6 - Das Weiße Frau - Mig Phoenix

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6. Die Weiße Frau der
    Hohenzollernburg
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat man sie immer wieder im heutigen Kempinski gesehen: Die weiße Frau der Hohenzollernburg, das Phantom des Hotels, das in langem weißen Gewand, eine Zigarette auf langer Spitze durch die Gänge des Hauses wandelt. Erst seit kurzem hat sich etwas verändert, aber dazu später mehr.

Werfen wir zunächst einen Blick in die Geschichte: Im Jahr 1929 finden wir am 16. Februar in der „Ostsee-Zeitung“ den ersten Bericht, in dem Gäste die Begegnung mit dem Phantom der Hohenzollernburg schildern. Das Ehepaar Gerda und Prof. Dr. Karl v. Ganzweithinten aus dem bayerischen Frauenau kehrte gegen Null Uhr zehn aus dem Restaurant nach einer Geburtstagsfeier im Hauptgebäude zu seinem Hotelzimmer in der Hohenzollernburg zurück.
Auf dem Gang, nur wenige Meter vor ihrer Zimmertür, hatten sie dann die merkwürdige Begegnung. Plötzlich, als ob sie aus dem Nichts aufgetaucht wäre, stand eine große elegante blonde Frau ihnen gegenüber. Sie trug ein langes weißes Ballkleid und hielt in ihrer linken Hand eine Zigarette in einer langen goldenen Spitze. Lässig blies sie den Rauch aus dem Mundwinkel – und mit dem Rauch löste sich auch das Abbild der Frau auf.
 
Entsetzt rannte das Ehepaar zur Rezeption, wo man von einem vermeintlichen Phantom nichts wissen wollte. Doch eine gründliche Recherche in den lokalen Medien – teils sogar in den überregionalen – belegt Anderes:
 
1931, 11. August, wieder in der Ostsee-Zeitung: „Phantom der Hohenzollernburg erneut gesehen!“ Die Geschichte: Fast identisch mit der ersten Schilderung, allerdings hatte diesmal ein Parfümflakonproduzent aus Wuppertal-Oberbarmen das zweifelhafte Vergnügen.
Fakt ist: Phantome kann man nicht fotografieren.
Wir mussten also leider in einer Montage nachstellen,
wie die Weiße Frau jetzt vor der
Hohenzollernburg erscheint
1934, 17. Oktober, diesmal im „Bad Doberaner Anzeiger“: „Die Weiße Frau ist wieder da“ Gesehen von einem amerikanischen Paar, Peter und Paul Gay aus San Francisco.
 
1935, 12. März, sowohl „Ostsee-Zeitung“, „Schweriner Volkszeitung“ als auch der „Bad Doberaner Anzeiger“ melden die nächste Sichtung des Phantoms, beobachtet von einer Gruppe von neun Marineoffizieren aus Liechtenstein.
 
Und so geht es weiter. Immer wieder Berichte über die Weiße Frau der Hohenzollernburg, die rauchend durch die Flure des Hotels flaniert. Sogar internationale Medien nehmen das Heiligendammer Hausgespenst in ihre Seiten. „Mecklenburger Phantom“ titelte etwa die „Wiener Kronen Zeitung“; „Baltic Spook“ schrieb der „Chicago Observer“; sogar der „Nassau Guardian“ auf den Bahamas hatte eine Schlagzeile übrig: „Crazy Germans host Phantom at the Baltic Sea“.
 
Grund genug also, sich der Geschichte einmal näher anzunehmen. Ich fuhr dazu nach Hamburg, wo in einem Seniorenheim in Barmbek heute Krischan Flanner lebt. Wer ist Krischan Flanner, werden Sie sich jetzt zu Recht fragen und haben eine Antwort verdient: Krischan Flanner war 1924 im Alter von damals 16 Jahren Hotelpage in der Hohenzollernburg. Und am 4. März 2008 erreicht er das stolze Alter von 100 Jahren.
 
