7 - In das Bermuda-Dreieck - Mig Phoenix

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 7. Von Schmarl 
     ins Bermuda-Dreieck
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Obwohl – in diesem Fall weiß es bisher fast keiner, aber die Geschichte wird unvergesslich bleiben. Sie handelt von Alfons Zimmerer aus Bad Doberan, der am Mittwoch, 20. Februar, die Ostsee Messe in Rostock besuchte.
Der Messeslogan „Schaufenster des Nordens“ sollte für ihn noch eine weitere Bedeutung bekommen: „Das Tor in eine andere Welt.“ Als ich von der Geschichte erfuhr, besuchte ich ihn eine Woche nach den rätselhaften Ereignissen, um seine Erlebnisse aufzuzeichnen.
Doch zurück zum Anfang. Alfons Zimmerer, 60 Jahre alt, hatte sich schon seit einigen Wochen auf die Messe gefreut. Besonders die große Blumenpracht hat es ihm als leidenschaftlichem Kleingärtner schon immer angetan. Und so gehört er selbstverständlich schon am frühen am Mittwochmorgen zu vielen tausend älterer Herrschaften, die den Tag der Offenen Tür in Schmarl für einen kostenlosen Messebesuch nutzen. Man sollte ja stets über alles auf dem Laufenden bleiben.
Durch ein Zeitloch von der Ostseemesse in den Junkanoo auf
den Bahamas? Alfons Zimmerer ist es wohl passiert
„Ich war mit den ersten in der Halle“, erinnert er sich, „obwohl es mir kreislaufmäßig nicht so gut ging.“ Neben den vielen Ständen die er besucht hatte – beim Reservistenverband hatte er einen netten Plausch über seine Zeit in der NVA, bei TV Rostock erkundigte er sich nach dem zukünftigen Programm – erfreute er sich natürlich an den vielen Blumen.
 
Auch, wenn er zwischendurch immer wieder leichten Schwindel verspürte, „einen abschließenden Ausblick von der Brücke über dem Teich auf das Ausstellungsgelände“ wollte er sich doch gönnen. Was dann geschah, hier seine eigenen Worte: „Ich kam schon etwas ins schnaufen, als ich die Treppe am Fuß der Holzbrücke hochstieg. Aber ich fühlte mich eigentlich ganz gut. Nur die vielen Menschen um mich herum bedrückten mich etwas. Sie müssen wissen, in Kaufhäusern oder bei der HanseSail mag ich das auch nicht, zwischen so vielen Leuten zu stehen. Ich bin eben eher der Naturmensch“, fügt er lächelnd hinzu.
 
Oben auf der Brücke hatte er dann ein ganz seltsames Gefühl: „Ich glaubte plötzlich, die anderen Leute würden von mir zurückweichen. Aber dann begann auch schon alles sich zu drehen. Ich sah die bunten Farben der Messe nur noch wild im Kreis um mich herumfliegen. Als es dann schwarz vor meinen Augen wurde, war mein einziger Gedanke: Bitte nicht schon wieder ein Kreislaufzusammenbruch – sie müssen wissen, ich hatte letztes Jahr schon mal einen und musste zwei Tage in Bad Doberan im Krankenhaus liegen.“
 
Doch dann wurde es um ihn herum wieder heller. Farben kreisten immer noch in rasantem Tempo: „Aber das wurde immer langsamer und bald konnte ich erkennen, dass ich wieder zwischen lauter Menschen stand. Ich war vielleicht froh, dass ich sogar noch stand und nicht am Boden lag, alle anderen über mich gebeugt.“
 
Doch diesmal schien nichts passiert zu sein, denn die anderen Menschen schienen ihn gar nicht zu beachten, sondern sahen einem bunten Treiben auf der Straße zu. „Da wurde mir erst klar, dass hier irgendwas nicht stimmt. Denn der bunte Umzug mit den Kostümen in knalligen Farben gehörte ganz bestimmt nicht zur Ostsee Messe.“
 
Und dann fiel ihm erst etwas auf, was er eigentlich hätte schon direkt merken müssen: Die Menschen um ihn herum waren ganz gewiss keine Mecklenburger, denn statt heller Haut und blonden Haaren sah er fast nur Schwarze mit dunklen Locken. „Und Deutsch oder Platt sprachen die auch nicht. Ich hatte direkt vermutet, dass es so was wie Englisch war, aber als gelernter DDR-Bürger hat man das ja nicht gelernt“, ergänzt er schmunzelnd.
 
