kinderschuhmode der sechziger Jahre und gleichzeitig nahm mir die Kindergärtnerin das Kommando über Maries Füße aus der Hand.

Das war es also, dachte ich. Gleich sitzt du im Gefängnis. Ich wusste ja nur zu gut, wie es da aussah. Denn jede Woche kam »Bonanza« im Fernsehen, und in jeder dritten Folge saß da ja auch jemand im Knast. Das würde jetzt wohl auch mir passieren. Handschellen, Gitterstäbe, unverputzte Natursteinmauern und Bohnensuppe auf einem Blechteller.

Während die Kindergärtnerin die schlappe Marie aus dem Teich zog, malte ich mir aus, ob mich die Cartwright-Brüder Adam, der dicke Hoss und Little Joe befreien würden. Und ob Vater Ben auch mitkäme. Nein, war das Ergebnis meiner Überlegungen, denn die »Ponderosa« Ranch ist in Amerika und mit ihren Pferden schaffen die das niemals bis hier.

Ich musste also mit meinen Problemen selbst fertig werden. Und die schienen jetzt zu beginnen. Denn auch die Leiterin des Kindergartens war inzwischen am Tatort eingetroffen – so wie alle anderen Kindergärtnerinnen und Kinder auch. Ein Kreis aus Gaffern, nur im Teich stand keiner. Wenigstens die Frösche hatten Glück. Und die Leiterin wandte sich nun mir zu. Doch welche Überraschung. Sie wollte mich gar nicht verhaften. Im Gegenteil:

»Oh du armer kleiner Kerl!«, rief sie laut und sah mich mitleidig an. »Dass du das mit ansehen musstest! Und du hast sogar noch versucht, die kleine Marie zu retten!«

Ich war verblüfft und bekam nur noch am Rande mit, dass inzwischen ein Arzt da war, der sich über Marie beugte, doch keine großen Aktionen mehr unternahm.

»Aber selbst der große Lutz hätte das auf dem rutschigen Boden nicht geschafft«, stimmte eine andere Kindergärtnerin ein, während sie mir mitleidsvoll über das Haar strich, »und wo Marie doch so tief mit ihren Armen in den Wasserpflanzen hing«. Lutz hätte sie auch nicht ertränkt, dachte ich mir, lächelte die nette Frau über mir aber nur an.

Der Rest des Tages lief wie in einem Nebelschleier an mir vorbei. Die Leiterin des Kindergartens brachte mich zu meinen Eltern nach Hause, erklärte, wie der kleine Held es beinahe geschafft hätte, seiner Lieblingsspielkameradin das Leben zu retten. Lieblingsspielkameradin, ha, dass ich nicht lache!, dachte ich. Von psychologischer Betreuung war die Rede – ich hatte damals keine Ahnung, was das sein sollte, aber es hörte sich zunächst mal spannend an. Jedenfalls hatte ich fast den Eindruck, dass ich ertrunken wäre, und nicht diese unausstehliche Marie ihre gerechte Strafe bekommen hatte.

Den Teich hatte man am folgenden Tag schon zugeschüttet. Ein paar Tage später war die Beerdigung. Alle waren traurig. Ich eigentlich nur wegen der Frösche, die wegen dieser blöden Marie jetzt ein neues Zuhause suchen mussten. Und so gelang es mir, auch eine todtraurige Mine aufzulegen. Der ganze Kindergarten hatte sich auf dem Friedhof versammelt und viele andere Leute waren auch da. Irgendjemand hielt eine Rede und erzählte etwas von einem tragischen Unglücksfall und vergaß auch nicht, den kleinen Beinahe-Helden zu erwähnen, der noch versucht hatte, Marie zu retten.

»Du wirst später bestimmt mal Arzt.« »Oder Feuerwehrkommandant.« »Oder Kapitän auf einem Rettungsschiff.« »Oder du bekommst den Friedensnobelpreis.« Diesen ganzen Mist musste ich mir auf dem Friedhof noch von lauter Leuten anhören, die ich gar nicht kannte. Dabei wusste ich an diesem verregneten Vormittag auf dem Friedhof einer rheinischen Großstadt doch noch gar nicht, was ich einmal werden wollte.

Ich wusste nur eines: Ich bin nicht anspruchsvoll, aber wer mir in den Weg kommt, muss für sich selbst keine Pläne mehr machen! So wie Marie. Eine Woche nach der Beerdigung hatten sie alle schon vergessen, eine Untersuchung gegen die aufsichtspflichtige Kindergärtnerin war wohl im Sande verlaufen und ich wechselte im Sommer auf die Grundschule. Auf die evangelische Grundschule unserer Stadt. Nicht viel weiter als der Kindergarten, man musste im Kreisverkehr nur die Straße ganz links raus und dann zweihundert Meter weiter laufen. Aber das ist jetzt schon das nächste Kapitel.

Und dieses Kapitel werde ich zu Hause fertig stellen. Jetzt muss erst einmal die »Anna« auf einen Liegeplatz im brandneuen Yachthafen »Hohe Düne« an der Ostseite der Warnow-Mündung. Immer wieder lege ich gerne hier an. Ganz besonders nahe der Kaimauer im Süden der Hafenanlage. Dort, tief im Beton, liegt schließlich immer noch Paul Schremser, eine Urlaubsbekanntschaft. Und wird wohl auch immer dort liegen bleiben. Aber das ist eine andere Geschichte. Später. Jetzt erstmal schnell ins Auto und ab nach Hause, denn die Kapitel über meine Zeit in der Grundschule habe ich im Kopf fast schon fertig:



2. Die Handtasche

Es machte mir Spaß in der Grundschule. Nicht alle Kinder aus dem Kindergarten waren mit mir auf diese Grundschule gewechselt. Denn einige waren wohl katholisch, und die mussten dann in die Schule in der Nähe des unteren Kreisverkehrs. War auch nicht weiter schlimm, denn meine Schule fand ich schöner. Viel schöner. Ein großer Backsteinbau im schlichten Design der Nachkriegs-Schnell-Alles-Wieder-Aufbau-Zeit.

Und noch heute erinnere ich mich an meine Schultüte. Ich wusste sogar schon, was drin war – von den Süßigkeiten mal abgesehen. Es war die lange ersehnte Schildkröte der Marke Steiff. Ihr Panzer war aus braunem Gummi und der Rest wunderbar weicher Plüsch. Erst heute im Nachhinein fällt mir auf, dass Schildkröten schon damals meine Lieblingstiere waren. Sie sind es übrigens heute noch. Ich mag das: Sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen; wenn es draußen unbequem wird, hat man seinen sicheren Panzer; und wenn es draußen wirklich nervt oder man gar bedroht wird, hat man Kiefer, mit denen man zubeißen kann; und wo diese Kiefer zubeißen, wächst nichts mehr nach. Haben Sie schon einmal gesehen, wie eine Südamerikanische Schnappschildkröte einen Finger abbeißt? Deswegen mag ich Schildkröten. Aber das kommt später.

Doch zurück zum ersten Schultag. Alle Kinder standen auf dem Schulhof und wurden vom Direktor – oder war es eine Direktorin, ich weiß es heute nicht mehr – begrüßt. Danach hieß es Abschied nehmen von Mutter und Vater, zumindest für die nächsten zwei Stunden oder so. Denn ganz, ganz viele Namen wurden vorgelesen und wenn man dran war, musste man zu der Lehrerin oder dem Lehrer, der gerade vorn stand. Vier Jahre sollte es dauern, bis mir das noch einmal passierte. Aber dieses erste Mal ist mir angenehmer in Erinnerung geblieben.

