9 - Die Hexenverbrennung - Mig Phoenix

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 9. Die Hexenverbrennung
     von Nienhagen
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn obwohl es schon fünfhundert Jahre her ist, lebt die Geschichte der Hexe von Nienhagen noch immer in den Erzählungen der Region weiter. Ich wollte einmal wissen, was wirklich dran ist, habe mich ins Landesarchiv in Schwerin begeben und dort Folianten und Bücher gewälzt, die schon ein halbes Jahrtausend auf dem (Buch-)Rücken haben. Und das Ergebnis war die Mühe wert:
 
Wir schreiben das Jahr 1507. Nienhagen war damals nicht der kleine beschauliche Ort für Touristen, sondern versuchte nach dem Ende der Hanse gemeinsam mit dem Eifelort Gey und dem oberschwäbischen Denkingen eine neue Handelsmacht auf die Beine zu stellen. Und beinahe hätte es auch geklappt, die Position von Rostock und Lübeck zusammen an der Ostseeküste zu übernehmen.
Denn am 12. Juni 1507 vermeldet der Nienhagener Ortschronist Bockhorn: „Wenn denn werden eintreffen die vorzüglich 37 halben Scheffel Weizen aus Denkingen und das halb Klafter ergötzlich Baumrinde aus Gey, sind die ehmals hohen Herren von Rostock und Lübeck am Boden zerstöret.“
 
Doch Bockhorn war in diesem Fall wohl zu optimistisch. Denn ein Eintrag in den Zollbüchern der Gemeinde Helmstedt am 18. Juni belegt, dass beide Waren, „in Menge, dass sie fast fülleten den halb Austritt des Kontrollgebäudes“, konfisziert wurden, da die Stadt Nienhagen die Zölle nicht zahlen wollte, denn es gab dort Probleme bei der Anschaffung eines neuen Feuerwehrfahrzeuges.
Nienhagen - heute ein beschaulicher Ort, vor
500 Jahren auf dem Weg zur Weltmetropole -
und eventuell durch eine Hexe gebremst
Und es kam noch schlimmer für die angehende Metropole: Seit jenem Tag besagten 18. Juni fiel kaum noch Regen. Die schmucken weißen Häuser mir ihrer Geranienpracht drohten hinter braunem Gestrüpp zu verschwinden. Auch Bockhorn wurde zurückhaltender, als er am 30. September notiert: „Seinerzeit hatte der Herr die Welt ob der Sünden der Menschen mit der Sintflut gestrafet, Sodom und Gomorrha er aus gleichem Grunde dem Erdboden gleich gemacht. Doch warum, oh Herr, strafest du uns?“
 
Eine berechtigte Frage, denn manchmal zu teure Postkarten oder zu kleine Eisportionen gab es nun in allen anderen Städten auch. Und dass ein Strandkorb nicht mehr richtig funktionierte, kam im frühen 16. Jahrhundert doch überall vor, wie zeitgenössische Klagen belegen.
 
Interessant wird dann ein Artikel, den die „Ostsee-Zeitung“ – damals noch von Hand geschrieben – am 4. November 1507 veröffentlichte: „Nienhagen verhext!“ titelte das Blatt reißerisch in 72-Punkt-Frakturschrift. Von wem der Ort verhext sein sollte? Darüber ließen sich die früheren Kollegen nicht aus sondern streuten nur wilde Theorien aufs Papier. „Findet die Hexe“ waren die Lettern, welche die letzten großen Wörter formten.
 
Auch der „Nienhäger Stadtanzeiger am Sonntag“ schlug in die gleiche Kerbe: „Die Hexe muss brennen – wer ist die Hexe?“ waren eigentlich die einzigen Wörter, welche die Titelseite schmückten. Aber auch bei weniger Text ging dieses Blatt weiter als die „Ostsee-Zeitung“, denn auf Seite zwei wurde ein Kopfgeld von 500 Nientalern (umgerechnet 17,35 Euro) für den ausgesetzt, der jemanden der Hexerei verdächtigt.
 
Bockhorn vermerkt in seiner Chronik die ersten schnellen Erfolge: „Innert weniger Tage ist es uns gelungen, 754 Bürger der Stadt als vermeintliche Hexen auszumachen, was groß Problem für Magistrat und Bürgermeister brachte, da Nienhagen allenthalben nur 817 Einwohner in seinen Mauern sein eigen nennt.“
 
Wahrlich ein Problem also. Wie es gelöst wurde, erklärt uns der Ratsbericht der „Ostsee-Zeitung“ vom 19. Dezember 1507. Im Ratsbericht heißt es: „Der Magistrat hierzuorten hat beschlossen, dass Hexe eindeutig ein weiblich Wort sei und ein Katzentier besitzen muss, und destohalber alle Männer als Hexe nicht in Frage kommen.“ Pragmatisch, praktisch, gut. Damit war die Zahl der üblichen Verdächtigen schon mal halbiert.
 
