5 - Die Riesenobstfliege - Mig Phoenix

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5. Drosophila lubminii -
    die Riesenobstfliege
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn das Ereignis liegt erst gut 30 Jahre zurück, wurde allerdings nur lokal und in Wissenschaftskreisen bekannt. Gemeint ist das massenhafte Auftreten übergroßer Obstfliegen in Küstenregionen im Jahr 1987.
Ich kam eher zufällig auf die Geschichte, als ich wegen Recherchen zu einer Sportstory im Archiv der Ostseezeitung die Greifswalder Lokalausgaben des Frühsommers 1987 durchforstete. Als kuriose Schlagzeile des Lokalteils der Freitagsausgabe vom 5. Juni 1987 fand sich hier die Meldung „Plage durch Riesen-Obstfliegen“.
 
Es wurde berichtet, dass seit einigen Tagen – zuerst in Lubmin, später bis Greifswald – entlang des Boddens immer häufiger Fliegen der Art Drosophila melanogaster auftraten. Gemeinhin als Obstfliege bekannt. Sind die normalen schon mehr als störend, wenn sie in großen Mengen auf Obst und Gemüse sitzen, so war diese Variante noch störender. Denn statt der üblichen zwei bis drei Millimeter erreichten sie die drei bis sogar vierfache Länge. Und egal ob Mango, Ananas, Papaya, Physalis – was damals zwischen Stettin und Lübeck auf der Obstschale lag, die Tiere saßen drauf.
Fleißigen Schülern der Greifswalder Erweiterten Oberschule sei es zu verdanken gewesen, heißt es im Lokalteil der „Ostsee-Zeitung“, dass mehrere tausend dieser ungewöhnlichen Exemplare eingefangen und an das zoologische Institut der Berliner Humboldt-Universität geschickt wurden.
 
Ich habe auch die folgenden Ausgaben der Greifswalder „Ostsee-Zeitung“ durchblättert, fand aber keinen weiteren Hinweis mehr. Man kann also davon ausgehen, dass sich die Plage durch die Riesen-Obstfliegen von selbst erledigt hatte. Was sich nicht erledigt hatte, war meine Neugier. Denn ich hatte im Hinterkopf, bei einer anderen Recherche schon einmal einen Bericht oder zumindest eine kleine Meldung beim Durchblättern gesehen zu haben. Ich wusste bloß nicht mehr genau wo. Also war ein wenig Fleißarbeit angesagt, die aber Erfolg zeitigte: Ich fand noch drei weitere Erwähnungen der Riesen-Obstfliege in der „Ostsee-Zeitung“. Zwar nicht mehr so ausführlich wie im Greifswalder Lokalteil, aber immerhin.
Am 20. Juli 1987 veröffentlicht die "Ostsee-Zeitung" im Lokalteil Stralsund ein Foto der Riesen-Obstfliege.
Auf einer Tulpe sitzend zeigt die Fliege ihre Größe
Die zeitlich folgende Erwähnung findet sich im Stralsunder Lokalteil am Samstag, 20. Juni 1987, auf Seite zwei: „Oma von den Fliegen genervt“ heißt die reißerische Überschrift einer kleinen Meldung, die sogar von einem Bild geschmückt wird. Die Meldung berichtet, dass nicht nur Oma Mücke in Ummanz derzeit von den viel zu großen Obstfliegen geplagt wird, sondern die ganze Region des Kubitzer Boddens bis hinunter nach Stralsund.
 
Bestätigung dafür erhielt ich auch durch einen Anruf bei einem Bekannten im Archiv der Bundeswehr, in dem unter anderem die verblieben Akten der Nationalen Volksarmee aufbewahrt werden. Für eine Flasche Whisky machte er sich in seiner Freizeit daran, die Unterlagen des NVA Marinestützpunktes Parow durchzusehen. Und wurde fündig. Unter dem Datum Donnerstag, 18. Juni 1987, fand sich in den Akten des Sanitätsbereiches der Eintrag, dass gegen die Plage durch große Obstfliegen in den Küchentrakten nunmehr chemische Stoffe eingesetzt würden, um ihrer Herr zu werden.
 
