3 - Der Rentierschlitten - Mig Phoenix

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 3. Der Rentierschlitten
     vor dem Gespensterwald
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Auch wenn es jetzt schon mehr als 80 Jahre her ist, die Geschichte wird in der Region noch immer weitererzählt. Es ist die Geschichte von Claas Schmidt und Lutz Müller, die im Jahr 1925 am Heiligabend an der Ostseeküste bei Nienhagen einen mysteriösen Rentierschlitten erblickten…
Als ich die Erzählung über die beiden Jungen das erste Mal hörte, war ich gleich fasziniert. Hier in der Gegend waren die beiden Hauptpersonen nicht mehr zu finden und mussten inzwischen ja auch schon fast 90 Jahre alt sein – wenn sie denn überhaupt noch lebten. Ich unternahm aber trotzdem optimistisch den Versuch sie ausfindig zu machen. Und nach knapp zwei Jahren hatte ich Erfolg. Claas Schmidt lebt heute mit seiner Ehefrau in einem Seniorenheim in Bad Homburg bei Frankfurt. Lutz Müller, mittlerweile verwitwet, in einem Pflegeheim im schleswig-holsteinischen Rendsburg.
Ungefähr so muss es ausgesehen haben, was Claas und Lutz an Strand vor dem Gespensterwald bei Nienhagen im Jahr 1925 erblickten: Ein Schlitten mit sieben Rentieren, gesteuert von einem Mann in dicken Pelzen
Als ich für den „Ostsee Anzeiger“ im Herbst des Jahres 2007 die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt und kurz darauf die Windenergiemesse in Husum besuchte, nutzte ich beide Fahrten, um die beiden alten Herren zu besuchen.
 
Und es war erstaunlich. Von einigen Details abgesehen – was nach 82 Jahren nicht verwundert – erzählten beide das Gleiche. Und sie schwören Stein und Bein, dass diese Geschichte auch genau so passiert ist.
Zeitsprung: 1925 sind die beiden Fischersöhne Claas und Lutz sieben Jahre alt und die besten Freunde. Gut, die Region war damals außerhalb der Großstädte nicht sehr dicht besiedelt und die Auswahl an besten Freunden war nicht so groß. Aber die beiden verstanden sich wirklich prächtig und verbrachten nach der Schule den ganzen Tag miteinander. Auf ausgedehnten Expeditionen erkundeten sie die Umgebung – ja, mangels „Playstation“ und „Super RTL“ hielten sich Kinder zu jener Zeit wirklich noch draußen auf.
 
Ihre Lieblingsplätze waren natürlich der Ostseestrand, wo sie regelmäßig aber nur sehr mäßigem Erfolg auf der Jagd nach dem größten Bernstein aller Zeiten waren. Und außer dem Strand war selbstverständlich der Gespensterwald ihr zweites Zuhause.
 
Hier kannten sie fast jeden Baum mit Vornamen, und während andere Kinder aus Angst vor den Gespenstern keinen Schritt ins Gehölz wagten – Claas und Lutz waren furchtlose Helden. Dachten sie jedenfalls. Bis zu jenem Heiligabend im Jahr 1925.
 
Um sich die Zeit bis zur sehnsüchtig erwarteten Bescherung zu vertreiben, unternahmen die Beiden einen ihrer Ausflüge in den Gespensterwald. Es war ein kalter Tag und der Schneesturm in der Nacht zuvor hatte die Landschaft und den Strand von einem Tag auf den anderen in eine weiße Weihnachtslandschaft verwandelt. Auch an jenem Heiligabend, es war ein Donnerstag, zogen immer wieder Schneeschauer über die Mecklenburger Küste.
 
Doch unbeirrt von der teilweise schlechten Sicht zogen unsere Helden los, versuchten Tierfährten zu folgen bevor diese zugeweht waren, sprangen mit Anlauf in hohe Schneeverwehungen am Rand des Ackers und warfen schließlich Schneebälle von der Steilküste auf den Strand.
 
Und bei einem dieser Würfe war etwas anders als sonst. Während man sonst kaum hörte, ob der Schneeball unten aufschlug – sehen konnte man es im allmählich abnehmenden Schneesturm ohnehin kaum – gab es diesmal eine Reaktion: „Hey, was soll das“, schien eine tiefe Stimme vom Strand herauf zu rufen.
Claas und Lutz hielten verwundert inne und ließen die restlichen vorbereiteten Schneebälle zu Boden fallen. Ganz langsam wagten sie sich an die Kante der Klippe um durch den Schnee zu sehen, wer an solch einem Tag und zu solcher Zeit und bei solchem Wetter denn da unten am Strand vor dem Gespensterwald wäre. Fischer, das war ihnen klar, konnten es nicht sein.
 