Bei Kaffee und Kuchen – Obststreusel mit Apfel und Kirschen in diesem Fall, was ich eigentlich gar nicht mag, aber nun gut, was tut man nicht alles für eine Recherche – erzählte mir Krischan Flanner von einer Begebenheit in jenem Jahr 1924. Trotz seines biblischen Alters erinnert sich der große hagere Mann mit den weißen Haaren noch sehr gut an seine damalige Ausbildungszeit in Heiligendamm.
 
Er war damals nur für die Gäste der 1848 im Tudorstil errichtete Burg Hohenzollern zuständig. Darunter befand sich auch ein wohlhabendes Brauereibesitzerpaar aus dem hohenzollerischen Sigmaringen im heutigen Baden-Württemberg. Der Besitzer des Zollerschen Hofbrauhauses Gernot Zoller und seine Ehefrau Sieglinde – mehr als zwanzig Jahre jünger als ihr Gemahl – verbrachten im März 1924 ihren Urlaub in Heiligendamm.
 
An was sich Krischan Flanner, der damalige Hotelpage, noch heute erinnert, als sei es gestern erst passiert: der ewige Streit zwischen den Eheleuten wegen des ständigen Rauchens der Gattin. Eine Zigarette nach der anderen steckte sie sich in ihre goldene Zigarettenspitze, stets von mehr oder weniger deutlichen Missbilligungsäußerungen ihres Gatten begleitet.
 
Immer wieder während des für drei Wochen geplanten Aufenthaltes des Paares kam es zu stets heftiger werdenden Streitereien zwischen den beiden. Es eskalierte an einem Samstagabend, als eigentlich ein Ball fürs Vergnügen der Gäste sorgen sollte. Während die anderen Gäste noch dem Hauptgebäude zustrebten, sahen einige plötzlich Sieglinde Zoller vom Dach der Hohenzollernburg stürzen. In ihrem weißen Ballkleid, die Zigarettenspitze in der linken Hand.
 
Von ihrem Mann gab es zunächst keine Spur, erst einige Minuten später fand man ihn im Treppenhaus der Hohenzollernburg, während das Blut seiner Gattin schon Ballkleid als auch Bodenplatten vor der Burg in dunkles Rot gefärbt hatten.
 
Erzählt Krischan Flanner ein Märchen? Wohl kaum, denn ein Blick in die Sigmaringer Lokalausgabe der „Schwäbischen Zeitung“ vom 6. März 1924 bestätigt die Geschichte: „Sieglinde Zoller, Gattin des Besitzers des Hofbrauhauses Gernot Zoller, verstarb vor zwei Tagen bei einem tragischen Unglücksfalle während ihres Urlaubs an der Ostsee.“
 
Die Rostocker Staatsanwaltschaft führte zwar Ermittlungen gegen den Ehemann durch, die mangels Beweisen aber bald eingestellt wurden. Aber bis heute ist das Gerücht nicht widerlegt, dass Gernot Zoller seine Frau im Streit über die Zigaretten vom Dach der Hohenzollernburg gestoßen haben soll – und sie seitdem als Phantom des Hauses spukt.
 
Aber nun zu den aktuellsten Ereignissen. Bisher wurde das Phantom der Burg stets in den Fluren des Hauses gesichtet – jedoch nicht mehr seit 2008. Keine einzige Sichtung mehr im Haus. Dafür aber plötzlich vor dem Haus! Seit Jahresbeginn gab es in Heiligendamm alleine siebzehn nächtliche Sichtungen der Weißen Frau vor dem Eingang zur Hohenzollernburg.
 
Und noch eine Änderung zum bisherigen Auftritt: Während die Weiße Frau seit jeher schweigend und rauchend durch die Gänge wandelte, steht sie nun vor der Tür, die Zigarettenspitze zwischen den Zähnen und leise Flüche über irgendeine Landesregierung vor sich hin murmelnd. Niemand weiß, was dieser gespenstische Verhaltenswandel zu bedeuten hat – böse Zungen erzählen etwas von Rauchverbot im Haus…
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008
 
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