4 - Der Werwolf - Mig Phoenix

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

MMHT > MMHT (Deutsch) > Nr. 1 - 10
Bookmark and Share
 4. Der Werwolf
     in den Wäldern der Kühlung
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Normalerweise beginnen meine Geschichten mit diesen Worten. Diesmal nicht. Denn keiner erinnert sich mehr dran, außer den Akten, tief, tief  in den Regalen. Um genau zu sein: die Chroniken verschiedener Städte, die sich im Landesarchiv in Schwerin befinden. Denn sie berichten über Ereignisse im Jahr 1778, die damals nur einen Schluss zuließen: Ein Werwolf suchte die Region der Kühlung heim.
Eigentlich war es reiner Zufall, dass ich auf die Geschichte stieß. Zu einem Artikel recherchierte ich im Landesarchiv und kam mit einem der Mitarbeiter ins Gespräch. Als das Thema auf die Region um Kühlungsborn kam, sah er mich auf einmal an und fragte, ob man die Geschichte des Werwolfs dort eigentlich kenne. Ich war verblüfft und verneinte. Und so kam es, dass mir Chroniken und Gerichtsprotokolle zugänglich wurden, die einen einzigartigen Fall dokumentieren. Eine Recherche, die sich lohnte:
 
Die erste Erwähnung findet die Geschichte in der Brunshauptener Chronik aus dem Jahr 1712.
Unheimliche Begegnung in einer Vollmondnacht: Die Fotomontage zeigt, wie es sich ungefähr zugetragen haben muss, als der schreckliche Werwolf den Seemann Christian Berthold in der Nacht zum 21. Februar 1712 nahe dem Großen Jägerberg in der Kühlung anfiel
Eigentlich war es reiner Zufall, dass die Milly Buchwurm aus dem oberschwäbischen Laupheim,  Geschichtsstudentin an der Universität Falkenberg, 2015 auf die Geschichte stieß. Für eine Semesterarbeit recherchierte sie im Landesarchiv in Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt Schwerin, wo sie mit einem Mitarbeiter des Archivs ins Gespräch kam.
 
Als das Thema auf die Region um Kühlungsborn kam, sah er sie auf einmal an und fragte, ob man die Geschichte des Werwolfs dort eigentlich kenne. Sie war verblüfft und verneinte. Und so kam es, dass Chroniken und Gerichtsprotokolle zugänglich wurden, die einen einzigartigen Fall dokumentieren. Milly begann eine Recherche, die sich lohnte:
 
Die erste Erwähnung findet die Geschichte in der Brunshauptener Chronik aus dem Jahr 1712.
 
Hier wird von einem grausigen Mord berichtet, der sich am 22. Januar in den Wäldern der Kühlung zugetragen haben soll. Opfer war seinerzeit Isolde Magenbert, die Magd einer Brunshauptener Bauernfamilie. Nachts war sie noch zu einer Tanzveranstaltung in Kröpelin im Gasthof Krähe gewesen und hatte sich dann zu Fuß auf den Rückweg gemacht. Am nächsten Morgen fand man ihre Leiche unweit des Weges, „entsetzelichst zugerichtet in der Vollmondnacht“, wie der Chronist vermerkt.
 
Der Brunshauptener Arzt untersuchte die sterblichen Überreste der unglücklichen Magd und kam zu dem Ergebnis: „Man könnte schließen, sie sei von einem Tiere angefallen worden, etwa einem Hunde oder Wolfe. Nur mit Blick auf die Größe der Wunden kann man schon wieder zweifeln, ob es solch große Hunde oder Wölfe gebe. Man sollte auch in Betrachte ziehen, dass ein seiner Geisteskräfte beraubter Mensch als Täter in diesem schrecklichen Fall Frage käme.“
 
Im Raum westlich Rostocks ging die Angst um. Kaum jemand wagte sich nachts noch auf die Straße. Aber es geschah nichts. Vorerst nichts. Erst, als vier Wochen später wieder der Vollmond die Küste nachts beleuchtete, und sich der Seemann Christian Bertold am 21. Februar 1712 nach langer Fahrt und Ankunft seines Schiffes in Rostock auf den Weg in seine Heimat Brunshaupten machte. Ein Bekannter hatte ihn in der Kutsche bis Diedrichshagen mitgenommen, von hier wählte er gegen 19 Uhr den Fußweg durch die Kühlung.
 
Durch seine Abwesenheit hatte er von dem schrecklichen Zwischenfall einen Monat zuvor nichts mitbekommen, er wunderte sich bloß, dass er keine Menschen auf den sonst gut genutzten Wegen sah. Er wählte die kürzeste Strecke über den Buttweg und passierte gerade den Großen Jägerberg, als er plötzlich Schritte hinter sich vernahm, die ihm zu folgen schienen. Er drehte sich um, und obwohl der Mond den Wald gut beleuchtete, war nichts zu sehen – und auch nichts mehr zu hören.
 