Denn als mein Name an der Reihe war, stand da oben Frau Klara Blum. Nett sah sie aus. In die gleiche Klasse kam von meinen Kindergartenmitbesuchern nur Peter Fuchs. Prima, der nächste Kindergeburtstag mit Topfschlagen und Heimfahrt im NSU Ro 80 war also zumindest schon mal gesichert. Aber auch sonst schien es gut zu werden. Frau Blum hatten wir in fast allen Fächern, erklärte sie uns zu Beginn der ersten Schulstunde. Nur in Sport einen Lehrer – ich weiß nicht mehr, wie er hieß – und in Rechnen Frau Adelheid Möbius.

Das Schuljahr lief gut an. Die Unterrichtsstunden machten Spaß, ich begriff eigentlich alles, die Hausaufgaben hatte ich schnell erledigt, danach spielen im Garten, abends dann im Fernsehen noch eine halbe Stunde »Pat und Patachon« oder »Dick und Doof« und am Wochenende natürlich wieder »Bonanza«. Bei »Pat und Patachon« ist übrigens mein erster Zahn ausgefallen, als ich beim Fernsehen in ein Brötchen biss.

Meine Klassenlehrerin Frau Blum war sehr nett, ebenso ihre Tochter, die in die Parallelklasse ging. Und Frau Beck hatte noch etwas ganz besonderes: Ihre Augen hatten unterschiedliche Farben. Eines war grün, das andere blau. Lustig fanden wir das. Und dann gab es natürlich noch Hanne Wiegand, das hübscheste Mädchen meiner Klasse. Noch netter fand ich allerdings Frau Möbius. Bei ihr machte Rechnen so richtig Spaß. Und lustig war ihr Unterricht. Immer hat sie lustige Scherze gemacht und uns Kindern die Wunder der Mathematik erläutert – sofern man beim kleinen Einmaleins davon reden kann. Nur wenn sie ab und zu einen Ihrer Asthma-Anfälle hatte, war uns Kindern gar nicht wohl. Aber zum Glück hatte sie so eine Spraydose immer in ihrer Handtasche. Aus der atmete sie dann zwei oder drei Mal, und dann ging es ihr wieder gut. Und uns ging es dann auch wieder besser.

Aber das war auch schon das einzige Deprimierende, an das ich mich aus der ersten Klasse erinnern kann. Denn mit der einzigen richtigen Gefahr hatte ich nie etwas zu tun: Nachsitzen. Das war die bewährte Strafe, die Frau Blum und Frau Möbius immer dann verhängten, wenn jemand die Hausaufgaben vergessen hatte. Dann hieß es nach der letzten Schulstunde: noch 45 Minuten da bleiben, und die vergessenen Hausaufgaben nachholen. Ich hatte meine Hausaufgaben aber immer dabei. Meine Mama fragte mich nach dem Mittagessen immer, was ich auf habe. Dann legte ich auch direkt los. Alleine. Ganz alleine. Meistens war auch alles richtig. Darauf bin ich heute noch stolz.

Und so fiel mir das erste Schuljahr leicht. Alles machte Spaß. Ob Herbsttürme, Winterwind, Schneetreiben (im Rheinland eher selten) – selbst der Schulweg hat mich nie gestört. Nur bei Karneval nervte das kalte Wetter. Obwohl ich nicht genau weiß, ob es Karneval wirklich das kalte Wetter war, oder meine Mutter. Also nicht meine Mutter direkt, sondern nur ihre Kleidungsvorschriften. Denn ich ging natürlich als Cowboy. Schließlich fühlte ich mich nach den vielen Folgen »Bonanza«, als ob ich selbst der fünfte Cartwright wäre.

Bloß Karneval war im Winter und draußen war eben es kalt. Und dann kam der eindeutige Befehl: Mütze an. Nein, nicht so eine Trappermütze. Auch der schwarze Cowboyhut reichte nach Meinung meiner Mutter nicht aus. Wenn es kalt war – meistens war es kalt – musste eine von diesen fürchterlichen Strickhauben getragen werden. Unter dem Cowboyhut. Sah das lächerlich aus. Man stelle sich mal Adam Cartwright mit einer Sturmhaube aus Wolle unter seinem schwarzen Cowboyhut vor! Was nützte das ganze perfekte Kostüm, wenn man es mit einer albernen Strickmütze versaute, die nur noch das Gesicht frei ließ. Wenn wenigsten nur noch die Augen frei gewesen wären. Dann hätte man ja noch als Bankräuber gehen können, der den Banken das Geld stiehlt um es den Armen in Carson City zu geben. Aber nein. Taucherhaube aus Wolle!

Nun ja, zum Glück war dann ja doch bald Aschermittwoch und im Grunde seines Herzens blieb ich auch am Donnerstag, Freitag und den Rest des Jahres ein echter Cowboy. Ohne Wollmütze natürlich.

Im Frühjahr stand dann eine Veränderung für unsere Familie an: Mein Vater hatte eine neue Arbeitsstelle angeboten bekommen. Er hätte mehr Verantwortung – damals wusste ich noch nicht so genau, was das war – und mehr Geld – darunter konnte ich mir schon eher etwas vorstellen. Zumal wir ohnehin erst kürzlich ein neues Auto bekommen hatten. Der alte hellblaue Ford Taunus 13 M mit weißen Seitenstreifen hatte seine Schuldigkeit getan. Dafür stand jetzt ein blendend weißer Ford Taunus 17 M in unserer Straße vor unserem Haus.

Alle Nachbarn hatten noch ihre kleinen Renault Dauphine oder Käfer, unser 17 M war viel größer. Eckige Scheinwerfer, zwei Türen, Coupédach. Sah richtig schnittig aus. Da konnte in meinen Augen selbst der NSU Ro 80 von Peter Fuchs Vater nicht mehr mithalten. Denn wenn man das Ding namens Gebläse im neuen Ford anstellte, rauschte er genauso wie der Ro 80. Und die Farbe weiß war natürlich auch viel besser. Und jetzt sollte uns also dieser 17 M nach Bayern bringen – ich hatte damals keine Ahnung, wo das sein sollte. Und unter Bayerischem Wald konnte ich mir natürlich auch nichts vorstellen – außer, dass es da wohl viel Bäume geben musste. Und der Ort, in dem der neue Arbeitsplatz meines Vaters war, hieß Frauenau – na, wenigsten das konnte man sich halbwegs merken.

Meine Schulzeit im Rheinland ging also nach nur einem Jahr dem Ende entgegen. Ich kam mit den Mitschülern prima aus. Ich liebte meine Lehrerinnen und auch der Sportlehrer, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, war mir sympathisch. Fast schon war ich ein wenig traurig, dass ich diese Schule verlassen musste. Und das führte wahrscheinlich auch dazu, dass ich diesen entsetzlichen Fehler beging. Ein Fehler, den ich mir bis heute nicht verzeihen kann: Ich hatte am allerletzten Schultag meine Hausaufgaben vergessen. Jedenfalls die in Rechnen. Deutsch hatte ich wie immer gemacht, Rechnen ganz vergessen. Keine Ahnung, wieso.

Na gut, dachte ich. Frau Möbius wird schon nicht so sein. Schließlich hatte sich Frau Blum in der Stunde zuvor noch ganz herzlich von mir verabschiedet, hatte mit alles Gute gewünscht und meine Mitschüler hatten ein Lied für mich gesungen. Danach gab es von der Klassenlehrerin die Zeugnisse und dann nur noch diese Stunde Mathe. Bevor die Ferien beginnen sollten, die für mich ganz besonders wurden. Weniger wegen des Umzugs. Vielmehr, weil Bayern erst fünf Wochen später mit den Ferien begann. Machte zusammen mit den sechs Wochen aus Nordrhein-Westfalen also elf Wochen! Toll, was Frau Möbius mir beigebracht hatte. Das konnte man ja richtig gut gebrauchen!

Und jetzt stand sie da vor mir.