Montagsausgabe der „Ostsee-Zeitung“, Lokalteil Rostock, vom 13. Juli 1987, Seite drei: „Fliegen von Ribnitz bis nach Rostock vorgedrungen“. Die Meldung ist nur sehr kurz: Vor einer Woche sei es bei Ribnitz-Damgarten zu einer Invasion großer Obstfliegen gekommen, die sich jetzt in den Bereich des Breitling verlagert habe.
 
Also warum nicht noch einmal die militärischen Verbindungen abrufen: In den Unterlagen des Marinestützpunktes Hohe Düne wird wie in Parow der Einsatz von Desinfektionsmitteln im Küchenbereich notiert, Datum 10. Juli. Und ein russischer Freund (diesmal eine Flasche Wodka beim nächsten Besuch) wurde in den Unterlagen der Roten Armee auf dem Flugplatze Pütnitz fündig: Kurze Notiz mit gleichem Inhalt vom 8. Juli.
 
Damit zur letzten Meldung in der „Ostsee-Zeitung“. Fast gleicher Inhalt, wie in der Rostocker Ausgabe, nur diesmal im Lokalteil von Bad Doberan und die Fliegen traten im Raum Rerik auf. Erscheinungstermin Samstag, 25. Juli. Und wieder eine Bestätigung: Desinfektion des Küchentraktes in der sowjetischen Kaserne auf Wustrow am 22. Juli.
 
Was ist davon zu halten? Eine Nachfrage bei Prof. Dr. Brummer vom KUNZ (Karlsruher Universitäts-Nuklear-Zentrum) nach der Möglichkeit einer Mutation von Drosophila melanogaster brachte eine überraschende, aber eigentlich nicht erstaunliche Antwort: „Was für eine Frage“, antwortete er am Telefon, „das Atomkraftwerk in Lubmin, das seine Abwässer damals in den Bodden geleitet hat, könnte durchaus für die Mutationen verantwortlich sein.“
 
Sein Tipp: ein Gespräch mit einem der angesehensten Spezialisten auf dem Gebiet der Forschung zu Mutationen durch Radioaktivität, Dr. Thomas Error-Fly vom berühmten Harrisburg Institute for Nuclear Zoology (HINZ).
 
Gesagt, getan, telefoniert. Nach drei Tagen gelang es mir, die Koryphäe an den Apparat zu bekommen. Mutation durch radioaktive Lecks? Seine Antwort: „Im Prinzip möglich.“ Aber wieso die Verbreitung nach Westen? T. Error-Fly lacht: „Haben sie in den Zeitungen auch den Wetterbericht angesehen?“ Nein, Mist.
Also wieder ins Archiv der „Ostsee-Zeitung“ und richtig: Anfangs Winde aus Südost, welche die Fliegen von Greifswald nach Stralsund trugen. Dann drehte der Wind auf Ost-Nord-Ost und trug die ohnehin schon recht flugträgen – in der Riesenvariante noch mehr – Insekten bis hinab ans Salzhaff. Und dann ein Wetterwechsel. Plötzlich stabiler und starker Südwestwind. Das Ende für die Reisenobstfliegen, die so auf die freie Ostsee getragen wurden und hier ihr Ende fanden.
 
Aber was war eigentlich aus den Exemplaren geworden, welche die Greifswalder EOS-Schüler zur Humboldt-Uni geschickt hatten? Ein Einblick in verstaubte Akten des zoologischen Instituts gibt die Antwort auf die Frage: „Untersuchte Tiere wurden als neue Spezies klassifiziert. Name: Drosophila lubminii. Weiteres Auftreten nicht bekannt. Gezeichnet: Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts, Donnerstag, 14. Januar 1988.“ Ende des Falls.
 
Was es wirklich mit Drosophila lubminii, der „Lubmin-Obstfliege“ auf sich hat? Man weiß es nicht genau. Ebenso wie die wahren Hintergründe für ihr Entstehen im Dunkeln bleiben. War wirklich eine Panne im Kernkraftwerk Lubmin der Auslöser für die Mutation – oder hatte sie ganz natürlich Ursachen und nach Darwins Lehre starben die Tiere wegen Lebensuntüchtigkeit sehr schnell wieder aus. Es wir bis auf weiteres ein Rätsel bleiben.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008
 
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