„Und es war dann ja erst mal das größte Problem“, erinnert er sich noch immer beeindruckt, „ich wusste nicht wo ich war, ich sprach die Sprache nicht, und alles was ich außer meiner Kleidung dabei hatte, war meine Geldbörse mit etwa fünf Euro und die Tüte vom Reservistenverband, in dem ich das Buch vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge – Sie müssen wissen, mein Vater wird seit Stalingrad vermisst – und drei Aufkleber hatte.“
 
Zimmerer ging also zunächst einmal ziel- und planlos durch die Straßen der Stadt, wo überall dieses karnevalsähnliche Treiben herrschte. Nach einiger Zeit hörte er deutsche Stimmen. „Es war ein deutsches Ehepaar in kurzer Sommerkleidung“, erzählt der Reisende und nickt nachdenklich, „als ich die Frau fragte, wo ich hier bin, antwortet sie verständnislos, dass ich doch wissen müsste, dass ich mich in Nassau auf den Bahamas bei der Junkanoo-Parade am Neujahrstag befand. Dann stieß der Mann mich weg und meinte, ich soll meinen Rum doch woanders weiter saufen, in Dresden würde man sich nicht so benehmen.“
 
Und das war der Beginn einer Odyssee für Alfons Zimmerer, die mehr als sieben Wochen dauern sollte. Wie ohne Kenntnis der Sprache eine Botschaft finden? Wie nachweisen, wer man ist, wenn man außer fünf Euro und der Plastetüte nichts dabei hat? Wo übernachten?
 
Um es kurz zu machen, Alfons Zimmerer ist noch nie der Typ gegeben, der aufgibt. Er fand ein paar russische Touristen – Russisch hatte er ja gelernt – die ihm bei den Übersetzungen ins Englische zur Hand gingen. Warum die sich um ihn gekümmert haben? „Ich hab einfach vorgegeben unter Alzheimer zu leiden und deswegen nicht zu wissen, wie ich hier hingekommen bin“, erläutert Zimmerer mit pfiffigem Grinsen.
 
Und mit der Unterstützung von Boris und Ivanka, so die Namen der beiden Petersburger, fand er nach ein paar Nächten am Strand („Bei zwanzig Grad kein Problem“) und ein paar Lebensmitteln von freundlichen Einheimischen heraus, dass es in Nassau zwar keine Botschaft, aber immerhin ein deutsches Konsulat gibt.
Von seiner seltsamen Anreise erwähnte er natürlich auch hier nichts – „Ich wollte doch nicht direkt in die Klapsmühle eingewiesen werden“ – sondern gab auch hier Demenz als Grund für die Amnesie an. Trotz der Bemühungen des Konsuls – deutsche Bürokratie dauert – bekam Zimmerer erst am 19. Februar einen Rückflug nach Deutschland. Die Wochen davor hatte er auf Kosten des Konsulats in einem der günstigsten Hotels Nassaus zugebracht. „Mit kleinen Käfern als Untermietern“, erinnert er sich lächelnd.
 
Dann Ankunftsort Frankfurt am Main (kein anderer Flug war möglich) am 20. Februar, Zugfahrt über Rostock nach Bad Doberan, Ankunft bei der Familie am Abend. Erste Frage an ihn zuhause: „Wie war’s auf der Messe?“, denn es war genau der Tag, an dem er morgens zur Messe aufgebrochen war.
 
Was war geschehen? Ein Anhaltspunkt: Nassau befindet sich mitten im mysteriösen Bermuda-Dreieck, wo immer wieder Schiffe, Flugzeuge und Menschen verschwinden. Verschwinden jetzt in Schmarl Menschen, um dann im Bermuda-Dreieck wieder aufzutauchen? Ist Alfons Zimmerer durch Raum und Zeit gereist? Wenn ja wie? Und was wäre passiert, wenn er einen früheren Rückflug bekommen hätte. Hat deutsche Bürokratie verhindert, dass er sich zuhause selbst begegnet ist? Und kann man noch ruhigen Gewissens zur Hanse Messe gehen?
 
Fragen über Fragen, die sich heute noch nicht beantworten lassen. Noch nicht einmal von Alfons Zimmerer. Aber vielleicht in ein paar Jahren, wenn auch diese Geschichte zu Geschichte geworden ist.
 
© Mig Phoenix 2008
 
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