»Das ist ja wirklich schade«, sagte sie zu mir, »und es tut mir wirklich leid, aber du weißt, dass wir hier konsequent sind.«

Ich wusste zwar nicht, was »konsequent« bedeutet, konnte es aber ahnen: Auch am letzten Schultag des Schuljahres, vor allem an meinem letzten Schultag auf dieser Schule überhaupt, sollte ich nachsitzen. Nachsitzen. War mir noch nie im Leben passiert. Und das ausgerechnet jetzt. Der doofe Klaus Taube machte das mindestens einmal in der Woche. Und ich noch nie. Und dann gerade jetzt.

Ich konnte einfach nicht nachvollziehen, warum Frau Möbius das machte. Ich hatte eigentlich angenommen, dass sie mich mochte. Schließlich hatte ich bis zu jenem Tag meine Hausaufgaben immer gemacht, hatte im Unterricht immer alles gewusst, immer gut mitgemacht und sie auch immer angelächelt. Und im Herbst beim Schulausflug – als Hanne beim Picknick neben Frau Blum saß und ich nicht mit ihr spielen konnte – habe ich Frau Möbius sogar erzählt, dass ich später mal Astronaut werden wolle und sie hatte da sogar mein Rechnen gelobt.

Und jetzt so was. Noch nie in meinem – wenn auch damals noch nicht sehr langen – Leben hatte mich ein Mensch so enttäuscht. Jetzt saß ich hier alleine mit ihr im Klassenzimmer. Alle anderen waren schon in die Ferien. Und ich musste hier noch 45 Minuten bleiben um drei lächerliche Aufgaben zu machen. Ich konnte mir schon vorstellen, wie Mama mich fragt, wo ich gewesen sei. Und das wegen ihr. Dieser hinterhältigen Schlange Frau Möbius. Der Punkt war erreicht, der rote Fleck vor meinen Augen wieder da. Ich hätte ihr in diesem Moment alles antun können.

Aber das war nicht nötig. Nach zwanzig Minuten nachsitzen saß ich in der letzten Bank und sie stand neben mir, als sie plötzlich anfing, seltsame Geräusche zu machen. Ich wusste, was jetzt kam. Einer ihrer Asthmaanfälle. Diesmal schien es besonders schlimm zu sein. Denn sie beugte sich immer weiter vor, hielt eine Hand an den Hals, mit der anderen stützte sie sich auf dem Tisch ab, an dem ich gerade über meinen erledigten Hausaufgaben saß. Sie flüsterte irgendwas:

»Kannst du bitte mein Spray…« – den Rest konnte ich nicht genau verstehen.

Aber ich war ja nicht blöd. Ich wusste, was sie wollte. Ich sollte nach vorne zum Lehrerpult gehen und aus ihrer Handtasche diese Spraydose holen.

Langsam, ganz langsam, stand ich auf und sah sie mit versteinerter Miene an. Ich ging langsam, ganz langsam, zum Lehrerpult und öffnete langsam, ganz langsam, ihre Handtasche und blickte hinein.

»Ich sehe hier kein Spray«, war wohl das Letzte, was sie mich langsam, ganz langsam, sagen hörte, bevor Frau Möbius auf den Boden fiel und nicht mehr atmete.

»Na also. Ging doch«, sagte ich zum Abschied zu ihr.

Dann nahm ich meinen Schulranzen aus Leder, ließ meine ehemalige Lehrerin in der letzten Reihe des Klassenraumes unter meinem alten Platz liegen und ging nach Hause. Im leeren Schulhaus begegnete mir kein Mensch mehr. Und meiner Mutter war nicht einmal aufgefallen, dass ich gut zwanzig Minuten zu spät nach Hause gekommen war. Sie hatte wohl angenommen, ich hätte mich von meinen Freunden etwas länger verabschiedet.

Und so endete vorerst nicht nur meine Schulzeit im Rheinland, sondern auch das Leben einer eigentlich vielversprechenden Pädagogin. Mir standen jetzt elf tolle Wochen Ferien einschließlich eine Umzuges nach Bayern bevor, Frau Möbius hatte nichts mehr zu erwarten. Außer vielleicht den Hausmeister, der sie bei seiner abendlichen Runde durch die Schule finden würde. Doch da war es schon viel zu spät für diese hinterhältige Schlange. Hätte sie eben nicht machen sollen, das mit dem Nachsitzen.

Acht Wochen später war ich in Bayern angekommen. Wir hatten statt einer Wohnung in einem Mietshaus jetzt das Parterre eines Zweifamilienhauses gemietet. Mit großem Garten. Ganz anders war es hier, als vorher im Rheinland.

Auch jetzt sitze ich wieder im Garten. Diesmal ist es nicht der meiner Eltern, sondern mein eigener. Und nicht gemietet, wie bisher in Pfullendorf, sondern mein Eigentum. Kein Blick auf Wald, aber auf die Ostsee und das Haff. Noch viel schöner. Und bei diesem Ausblick fällt es schon fast schwer, sich an die Ereignisse vor bald vierzig Jahren zu erinnern. Also Blick auf den Bildschirm konzentriert, in den Tiefen des Hirns gekramt und die Erinnerungen herausgeholt:


3. Haare aus dem Boden

Bayern war eine sehr schöne Zeit. Vor allem, wenn man als Kind die ersten Lebensjahre in einer Großstadt verbracht hat. Hier im Bayerischen Wald gab es noch keine Häuser mit vier oder mehr Stockwerken. Höchstens zwei und dann noch ein Dach drauf. Und alles war bei unserer Ankunft grün. Sattes helles Grün auf den Wiesen rund um den Ort (wir wohnten in einem neueren Haus im Außenbereich der Ortschaft); sattes dunkleres Grün bei den vielen Laubbäumen; und sattes ganz dunkles Grün bei den endlosen Nadelbaumwäldern.

Nur Kiefern gab es nicht so viele, wie ich erhofft hatte. Denn Kiefern liebte ich, weil man aus Stücken der Rinde als Rumpf, zusammen mit dem Stab aus den damals so beliebten Eiscremes, die man von unten aus dem Becher schob, als Mast, und einem Stück Papier als Segel so tolle Boote bauen konnte. Nun ja, der Mangel an großen Kiefern war in Anbetracht der ganzen anderen Grünen Pracht zu verschmerzen.

Auch sonst war Frauenau ganz toll. Inmitten all diesem Grün lagen schöne kleine weiße Häuser, ganz wie bei meiner Märklin-Bahn. Den Mittelpunkt des Ortes bildete eine Kirche. Sie sah ganz anders aus, als die Nachkriegsbetonbauten, die ich aus dem im Krieg völlig zerbombten Düren kannte. Die Kirche war zwar kleiner, aber ganz alt, schön weiß und hatte auf dem Kirchturm so ein lustiges rundes Dach. »Zwiebelturm heißt das«, hatte mein Vater mir erklärt.

Frauenau lag in einem weiten Tal, durch dessen Mitte die Flanitz floss, ein größerer Bach. Ein Bach, der mir ein Jahr später einmal eine schlaflose Nacht bereiten sollte. Denn aus einem Teich hatte ich Froschlaich gefischt, in eine Plastikschüssel gegeben und kurze Zeit später waren kleine Kaulquappen und später Fröschlein draus geworden. Sie würden mich immer an Marie erinnern – und daran, dass man sich nicht alles gefallen lassen soll. Diese Fröschlein hatte ich dann jedenfalls zur Flanitz gebracht. An einer ruhigen Stelle hatte ich sie ins Wasser gesetzt. Alle schwammen direkt in die dichten Wasserpflanzen am Rand. Alle, bis auf einen. Ausgerechnet Charly, mein Lieblingsfrosch. Ihn hatte irgendwie die Strömung erfasst und zog ihn nun mit in Richtung Donau.

Ob er ertrunken ist, fragte ich mich noch bis zum kommenden Tag. Bin ich jetzt ein Froschmörder?, ging es mir stundenlang durch den Sinn und ich hatte ein wirklich schlechtes Gewissen. Doch dann wurde mir schon klar, dass Frösche eigentlich nicht so schnell ertrinken, und Charly bestimmt eine schöne neue Heimat gefunden hatte.