Also setzte Christian Berthold seinen Weg fort – und die Schritte waren wieder da, nur diesmal schienen sie näher zu sein. Ein Blick über die Schulter, erneut verstummte das Geräusch und nichts war zu sehen. Während sich dies mehrfach wiederholte beschleunigte Berthold sein Tempo. Am Ende lief er den Weg durch die Kühlung den Berg hinab. Bis das Wesen hinter ihm zum Sprung ansetzte.
 
Klauen gruben sich in Christian Bertholds Oberschenkel und rissen eine große Wunde. Er fühlte das warme Blut über sein Bein laufen, konnte es aber verhindern zu straucheln. Dann kam der nächste Angriff. Pranken legten sich auf beide Schultern des Fliehenden und er konnte heißen, übel riechenden Atem neben seinem Kopf spüren. Geschult durch viele Hafenkneipenprügeleien schaffte er es aber erneut, den Verfolger von sich abzuschütteln. Dieser stürzte dabei in ein dunkles Gebüsch, und Christian Berthold nutze die Gelegenheit zur Flucht aus dem Wald.
 
In Brunshaupten angekommen meldete er sich direkt beim zuständigen Dorfgendarmen, der das Protokoll aufnahm, welches heute im Landesarchiv liegt und von diesem Vorfall berichtet.
 
Und das Protokoll hatte auch damals Folgen. Christian Berthold hatte den Angreifer nur schlecht erkennen können, aber in einem war er sich sicher: „Es sei weder Tier noch Mensch gewesen.“ Für einen Hund oder Wolf war es viel zu groß und menschenähnlich. Aber ein Mensch war es nach Bertholds Beschreibung auch nicht. Schnell bahnte sich in der abergläubischen Zeit ein Gerücht den Weg: Ein Werwolf haust in der Kühlung!
 
Ab nun wurden in Vollmondnächten die Türen verriegelt und kein Mensch wagte sich mehr auf die Straße. Aber die kommenden Vollmondnächte verliefen – wohl wegen der starken Bewölkung – ohne Zwischenfälle, während die Bevölkerung sich auf die Suche nach dem machte, welcher der Werwolf sein könnte.
 
Dann kam der 19. Juni 1712: Nach der sternklaren Vollmondnacht des Vortages fanden Bauern aus Wichmannsdorf nahe dem Zimmerberg die Leichen von drei Zimmerleuten auf Wanderschaft. Das Wesen sei „mit Bedacht der gräßlichen Wunden ohnzweifeligst der Meuchler“, notierte der Brunshauptener Dorfchronist. Von da an intensivierte sich die Suche nach dem potenziellen Monster.
 
Und bald hatte der Volkszorn eine Vermutung: Caspar Temmler, ein geistig zurückgebliebener Sohn eines Landarbeiters aus Wichmannsdorf, musste der Täter sein. Denn erstens war der Dorfdepp den anderen schon immer wegen seiner ausgedehnten Nachtspaziergänge durch die Kühlung unheimlich. Zweitens hatte man eine Weidenpfeife, die früher in seinem Besitz gewesen war, nahe dem Tatort gefunden.
 
Das schien Argument genug. Temmlers Beteuerungen, er hätte die Pfeife einige Tage zuvor bei einem Spaziergang verloren, fanden keinen Glauben, wie die Polizeiprotokolle im Landesarchiv belegen. Am 17. Juli wurde Casper Temmler festgenommen und ins Stadtgefängnis nach Rostock gebracht. Als in der folgenden Nacht, dem Juli-Vollmond, Temmler anfing zu heulen wie ein Wolf, war für die Behörden der Fall klar. Temmler war der mordende Werwolf!
 
Am 16. August, so die Rostocker Gerichtsakten, wurde der Wichmannsdorfer Landarbeitersohn Casper Temmler zum Tode verurteilt und er starb einen Tag später auf Henkersblock der Richtstätte der Hansestadt. Seine Leiche wurde den Eltern übergeben, die ihn „an unbekannter Stelle“ – so die Brunshauptener Chronik im Landesarchiv in Schwerin – in seiner geliebten Kühlung begruben. Niemand weiß bis heute, ob Temmler wirklich der Mörder war.
 
Was aus Christian Berthold wurde, dem überlebenden Opfer der Kreatur, ist unbekannt. Er ging wieder als Seemann auf große Fahrt. Und brachte so eventuell das Unheil von Brunshaupten hinaus in die weite Welt…
 
© Mig Phoenix 2007
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü