8 - Die Seehundstation - Mig Phoenix

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8. Die erste (!) Seehundstation
    von Hohe Düne
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Oder vielleicht doch? Denn eigentlich war es eine streng geheime Anlage, die damals auf Anweisung von Walter Ulbricht in der Nähe des NVA-Marinestützpunktes Hohe Düne am Breitling errichtet wurde. Aber zurück zu den Anfängen.
 
Bei meinen Recherchen in der Birthler-Behörde fiel mir in den endlosen Stasi-Unterlagen zufällig eine Akte in die Hände. Auf dem alten Papierumschlag ist lediglich handschriftlich vermerkt: „Seehunde für Genosse Walter“. Das machte mich natürlich neugierig, ich entfernte die Kordel und was die gut einhundert Blätter mir offenbarten, wirft ein völlig neues Licht auf den früheren Staatsratsvorsitzenden.
Die Briefe sind chronologisch geordnet und alles beginnt 1954 mit einer als „vertraulich“ gekennzeichneten Mitteilung von Ulbrichts Sekretär an den Zoo Rostock, dessen Leiter Rudi Baldwech er aus Studientagen kannte. „Werter Genosse“, ist darin zu lesen, „ich hoffe, ihr könnt uns bei einem großen Problem helfen. Genosse Walter hat uns heute versammelt und mit einer besonders heiklen Aufgabe betraut. Wie ihr alle wisst, ist unser Erster Sekretär des Zentralkomitees ein äußerst tierlieber Mensch. Wenn er wieder mal stundenlange Diskussionen zum Wohle des Volkes bewältigen musste, hilft ihm nichts so sehr beim Entspannen wie das Streicheln eine kuscheligen Tieres.“
 
Und jetzt kommt die Überraschung, was bisher noch nie in die Öffentlichkeit gelangt war. Den Akten der Birthler-Behörde sei Dank, dass es nun so weit ist: „In letzter Zeit hatte Genosse Walter bei Kaninchen und Katzen zunehmend ein Problem“, ist da zu lesen, „denn jedes Mal bereiten sich nach kurzer Zeit schon zahllose und schrecklich juckende Pusteln auf dem Körper des Genossen aus, und er muss seine Entspannung schleunigst abbrechen.“
Walter Ulbricht
Nicht nur Staatsratsvorsitzender, sondern
nach langen Experimenten auch
großer Seehundfreund
Im Antwortbrief empfiehlt der damalige stellvertretende Leiter des Rostocker Zoos, Dr. Alfred Nochwasda, an der Berliner Charité einen Test des Genossen Walter auf Tierhaarallergie vornehmen zu lassen. Dies scheint auch geschehen zu sein. Auch wenn es etwas dauerte, denn der nächste Brief in den Stasiunterlagen zu diesem Fall datiert auf den 26. März 1954.
 
Hierin teilt ein Mitarbeiter in Berlin namens Fleißig-Horch dem Leiter des Rostocker Zoos mit, dass Genosse Walter allergisch auf alle Tierhaare reagiere. Die entscheidende Frage: „Unser oberster Genosse kann sich nach langen Sitzungen oder Reden nicht entspannen, wenn er keine Tiere streicheln darf. Welche Tiere könnten Sie als Alternative empfehlen?“
Eine heikle Aufgabe: Genosse Ulbricht braucht
ein neues Kuscheltier und gibt seinen
Mitstreitern den Suchauftrag
Es dauerte keine zwei Wochen laut Eingangsstempel und in Berlin ging die Antwort aus Rostock ein. Wieder unterzeichnet von Alfred Nochwasda, jetzt Leiter des Rostocker Zoos, nachdem Rudi Baldwech sich bei einem Symposion in Helmstedt zum Thema „Die Zauneidechse“ in den Westen abgesetzt hatte. Aber zurück zum eigentlichen Thema:
 
Alfred Nochwasda empfahl, erst einmal Tiere zu erproben, die keinerlei Haare haben. Sollte dabei „nichts dem Volke im Sinne der Entspannung des Sekretärs dienliches“ sein, könne man immer noch „mit extremst kurzhaarigen Vertretern der Fauna“, fortfahren.
 
Die Akte „Seehunde für Genosse Walter“ offenbart auf ihren folgenden Seiten, dass über die Jahre hinweg ständig Versuche mit den verschiedensten Tieren durchgeführt wurden. Sogar Fotodokumentationen sind dabei, welche diese Versuche belegen.
 
So sieht man auf einem Bild, ungenau datiert Sommer 1955, den ZK-Sekretär Walter Ulbricht beim Streicheln einer Schildkröte. Auf dem beiliegenden Brief an den neuen Leiter des Rostocker Zoos, Jochen Erztreu – sein Vorgänger Alfred Nochwasda hatte sich bei einem Kongress zum Thema „Der Mauersegler“ in Berlin Mitte in den Westen abgesetzt – wird das Ergebnis des Versuchs übermittelt.
„Auf der einen Seite war Genosse Walter mit dem Ergebnis zufrieden“, ist auf dem Brief vom 8. August 1954 zu lesen, „denn nach dem Streicheln des Panzertieres machte sich keinerlei hautreizende Reaktion beim Genossen bemerkbar.“ Kritisch wird allerdings angemerkt – und damit war die Schildkröte mit Namen „Sergej“ wohl durchgefallen – dass das Streicheln des „äußerst harten und unnachgiebigen Panzers dem Genossen keinerlei Wohlgefühl bereitete, und er das Kratzen von Sergejs Krallen auf seinem Schoß auch nicht angenehm empfand.“
 
Wie viele weitere Tests wirklich durchgeführt wurden, ist nicht genau bekannt, denn die Akte, die ich in der Birthler-Behörde gefunden habe, weist offensichtlich einige Lücken auf. Niemand weiß also genau, wie viele Tiere in den geheimen Experimenten sonst noch den Allergie-Streicheltest mit Walter Ulbricht unterzogen wurden. Belegt sind weiter aber Tests mit Bildbelegen aus den Jahren: 
Kein Erfolg: Kuscheln mit Schildkröter "Sergej"
 
 
 
- 1957 (Testtier Leguan „Wilhelm“, Urteil: „Weicher als Sergej, aber immer noch nicht flauschig genug. Und noch viel kratziger.“);
- 1959 (Testtier Karpfen „Jozef“, Urteil: „Weich, kratzt nicht, aber sehr kalt und bewegt sich nach einer halben Stunde gar nicht mehr.“);
 
 
 
 
- 1958 (Testtier Python „Leonid“, Urteil: „Nicht kratzig, aber sehr glatt, nicht warm genug und sieht irgendwie auch sehr komisch aus. Ich mag ihn nicht.“);
- und 1960 (Testtier Ohrenqualle „Alexander“, Urteil: „Kratzt überhaupt nicht, eignet sich aber kaum zum Streicheln und noch nasser als der Fisch.“)
 
 
Eine Anweisung des Ministeriums für Staatssicherheit an den Rostocker Zoo vom 29. Februar 1961 lautete daher: „Genosse Staatsratsvorsitzender bedankt sich herzlich für die Hilfe und ordnet an, dass der Zoo Rostock an geeigneter Stelle in der Nähe der Hansestadt eine kleine Seehundstation einrichten möge, wo einige dieser Tiere gehalten werden, damit Genosse Walter sich nach anstrengenden Sitzungen in der Hauptstadt sich fern der Pressebeobachtung dort beim Streicheln der Seehunde entspannen kann.“ Gemeinsam mit Erich Honecker und Günther Mielke fasste Ulbricht damals diesen Beschluss und stieß mit beiden – ein Foto belegt es – darauf an.
 
Endlich Erfolg: Seehund "Erich" war kuschelig, kratzte und juckte nicht
Prosit: Mielke und Honecker stoßen mit Walter Ulbricht und Seehund Erich darauf an, dass er fündig wurde...
 
Dr. Hans Werbinch, neuer Leiter des Rostocker Zoos – nachdem sein Vorgänger Erztreu seinen Wohnsitz in die Nähe von Irkutsk verlegt hatte, weil bekannt geworden war, dass ihn der amerikanische CIA auf dem Kongress „Der Maulwurf“ als Informanten geworben hatte – ergriff sofort Maßnahmen.
 
Schnell war am Breitling eine geeignete Stelle gefunden, nicht weit von der heutigen Seehundstation. Walter Ulbricht hatte ursprünglich eine völlig freie Haltung der Tiere gefordert. Aber Werbinch als erfahrener Zoologe und Tierparkleiter (unter anderem in Bautzen) widersprach diesem Ansinnen am 8. Juni 1961: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, sagte er damals – ein Satz den Walter Ulbricht eine Woche später unbewusst wiederholen sollte – „aber wenn wir das nicht machen, sind die alle ruck zuck weg in den Westen geschwommen, weil’s denen in der Nordsee besser gefällt.“
 
Und so entstand am Breitling vor Rostock bei Hohe Düne eine kleine feine Seehundstation, die der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht regelmäßig besuchte, ums sich beim Streicheln von Seehunden von seinem politischen Wirken zu entspannen. Knapp zehn Jahre lang empfing er hier auch internationale Gäste wie Chruschtschow oder den ägyptischen Präsidenten Nasser, was Fotos belegen.
Auch Chruschtschow besuchte Ulbrichts Seehundstation. Sie zeigen, wie groß der älteste Seehund inzwischen ist
Gemütlicher Plausch mit Ägyptens Präsident Nasser und Seehund beim Besuch in Hohe Düne
 
Erst 1971 war es vorbei. Mit Ulbrichts Macht und auch mit der Seehundstation. Denn der letzte Brief in der Akte „Seehunde für Genosse Walter“ zeigt uns die Zeile „Weg mit diesen widerlichen fetten Würmern, ich konnte sie noch nie ausstehen. Macht die Station dich“. Und unterzeichnet ist dieser Brief vom neuen Staatsratsvorsitzenden der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker. Gerüchten zufolge soll er die Seehunde als erfahrener Jäger selbst geschossen und die Strecke in Hohe Düne ausgelegt haben. Aber das sind wirklich Gerüchte.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008
 
 
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