Eine andere Geschichte der Flanitz, die mich sehr beeindruckte, hatte ich gar nicht selbst erlebt. Mein Vater hatte sie erzählt. Er arbeitete als Chef in einer Glashütte, die an der Flanitz lag. Und ein Arbeiter muss wohl ein guter Glasmacher, aber ansonsten ein wenig blöd gewesen sein. Jedenfalls eines Mittags, als dieser Arbeiter aufs Klo musste, ging er nicht auf die normalen Klos, sondern verschwand ein Stück die Flanitz aufwärts in einem Gebüsch. Und wenig später muss er dann, die Hosen noch nicht ganz zu und mit einer Hand festhaltend, über das Fabrikgelände gelaufen sein, runter zu einer Brücke über den Bach und hat allen Anwesenden zugerufen: »Obacht, obacht, Schifferl kimmt!« Völlig Irre, manche Leute.

Doch meine erste Erinnerung an die Flanitz stammte aus der Zeit unmittelbar nach unserer Ankunft. Denn in diesen Bach warf ich an einem sonnigen Montag bei einem meiner ersten Streifzüge durch die Gegend einen Brief, den mein früherer Mitschüler Peter Fuchs mir mit der krakeligen Schrift eines Erstklässlers aus dem Rheinland geschrieben hatte. Frau Möbius sei gestorben, schrieb er mir. Sie habe am letzten Schultag vor Freude auf den Sommerurlaub wohl ihr Asthmaspray vergessen. Und der Hausmeister habe sie nachmittags tot im Klassenzimmer gefunden. Und, dass alle Schüler traurig wären. Nun ja. Ich war nicht traurig. Zusammen mit dem Brief warf ich das Asthmaspray von Frau Möbius in die Flanitz. Ab ins Meer damit! Damit war das Kapitel Rheinland für mich endgültig beendet – dachte ich damals zumindest.

Jedenfalls genoss ich die superlangen Ferien und fand auch schon schnell einen Freund. Horst Schickl. Er wohnte in einem älteren Häuserkomplex oberhalb unseres Hauses. Wie sich herausstellte, kam er auch nach den Ferien in die zweite Klasse. Bisher hatte er aber noch keinen richtigen Schulfreund gefunden, weil die meisten anderen Jungen der Klasse auf der anderen Seite des Dorfes wohnten – und mit Mädchen spielte man als Schüler ja nicht mehr. Jetzt hatten wir beide einen Freund und so konnte das neue Schuljahr kommen.

Zur Volksschule Frauenau war es ein wenig weiter, als im Rheinland. Man musste vom Haus zunächst am kleinen Lebensmittelgeschäft vorbei. Dort holten wir morgens immer frische Milch in einer kleinen Plastikkanne. Vom Lebensmittelgeschäft ging es über einen Feldweg zwischen Weiden durch, links und rechts elektrische Weidezäune. War immer sehr lustig, jemandem die Hand zugeben und dann selbst an den Zaun zu packen. Kannten nach einiger Zeit leider alle. Von der Weide ging es dann die Straße entlang dreihundert Meter zur Dorfschule. Ein größeres graues Gebäude.

Meine neue Klassenlehrerin, die junge Frau Lea Sommer, war wieder sehr nett, auch wenn meine Mutter meinte, sie hätte ein Pferdegebiss. Dafür war sie aber bestimmt nicht so gemein, wie Frau Möbius. Und sie hatte noch was ganz tolles. Sie fuhr einen Fiat 124 Sport Coupé. Also ein ganz, ganz tolles Auto. Noch toller, als unser weißer Ford, der ja auch schon ganz alt war. Bestimmt drei Jahre schon.

Was Herr Leitmayr für ein Auto hatte, weiß ich nicht mehr. Franz Leitmayr war unser Lehrer für Musik, Sport und Deutsch. Er war zwar schon was älter und auch strenger als Frau Sommer, aber ich mochte ihn trotzdem. Lustig fand ich es, wenn er im Musikunterricht Zither spielte. So ein Instrument hatte ich vorher noch nie gesehen und es hörte sich auch ganz seltsam an.

Der Unterricht an der Volksschule in Frauenau machte jedenfalls Spaß und meine Noten waren immer noch ganz gut. Nur Mathe fand ich in der zweiten Klasse nicht mehr so toll. Im ersten Schuljahr war das ja noch ganz einfach. Eins plus drei, fünf weniger zwei, sieben plus vier, und so weiter. Doch jetzt, bei sechs mal sieben etwa, musste man das ja richtig lernen. Und dann machte es eben nicht so viel Spaß. Aber richtig viel Spaß machten die Nachmittage.

Zusammen zogen Horst Schickl und ich an den Nachmittagen, wenn die Hausaufgaben erledigt waren, durch die Wälder. Ein wenig ungewohnt war das für ein Stadtkind wie mich schon. Zumal ich irgendwann einmal abends im Fernsehen »Aktenzeichen XY« ansehen durfte. Und da hatte ein Kind eine Leiche gefunden. Es war mit den Eltern im Wald spazieren und ging ein wenig abseits des Wanderweges, als es plötzlich rief: »Papa, Mama, guckt mal, hier wachsen ja Haare aus dem Boden.« Das hatte ich damals ganz schön gruselig gefunden und die Augen zugemacht. Und daran musste ich die ersten Male denken, als ich gemeinsam mit Horst durch die Wälder zog.

Aber zum Glück fanden wir auf unseren Touren keine Haare, dafür viele andere tolle Sachen:

»Horst, was ist denn das hier?«, rief ich einmal zu meinem Freund, als ich eine Entdeckung gemacht hatte. Ich hatte einen Moment schon Angst, jetzt doch eine Leiche zu finden. Aber das Fell sah anders aus, als die Haare eines Menschen.

»Ach, das ist nur ein toter Hase, den hat wohl ein Fuchs gerissen«, meinte jedenfalls Horst – und als Einheimischer musste er das ja wissen.

Ich war beruhigt. Und das war gut so, denn immer wieder fanden wir Reste von toten Tieren im Wald. Meist sah man nur noch das Fell und ein paar Knochen und etwas Fell, dass wie ein kleiner brauner Teppich auf dem Waldboden aus braunen Nadeln lag.

Lebende Tiere sah man eher selten. Dazu müsse man ganz früh morgens aufstehen, erklärte Horst. Dann wären sie auf den Lichtungen. Sonst immer ganz tief im Wald. Da wo wir spielen würden, sähe man sie tagsüber nicht. Und Horst musste das ja wissen.

Ganz toll war auch der erste Winter in Frauenau. Schnee, Schnee und nochmals Schnee. So etwas kannte man als Rheinländer ja kaum. Silvester hatten wir ein paar Knaller – was wir in Düren nie gehabt hatten – und selbst so ganz kleine rissen riesige Krater in den lockeren Neuschnee. Zumindest aus der Perspektive eines Siebenjährigen waren sie riesig.

Neben unserer Garage hatten mein Vater und unser Vermieter den Schnee der Auffahrt zu einem riesigen Haufen aufgeschaufelt. So groß, dass wir Kinder eine Höhle hinein graben konnten und dann einen richtigen Iglu hatten, auf dessen Dach unsere Spielzeugtiere Skilaufen konnten.

Denn im Skiverein war ich natürlich auch. War sogar relativ einfach, selbst wenn die Ausrüstung der sechziger Jahre das Ganze nicht so einfach machte, wie es mit dem heutigen Equipment ist. Seilzugbindung und so. Ging aber. Einmal die Woche auf dem Hang am Ort, wo ein kleiner Schlepplift war. An den Wochenenden bin ich sogar ein paar Mal mit meinem Vater zum Arber gefahren, dem höchsten Berg der Gegend. Hier war ein richtiges Skigebiet mit Sessellift.