Auch den nächsten Schritt erläutert der Autor Schwarzfahr: „Nienhagens Räte lassen sich durch Hexen nicht täuschen. Da allerorts eine hässliche Frau als Hexe vermutet wird, ist es doch gänzlich eindeutig, dass sich Hexen hinter Antlitz und Körper hübscher Frauen verstecken.“ Wieder ein kluger Schachzug der Räte, reduzierte sich die Zahl der in Frage kommenden dadurch doch auf ein etwa einhundert. Ach ja, blond sollte sie auch sein. Blieben nur noch fünfzig.
 
Auch die Kinder wurden ausgeschlossen. Was keinerlei logische Begründung hatte, sondern darin erklärt wurde, dass man das neu gebaute Gymnasium direkt wieder schließen müsste, wenn man alle Schülerinnen auf den Scheiterhaufen stellt. Blieben 34 potenzielle Frauen, denen man zur Last legen konnte, den Ort verhext und so zum ewigen Dorfleben verdammt zu haben.
Der Oberbürgermeister von Nienhagen (r.)
beobachtete das Verhör der Verdächtigen
aufs Genaueste
Der gleiche Grund führte auch zu einem weiteren Ausschlusskriterium: Wollte man das Gymnasium durch die Kinder erhalten, kamen deren Mütter als Hexen auch nicht in Frage.
 
Der Mecklenburger Chronist Adolf Gustav bemerkt hierzu in einer 1564 entstandenen Chronik des Großkreises Bad Doberan: „Zwischen Neubukow und Zingst, Warnemünde und Güstrow waret man sich bewusst, dass die Kinder jämmerlich verrecket werden, so man ihre Mütter auf den Scheiterhaufen werfet.“
 
Es blieben nur wenige Beklagte übrig: zwölf! Alle wurden im Frühjahr des Jahres 1508 einem „peinlichen Verhör“ unterzogen – sprich gefoltert.
Die Chronisten berichten allesamt, dass die Räte der Stadt nichts ausließen: Streckbank, Eiserne Jungfrau, Daumenschrauben, glühende Eisen, ja, sogar vor dem stundenlangen Vorlesen von Artikeln des Boulevardblattes „Gemälde“ schreckten sie nicht zurück.
Und letzteres brachte sie auf die Spur: Denn eine der verbliebenen vier Frauen – die übrigen acht waren den Folterknechten „unter den Händen weggestorben – kritisierte den Schreibstil des Blattes und „gab sich dadurch des Schreibens und Lesens mächtig zu erkennen“.
 
Die Hexe, deren Name nirgendwo genauer erwähnt wird, war gefunden. „Wir haben Sie!“ titelte am 12. März 1508 die „Ostsee-Zeitung“, erneut in 72-Punkt-Fraktur handgeschrieben, um zwei Seiten weiter zu einem „Burning-Witch-Festival“ am darauf folgenden Sonnabend einzuladen. Gerade noch rechtzeitig, bevor das Verbot für das Verbrennen von Gartenabfällen, das nur im März und Oktober außer Kraft gesetzt war, wirksam wurde.
 
Borkhorn notierte: „Allenthalben herrschte große Freud, dass man überflüssig Ast und Ästlein aus Garten und Wald auf solch Art einer sinnvoll Nutzung zuführete.“
Die verblieben Kandidatinnen wurden auch der Wasserprobe unterzogen: Schwammen sie, waren sie Hexen - etranken sie, waren es keine
Ein wenig außerhalb von Nienhagen (o.r.)
fand 1508 die Hexenverbrennung statt.
Gartenschnitt heizte das Feuer an
Auch damals also war man sich im heutigen Ostseebad Nienhagen einer sinnvollen Nutzung von Biomaterialien zur allgemeinen Freude der Menschen sehr bewusst. Da es weder Kohle noch Erdöl im Ort gab, aber auch eine verständliche Entscheidung.
 
Aber es wäre jetzt müßig an dieser tragischen Stelle der Geschichte über die Hexenverbrennung von Nienhagen in eine Diskussion zu nachhaltiger Energiegewinnung abzuschweifen. Nur gut, dass seit der Nutzung fossiler Brennstoffe die Hexenverbrennungen nicht mehr stattfinden.
 
Und so kam es, dass sogar die große Mecklenburger Chronik auf Seite 12813 vermerkt: „Gegen Ende des Märzen ward zu Nienhagen, einst eine gar prosperierende Stadt an der Küste des Baltischen Meeres, ein Hex verbrennet, welches durch ihr Bosheit den Ort zu ewgem Dorfleben verdammte.“
 
Tragisches Schicksal in einer finsteren Zeit. Allein, die Bürger von Nienhagen vergaßen eines: Sie hätten vor dem Feuer die Hexe bitten sollen, den Fluch vom Ort zu nehmen…
© Mig Phoenix 2008
 
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