Und während der Wochen traf ich mich wieder mit Horst. Natürlich waren wir nicht immer nur zu zweit unterwegs. Manchmal waren wir auch mit anderen aus unserem Viertel zusammen. Die nannten sich Bennos Bande und wir durften so halb dazugehören. Benno Berghammer war bestimmt einen Kopf größer als wir anderen. Er hatte kurze braune Haare und ging auch schon aufs Gymnasium in Zwiesel, weil es in Frauenau nur die Volksschule gab. Seine Eltern wohnten in einem Haus, das ein wenig größer war als alle anderen im Dorf. Man sagte, dass sie im Lotto gewonnen hatten, und sich deshalb das große Haus leisten konnten. War mir egal, ob das stimmte. Was mir nicht egal war ist gewesen, dass Benno immer bestimmte, was gemacht werden musste. Das fanden wir meistens recht doof, und so spielten wir nicht oft in Bennos Bande mit sondern gingen auf Abenteuersuche in den Wald.

Nur beim Fußballspielen auf der Wiese war es schon besser, wenn mehrer Spieler dabei waren. Das doofe war nur, dass ich dann immer Beckenbauer sein sollte. Hatte Benno so bestimmt. Ich wollt eigentlich immer Sigi Held sein, weil der aus der gleichen Stadt wie ich im Rheinland stammte. Erst viel später begriff ich, dass meine Rolle als Beckenbauer aus der Sicht eines bayerischen Gymnasiasten sogar eine Ehre war, die er mir da zugedacht hatte. Auch, dass sich alle anderen bemühten, statt ihres Bayerwald-Dialektes Hochdeutsch mit mir zu reden. Damals begriff ich das mit dem Münchner Kicker aber nicht und war sauer, dass ich immer als der Typ mit dem komischen Namen spielen sollte.

Und so gingen Horst und ich eben oft lieber in den Wald, weiter weg von Bennos Bande und seinen Kommandos. Was uns ganz toll gefiel, war eine Höhle in den Waldboden zu graben. Wir malten uns aus, wie wir hier unser Hauptquartier einrichten würden. Mit Wohnzimmer, Esszimmer und einem ganz großen für die Schätze. Aber erstmal mussten wir ja in den ebenen Boden hinein. Und Waldboden kann an der falschen Stelle ziemlich widerspenstig sein. Große Wurzeln und Steine machten es schwer.

Eine Woche schufteten wir, waren aber nicht tiefer, als dass wir bis zu den Schultern drin stehen konnten. Gewiss, wir hätten andere Stellen nehmen können. Ich kannte auch eine mit weichem Boden, aber die war viel zu weit weg. Und der Platz hier neben einer großen Lichtung schien uns ideal. Freitagnachmittag stellten wir die Arbeit erst einmal ein, nachdem wir die Bauphase Eins für beendet erklärt hatten. Montag sollte es weitergehen.

Die Wochenenden in Bayern waren auch immer etwas Besonderes. Meistens machten wir mit der Familie Ausflüge in die Umgebung. Es war schon toll, was man sich da alles ansehen konnte. Passau etwa, wo drei Flüsse zusammenkamen. Auch bis Regensburg sind wir ab und zu gefahren. Einmal haben wir auf dem Rückweg sogar bei einem Opel-Händler angehalten. Denn Opel hatte ein neues Auto herausgebracht, das mein Vater sich angucken wollte. Manta hieß das Modell. Sah ganz toll aus. Nicht so eckig wie unser Ford. Hat er sich dann aber doch nicht gekauft.

Fast am schönsten fand ich damals bei den Ausflügen, wenn wir erst im Dunkeln nach Hause kamen. Nachts sahen die Städte beleuchtet viel schöner aus als am Tag. Besonders in den Industriegebieten leuchteten dann die Autohäuser so schön. Und auf dem weiteren Weg konnte man auf die Rückbank gekuschelt einschlafen. War auch besser, denn damals wurde mir beim Autofahren oft schlecht. Ging immer ganz plötzlich. Ein paar Kurven und zack, war das Essen wieder da. Einmal musste meine Mama sogar ihren Hut nehmen, damit nichts in den Ford ging. Aber davon abgesehen waren auch die Wochenenden ganz toll.

Ich weiß heute nicht mehr, was wir mit der Familie an jenem Wochenende nach der ersten Höhlenbauphase gemacht haben. Dafür erinnere ich mich an den Montagnachmittag danach sehr gut. Denn als Horst und ich bei unserer Höhle ankamen, stellten wir zu unserem Entsetzen fest, dass unsere Höhle zu war. Zugeschaufelt! Eine Woche Arbeit dahin. Nein, es war nicht der Förster, der hier eine Gefahrenstelle beseitigen wollte. Es war Benno! Denn er hatte mit kleinen Steinen den Satz »Ihr hobt koine Höhlnbauerlaubnis« auf das gelegt, was einmal unsere Höhle war. (Und so was ging aufs Gymnasium!)

Bis heute weiß ich nicht, woher Benno überhaupt erfahren hatte, dass wir die Höhle bauten. Von mir nicht und von Horst bestimmt auch nicht. Wahrscheinlich war ein anderer aus seiner Bande hier vorbei gekommen und hat es ihm dann brühwarm erzählt, dachte ich mir. Später haben wir auch erfahren, dass es Alois Huber war. Er wollte immer schon was Besonderes in der Bande sein. Heute würde ich es so formulieren, dass er Benno bis zu den Schultern im Hintern steckte. Damals ging mir diese Wortauswahl noch ab, ich habe ihn einfach »Arsch« genannt. Und er hat nicht mal widersprochen oder gar zugeschlagen – obwohl er bestimmt doppelt so schwer war wie ich.

Natürlich sind wir damals sofort zu Benno. Der war aber nicht zuhause. Seine Mama Resi sagte, dass er mit den anderen im Wald sei, um dort Höhlen zu bauen. Eine Unverschämtheit, fanden Horst und ich. Zum Glück verriet die Lottogewinnermama uns, wo sie waren. Wir rannten hin, quer durch den Wald.

»Ihr könnt gerne auch noch Prügel haben!«, grinste Benno uns an, »und ohne meine Erlaubnis dürfen hier ohnehin keine Höhlen gebaut werden.«

Und noch mehr ordnete er an: »Ihr bleibt ab sofort immer bei der Bande, und jetzt könnt ihr schon mal helfen, hier richtige Höhlen zu schaufeln – nicht so ein erbärmliches kleines Erdloch, in dem man nicht mal stehen kann, ohne, dass der Kopf rausschaut.«

Was sollte man machen. So gehörten wir nun zu Bennos Bande und mussten gemeinsam mit den anderen Höhlen graben. Benno stand daneben und gab Kommandos. Nachmittag für Nachmittag. Fast eine Woche der Sommerferien lang. Donnerstagvormittag waren die Löcher ihm dann genehm. Sie waren auch nicht viel tiefer als unseres, denn auch hier war der Boden sehr hart.

Wenigstens war Benno nicht mehr böse auf Horst und mich. Im Gegenteil, manchmal munterte er mich sogar auf, doch noch was besser zu schaufeln. Die anderen bekamen nur Anschisse. Bis Donnerstagmittag. Dann entschloss sich Benno nämlich, dass er nun alleine den Kampf gegen den berüchtigten Höhlenbären aufnehmen wolle.

Wir waren alle etwas verwundert. Denn dass es hier einen Höhlenbären geben sollte, hatte bisher keiner von uns jemals gehört. Auch Horst nicht, und als Einheimischer hätte er das ja eigentlich wissen müssen. Aber gut, wenn es Bennos Wunsch war, sollte er ihn erfüllt haben. Ohnehin hatte keiner von uns mehr Lust zu schaufeln, während er daneben stand. An den Händen hatten wir Blasen und einigen tat auch schon der Rücken weh. Also machten wir uns ziemlich müde auf den Weg nach Hause und ließen Benno zurück, damit er mit dem Bären kämpfen konnte.

Auf dem Rückweg ging mir so manches durch den Kopf. Benno schien mich ja doch zu mögen. Und so schlecht war das mit der Bande ja gar nicht. Gut, mit Horst alleine durch die Wälder zu streifen war toll. Aber so eine Bande hatte auch was für sich. Und außerdem war der Posten von Bennos Stellvertreter frei, seit Toni Fröschl vor einigen Wochen mit seinen Eltern nach Landshut gezogen war. Alois Huber durfte man diese Position ja wohl nicht überlassen. Vollidioten an die Macht? Niemals! Vielleicht kann ich mich mir Benno einigen, dachte ich mir, und wir zeigen Huber, wo er hingehört. Der Rest der Bande durfte davon natürlich erstmal nichts wissen.

»Ach, ich hatte ja ganz vergessen, dass ich meinen Papa an der Fabrik abholen wollte«, log ich zu den anderen, als wir an einer Wegkreuzung angekommen waren. Wir verabschiedeten uns – Horst wäre beinahe mitgekommen, nur mit Mühe konnte ich es ihm ausreden – und ich wählte den anderen Weg. Aber nur, um nach kurzer Wartezeit mit der Schaufel auf der Schulter wieder in Richtung der Bandenhöhlen zu marschieren.

Wie konnte ich ihn nur für mich gewinnen? Wie Alois Huber beseitigen? Da fiel es mir ein: Ich könnte Benno den Ort verraten, wo man viel besser Höhlen bauen konnte. Außer mir kannte den ja keiner.

»Was willst du denn noch hier«, schrie Benno mich an, als er mich kommen sah. Er war gerade dabei, zwei gekreuzte Äste in seiner Hand wie ein Flugzeug um Bäume fliegen zu lassen und dazu zu brummen. Nach dem Kampf mit einem Höhlenbären sah das nicht gerade aus.

»Ich muss dir ein Geheimnis verraten«, sagte ich etwas schüchtern.

»Was denn?«, wollte Benno wissen, jetzt schon leiser als vorhin.

»Ich kenne eine Stelle, da kann man richtig gute Höhlen bauen«, erklärte ich ihm, »Höhlen, die für einen Bandenchef wie dich wenigstens angemessen sind.«

Er blickte etwas skeptisch.

»Sei doch mal ehrlich«, sagte ich ihm, »hier kriegen wir nie was Vernünftiges gegraben.«

»Und wo soll das sein«, wollte er wissen. Aha, ich hatte ihn neugierig gemacht. Winkte hier schon der Stellvertreterposten?

»Ich zeig es dir«, sagte ich, »aber eine halbe Stunde laufen wir bestimmt.«

»Macht nichts, auf geht’s«, sagte er – und lächelte mich sogar an.

Also machte ich mich mit Benno auf den Weg zu meinem geheimen Ort. Es ging einige Kilometer in den Wald Richtung tschechische Grenze. Hier wurde der Wald immer dichter, wie ich von meiner ersten Alleinexkursion wusste. An einer Stelle sogar so dicht, dass wir eine ganze Strecke durch einen Bach laufen mussten. Damals hatten mich die kleinen Fische fasziniert und ich hatte wissen wollen, wo sie herkamen. Deshalb folgte ich zu jener Zeit dem Bach fast einen Kilometer durchs Wasser und jetzt auch wieder. Mit Benno. Gut, dass wir immer unsere Gummistiefel anhatten. Auch wenn meine Mutter sagte, das man davon Schweißfüße bekommt. Hier im Bach wären sie noch viel nasser geworden. Dann lieber Schweißfüße.

Nach fast einer Stunde hatten wir den Platz erreicht.

»Echt toll hier«, sagte Benno und ich war stolz, »dann fang mal an zu graben.«

Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Ich hatte schon fast gedacht, dass wir jetzt Kumpel wären. Wir hatten uns doch ganz gut unterhalten auf dem Weg hierhin. Und jetzt war ich hier am schaufeln, während er zusah und sich aus einem Ast eine Flöte schnitzte. Zwei Stunden habe ich geschaufelt. Dann wollte er prüfen, wie tief die Höhle schon ist. Sie war zwar schmal, aber bis gut zum Bauch passt er schon rein.

»Weitergraben«, so sein klares Kommando, »du schaffst das heute noch tief genug – egal, wie lange es dauert.«

Dieses Schwein, dachte ich mir. Ich darf die Drecksarbeit machen und er nörgelt auch noch rum. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber gut, wenn er Tiefe wollte und ich die Stellvertreterposition, dann sollte er eben keine Breite bekommen. Und so wuchs die nur etwa fünfzig Zentimeter breite Höhle senkrecht in die Tiefe.

Der nächste Test folgte: »Bis zur Brust. Reicht noch nicht. Weitergraben«, sagte Benno, und dann kam der Hammer: »Ach ja, wenn jemand so lahm schaufelt wie du, wird er natürlich nie mein Stellvertreter.« Da sah ich ihn wieder kurz vor mir: den Punkt, an dem ich Rot sehe. Beckenbauer, ständiges Kommandieren, die zugeschüttete Höhle und jetzt die Sklavenarbeit und die Stellvertreterstelle war wohl auch weg. Aber noch schaufelte ich geduldig weiter.

Der nächste Test. Bis zu den Schultern passte Benno jetzt schon rein in die enge Röhre.

»Das schaffst du aber schon noch, dass auch der Kopf reinpasst. Für meinen neuen Stellvertreter Alois würd’s vielleicht reichen, aber noch nicht für mich«, herrschte er mich an.

Da war er erreicht, der Punkt. Roter Fleck vor meinen Augen. Mit großem Schwung sauste meine Schaufel nach unten und traf ihn mit der flachen Seite auf den Kopf. Ein dumpfes »Dong« war das einzige Geräusch, das Benno noch von sich gab. Eigentlich nicht mal er, sondern die Schaufel. Ein wenig Blut sah man aus seinen Ohren und der Nase fließen. Die Augen waren zu.

Er sagte auch nichts mehr. Und da habe ich ihn einfach zugeschaufelt. Ganz passte er wirklich noch nicht hinein. Egal. Nur noch die Haare sahen am Ende noch heraus. Sah ganz lustig aus. Etwa wie das Fell des toten Hasen, den wir mal gefunden hatten. So muss es in »Aktenzeichen XY« auch ausgesehen haben. Da hatte ich aber weggeschaut. Weil ich da Angst hatte. Jetzt hatte ich keine Angst. Denn ich wusste ja, wer da drin steckte. Jemand, der mich nie mehr rumkommandieren würde. Nie mehr musste ich Beckenbauer sein. Und stellvertretender Bandenchef wollte ich auch nicht mehr werden. Bennos Bande gab es ja ohnehin nicht mehr. Auch wenn ich der einzige war, der das zu jenem Zeitpunkt schon wusste. Und auf dem Rückweg sah ich sogar Rehe.

Benno Berghammer hat man übrigens nie gefunden. Die Schüler vermuteten, dass er wohl wirklich dem Höhlenbären begegnet war. Die Erwachsenen nahmen an, dass er wegen schlechter Schulnoten ausgerissen war. Die Polizei habe sogar mit Hunden nach ihm gesucht, erzählten unsere Nachbarn, die die Familie von Robbie näher kannten. Aber an einem Bach hätten die Hunde wohl die Fährte verloren.

Und in der Bande, die sich bald auflöste, war er zwar noch einige Zeit der Held, der mit dem Bären gekämpft hat. Aber so richtig traurig über das Verschwinden des Kommandanten war eigentlich keiner. Und so verloren sich auch hier seine Spuren.

Heute liegt die Höhle, in der Benno Berghammer noch immer auf den Bären wartet, übrigens auf dem Grund eines großen Stausees. Zwei Meter lange Welse soll man hier schon gesehen haben. Keine Höhlenbären, aber immerhin. Doch einen neuen Fall für »Aktenzeichen XY« hat Robbie nie geliefert.

Bei »Aktenzeichen XY« habe ich übrigens für mein späteres Leben wirklich viel gelernt. Auch beim »Kommissar«, »Derrick« und dem »Alten« und zahllosen »Tatorten«, die bei meinen Eltern zum Wochenendritual gehörten. Noch heute bin ich dankbar. Heute weiß ich, wie man einen nervenden Menschen beseitigt, ohne der Polizei auch nur die kleinste Chance zur Aufklärung zu lassen. Später hab ich es dann nicht mehr so oft angeschaut. Warum, weiß ich gar nicht. So kann ich mich gar nicht daran erinnern, wann erstmals nach 1990 ein »Aktenzeichen« hier an der Ostsee spielte. Gab aber bestimmt schon Fälle. Schließlich gibt es ja auch hier brutale Typen, die unschuldige Menschen quälen, missbrauchen oder gar umbringen. Widerlich. Da werde ich wütend. So wie damals, als wir wieder im Rheinland wohnten:


4. Im Namen des Vaters

Leider endete nach nur zwei Schuljahren die Zeit im Bayerischen Wald für mich, weil mein Vater ein gutes Angebot von seinem alten Arbeitgeber bekam und wir wieder zurückkehrten in die Stadt im Rheinland, in der ich aufgewachsen war. Nach Düren. Aber die Zeit in Frauenau habe ich bis heute nicht vergessen. Nicht die ländliche Idylle und die Übersichtlichkeit. Vielleicht lebe ich deshalb seit mehr als zehn Jahren mit meiner Familie in kleinen Ortschaften. Horst habe ich ebenso nicht vergessen, auch wenn wir uns nur noch zwei oder dreimal Briefe schrieben, bis der Kontakt einschlief. Nur Benno, den hätte ich beinahe vergessen – wenn ich nicht immer wieder an ihn denken müsste, sobald ich das Wort »Höhlenbären« höre oder einen Stausee sehe.

Wir zogen also wieder in die gleiche Stadt im Rheinland, in der ich aufgewachsen war. Nur diesmal wohnten wir auf der anderen Seite der Stadt. Und so ging ich nicht mehr in meine alte Grundschule – wäre ohne Frau Möbius ja in Ordnung gewesen – sondern in die naheste. Es war eine katholische Schule. »Grundschule im Pesch«. Keine Ahnung weshalb die so hieß, ist ja auch egal. Ich jedenfalls war damals noch evangelisch, aber wie in Bayern musste ich jetzt Religion bei den Katholiken mitmachen.

War auch nicht so tragisch, nur den Pfarrer mochte ich irgendwie nicht, der den Religionsunterricht gab. Pfarrer Prooster, Reginald Prooster. Warum, wusste ich zu jener Zeit noch gar nicht. Er war sogar Amerikaner und eigentlich ein sehr netter alter Herr – aus meiner damaligen Sicht, also faktisch etwa Vierzig – und erzählte auch immer lustige Geschichten aus der Bibel. Von Feuerbüschen, Tafeln mit Geboten drauf, einstürzenden Städten und Menschen, die sich in Salzsäulen verwandelten.

Was ich nur überhaupt nicht mochte, war, dass er dauernd uns Kindern auf den Kopf tätschelte und dabei so blöd grinste. Besonders, wenn er Tanja Voigt streichelte. War uns damals aber allen egal, schließlich gab es noch andere Fächer, die ja auch viel wichtiger waren. Kunst etwa. Und natürlich Sport. Skilaufen ging jetzt ja leider nicht mehr, Also probierte ich mal Turnen, Schwimmen und Leichtathletik aus. Der Geruch von Turnhallen gefiel mir aber nicht und die blöden Übungen noch weniger. Schwimmen war mir einfach zu langweilig. Und so blieb ich bei der Leichtathletik. Machte viel Spaß, ich war ziemlich schnell und es gab viele andere Kinder.

Auch Tanja machte bei der Leichtathletik mit. Sie war nicht so schnell wie ich, aber trotzdem sehr nett. Sie erzählte mir, dass sie freitags nicht zum Training kommen konnte, weil sie bei Pfarrer Prooster zum Kommunionsunterricht musste. Ich wusste nicht, was das, war, weil ich ja evangelisch war. Aber Tanja sagte, dass es nicht sehr spannend wäre, und ich nichts verpasse und sie eigentlich nur hingeht, weil es bei der Kommunion Geschenke gäbe. Da war ich beruhigt, schließlich konnte ich in ein paar Jahren ja zur Konfirmation gehen, und da gab es dann auch Geschenke.

Mit Tanja habe ich mich in jenem Schuljahr öfter unterhalten. Sowohl in der Schule, als auch beim Leichtathletiktraining. Und im Verlauf der Monate fiel mir auf, dass sie irgendwie immer schlechter gelaunt wirkte. Erst dachte ich, dass sie in den Winterwochen das Training in der kleinen Turnhalle nicht mochte. Mir gefiel es da auch nicht so gut, wie auf dem Sportplatz an der Rur. Sie wissen es ja bereits: der Geruch. Schweiß und Bohnerwachs.

Aber als wir wieder draußen waren, änderte sich an Tanjas merkwürdigem Verhalten nichts. Eines Tages saßen wir nach dem Training noch gemeinsam auf der Hochsprungmatte und sonnten uns. Die anderen spielten noch Fußball, was mir damals keinen großen Spaß machte. Tanja blickte nachdenklich in den Himmel. Kommende Woche sollte endlich ihre Kommunion sein. War es das? Hatte sie Angst, keine schönen Geschenke zu bekommen?

»Was ist eigentlich mit Dir los?«, wollte ich von ihr wissen.

»Nichts«, sagte sie.

»Doch«, sagte ich, »das merkt doch inzwischen jeder.«

»Nichts.«

»Quatsch, jetzt sag’ schon!«

»Darf ich nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Darf ich eben nicht!«

»Dann eben nicht.«

Sie zögerte eine Weile und fragte dann: »Wenn man etwas nicht sagen darf, heißt das doch nicht, dass man es auch nicht aufschreiben darf, oder?«

»Ja«, sagte ich, verblüfft ob dieser überzeugenden Logik.

»Dann schreib ich es dir bis morgen auf«, sagte sie, und sah dabei irgendwie etwas besser gelaunt aus, als in den vergangenen Wochen. Und schon sprang sie auf, verabschiedete sich und versprach mir, dass ich am kommenden Tag in der Schule einen Brief von ihr bekommen würde.

Sie hielt ihr Versprechen und bat mich am folgenden Tag, als sie mir in der Deutschstunde den Brief gab, dass niemand außer mir diesen Brief lesen dürfte. Keiner, gar keiner. Ich nahm den Brief verschlossen mit nach Hause und abends, als ich alleine in meinem Zimmer im Bett lag, öffnete ich den Umschlag. Es ging um den Kommunionunterricht bei Pfarrer Prooster und darum, dass sie nach den offiziellen Stunden immer noch eine Stunde alleine da bleiben musste.

Unglaublich, was Tanja da geschrieben hatte. Wo der Pfarrer sie überall gestreichelt hatte. Nicht nur auf dem Kopf, wie bei allen Kindern. Als sie alleine waren auch auf der Brust, dem Rücken, den Bauch und zwischen den Beinen. Und dann sollte er noch seine Hose aufgemacht haben, bevor Tanja weggelaufen ist. Und anderen Mädchen sei das auch schon passiert, schrieb Tanja in ihrem Brief.

Konnte das wirklich sein, fragte ich mich. Mit der Naivität eines Viertklässlers, der von so etwas noch nie gehört hatte. Und so entschloss ich mich, Pfarrer Prooster einfach selbst zu fragen, ob das stimmte. Dazu griff ich mir den Brief und all meinen Mut und machte mich nach der Schule auf den Weg auf die andere Straßenseite zur Marienkirche. Dort hatte ich Pfarrer Prooster nach der letzten Schulstunde hingehen sehen.

Vorsichtig öffnete ich das große schwere Kirchentor. Noch nie zuvor war ich in dieser katholischen Kirche gewesen. Sie war leer. Kein Mensch zu sehen. Ich ging durch den großen Raum und sah nach ein paar Minuten eine der Türen an der Seite offen stehen. Ich blickte hinein, sah aber nur den Aufgang einer Treppe und ein spürbarer Wind zog durch den Raum nach oben. Sah nicht so aus, als ob der Pfarrer hier wäre.

Also ging ich wieder in den Kirchenraum zurück und hörte in diesem Moment einige Geräusche aus einem anderen Raum. Die Tür war auch nur angelehnt und durch den Spalt sah ich jemanden, der nur Pfarrer Prooster sein konnte. Er hatte mir den Rücken zugewandt, seine Hose und Unterhose hingen auf seinen Füßen und er blickte in eine Zeitschrift mit bunten Bildern. Er war sich wohl gerade am umziehen – ging es mir durch den Kopf – und wollte in der Zeitung nachsehen, was man so trägt. Obwohl es mich im Nachhinein verwunderte, dass die Frauen auf den Fotos fast gar nichts anhatten.

Als ich anklopfte zuckte er zusammen, riss ganz schnell seine Hosen wieder hoch und drehte sich um.

»Was willst du denn hier«, fragte er, gar nicht so freundlich wie sonst im Unterricht.

»Ich wollte nur wissen, ob das, was Tanja hier geschrieben hat, stimmt«, sagte ich mit zitternder Stimme, denn Pfarrer Prooster guckte jetzt recht böse.

»Was soll das denn sein?«, wollte er von mir wissen, während er seine Hose zuknöpfte, »gib das mal her!«

»Nein«, sagte ich, »ich habe Tanja versprochen, das niemandem anderen zu geben.«

»Gib das sofort her!«, schrie er jetzt schon fast und kam auf mich zu. Eine Hand wollte nach mir reifen, mit der anderen machte er den Gürtel an seiner Hose jetzt ganz zu.

Ich bekam Panik. So böse, wie der Pfarrer guckte, wollte er mich bestimmt nicht wieder mit dem Brief gehen lassen. Scheinbar hatte Tanja wirklich die Wahrheit geschrieben. Ich drehte auf dem Absatz um, rannte, Tanjas Brief in die linke Hand gekrallt, aus dem Zimmer und stand im großen Kirchenraum. Wohin? Zur riesigen Kirchentür, die ich Viertklässler beim Eintreten schon fast kaum geöffnet bekommen hatte? Dann hätte er mich. Ich konnte zwar sehr schnell laufen, aber an der Tür würde er mich bekommen. In meiner Panik wählte ich die Tür mit der Treppe. Ich konnte schnell rennen, und hier würde ich ihm vielleicht entkommen.

Immer weiter nach oben ging es in diesem Treppenhaus. Keine Ausgänge. Ich rannte. Hinter mir hörte ich den Pfarrer laufen. Er fing an immer lauter zu keuchen und der Abstand schien größer zu werden. Wenn ich nur wüsste, wo es hier hingeht, dann könnte ich ihn endgültig abhängen. Und dann war Schluss. Eine Tür direkt vor mir. Zu. Nein, doch nicht, nur sehr schwergängig. Während ich mich mit aller Gewalt gegen die Tür lehnte, hörte ich ihn näher kommen. Er war nur noch drei Meter weg, da ging die Tür endlich auf. Doch ich stolperte über die Schwelle und fiel der Länge nach auf den Boden des Glockenturms. Holzgebälk, riesige Glocken und große Öffnungen nach draußen. Durch die linke konnte ich meine Schule auf der anderen Straßenseite erkennen, die Öffnung vor mir wies auf den Platz vor dem Museum.

Vor Schreck entglitt mir Tanjas Brief und wurde vom Wind an den Rahmen der Öffnung vor mir geweht. In dieser Sekunde war Pfarrer Prooster zwar über mir, aber ich bekam nur noch am Rand mit, dass er ein paar Mal von mir zum Brief und wieder zurück blickte. Er konnte sich wohl nicht entscheiden, ob er mich erschlagen sollte oder lieber zuerst den Brief retten, bevor dieser durch die Öffnung zu den Menschen auf dem Platz geweht würde. Zu meinem Glück entschied er sich wohl für den Brief. Richtig wahrgenommen hatte ich das nicht mehr, denn jetzt war auch bei mir der Punkt erreich, an dem ich den roten Fleck vor Augen sah. Nur schemenhaft konnte ich die Gestalt des Pfarrers vor mir sehen, der sich weit in die Öffnung lehnte, um mit erleichtertem Stöhnen den Brief zu greifen, bevor er aus gut 20 Metern Höhe schreiend auf den Museumsplatz stürzte.

Ich rannte die Treppe so schnell ich konnte hinunter und versteckte mich in einem dieser Schränke, die die Katholiken Beichtstuhl nannten. Schon nach ein paar Minuten kamen einige aufgeregte Leute in die Kirche gelaufen, rannten ins Zimmer des Pfarrers, wieder raus, ein paar Polizisten waren bald auch dabei – und als so richtig viel los war schlich ich mich aus dem Beichtstuhl und lief hinaus. Unter einer Decke lag Pfarrer Prooster noch immer vor dem Kirchturm, man konnte aber nur einen Fuß von ihm erkennen und an einer Seite lief ein dünnes Rinnsal Blut heraus.

Am nächsten Tag war der Tod des Pfarrers natürlich das Stadtgespräch in Düren. Wie die »Dürener Nachrichten« schrieben, hatte die Polizei in den Händen des Geistlichen einen Brief von einer Schülerin der vierten Klasse gefunden, in dem er des »sexuellen Missbrauchs« bezichtigt wurde – damit war wohl das Streicheln gemeint, erklärte ich mir selbst. Die Polizei ging der Zeitung zu Folge davon aus, dass er wiederholt – wie sich später auch bestätigte – Kinder missbraucht hatte. Als er dann diesen Brief bekam, hatte er scheinbar ein so schlechtes Gewissen bekommen, dass er seinem Leben ein Ende setzte und sich vom Kirchturm stürzte.

Jetzt sitze ich hier an der Ostsee im Sonnenschein mit meinem Laptop in einem Park und blicke auf eine ganz andere Kirche. In den kleinen Orten hier sind die Glocketürme der Kirchen zwar nicht so hoch, wie jener der Marienkirche in Düren. Doch im Ostseebad Rerik etwa gibt es die Sage, dass einmal ein Glockengießerlehrling aus dem Kirchturm zu Tode gestürzt sei. Nicht freiwillig, sondern von seinem neidischen Meister hinab gestoßen. Und ich frage mich bei dieser Geschichte immer, ob der Meister auch so wenig Mühe gehabt hat, wie ich bei Pfarrer Prooster. Denn als dieser nach dem Brief fischte, genügte schon der leichte Stoß eines Zehnjährigen, um ihn in den freien Fall zu bringen.

Tanja habe ich danach übrigens nicht mehr gesehen. Die Schulwochen nach dem Tod des Pfarrers war sie krank und danach trennten sich unsere Wege. Ich ging auf das Wirteltor-Gymnasium – da gab es damals nur Jungen – und sie ging auf ein Gymnasium für Mädchen. Auch zum Sport ist sie nicht mehr gekommen. Dabei war Leichtathletik doch eine tolle Sportart. Auf jeden Fall besser als Boxen, dachte ich damals. Aus heutiger Sicht muss ich aber zugeben, dass diese Meinung daran lag, dass ich damals nur einen Boxer kannte:...



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