Der Schneesturm schlief jetzt ein und sie erkannten – zunächst nur die Umrisse, dann immer mehr Details – was dort unten am Strand war. Und so wenig bedrohlich es auch wirkte, beide bekamen eine Gänsehaut und spielten mit dem Gedanken, direkt weg zu laufen. Doch die Neugier hielt sie noch an der Klippe.
Denn dort unten stand ein Schlitten, dem sieben Rentiere vorgebunden waren. Auf dem Schlitten saß ein dicker Mann – oder er wirkte nur so groß, weil er über und über in dicke Pelze gekleidet war – und hinter ihm türmten sich Säcke auf.
 
Kreidebleich sahen die beiden Jungen sich an: „Der Weihnachtsmann“, flüsterten sie sich gleichzeitig zu, um dann noch schneller, als sie eigentlich laufen konnten, nach Hause zu rennen. Der Schneesturm hatte inzwischen zum Glück ganz aufgehört, so dass keine Gefahr bestand, dass sie sich verliefen.
Zuerst kamen sie am Haus von Claas Schmidt an. „Wir haben den Weihnachtsmann gesehen“, keuchten sie beim Betreten der mollig warm geheizten Wohnstube. Ungläubiges Lächeln dort. „Doch kommt mit, wir zeigen ihn euch“, riefen sie laut in das verwirrte Schweigen und Lutz Müller sagte noch: „Ich geh schnell nach nebenan und sag auch meinen Eltern Bescheid.“
 
Und so machte sich zehn Minuten später eine Gruppe aus etwa zwölf Personen, die Mütter blieben zuhause, auf den Weg zum Strand vor dem Gespensterwald. Schlitten, Rentiere, Weihnachtsmann? Nichts zu sehen. „Und deswegen lockst du uns bei diesem Wetter am Heiligabend in die Kälte“, tobte Lutz’ Vater, „dafür gibt’s gleich was mit dem Gürtel…“
 
„Halt“, rief da plötzlich Claas, „hier sind doch die Spuren des Schlittens und der Rentiere.“ Und richtig, sie kamen aus dem Wasser und führten den Strand hinab. Die Gruppe folgte den Spuren Richtung Börgerende. Am Ende des Gespensterwaldes – dort, wo die Steilküste flacher wird – gibt und gab es einen Weg nach oben. Hier führten die Spuren hinauf und wandten sich dann auf dem Weg oberhalb der Steilküste Richtung Nienhagen zu.
 
Wieder folgte die Gruppe. Durch den ganzen Gespensterwald. Bis die Spuren vor dem Haus von Claas' Eltern endeten. Als sie das Haus betraten, fanden sie dort die Mutter inmitten eines Berges von Weihnachtsgeschenken. So viele, wie sie sich die arme Fischerfamilie niemals hätte leisten können.
 
„Ihr werdet es nicht glauben“, sagte Claas‘ Mutter verschmitzt lächelnd, als sie schnell eine Fellmütze abnahm, hinter dem Rücken versteckte und den obersten Knopf ihrer Bluse schloss, „aber der Weihnachtsmann war eben hier und hatte das alles dabei. Die ganzen Geschenke, seine lange Rute und draußen den Schlitten mit den Rentieren. Das Vorderste hatte sogar eine rote Nase.“
 
Verwirrt wollte die Gruppe nun wissen, wohin die Spuren weiter führten. Wie zu erwarten: Das Haus, in dem Lutz lebte, war das nächste Ziel. Hier das Gleiche: Geschenke über Geschenke. Und ebenfalls eine lächelnde Mutter, deren Wangen von der Kälte noch gerötet schienen und die sich noch das Kleid zu Recht rückte.
 
Eine weitere Verfolgung der Schlitten- und Rentierspuren endete etwa fünfhundert Meter hinter dem Haus. Hier schien sich der Schlitten samt Antrieb in die Luft erhoben zu haben und im Himmel verschwunden zu sein.
 
„Natürlich hatten wir zunächst die Vermutung, dass unsere Mütter hinter alldem steckten“, erinnert sich Claas Schmidt noch heute, „aber wie hätten sie das machen sollen? Und wo waren Schlitten und Rentiere hergekommen und wohin verschwunden? Wenn unsere Mütter die Tiere irgendwo gehabt hätten – das wäre nicht verborgen geblieben!“
 
Auch Lutz Müller zweifelt an der augenscheinlichen Erklärung: „Claas und ich haben schließlich den Schlitten mit den Rentieren gesehen. Und alle anderen sahen die Spuren über mehrere Kilometer. Wie sollten unsere Mütter das schaffen? Zumal sie nur alleine zuhause waren, während wir anderen gemeinsam den Spuren folgten.“
 
Natürlich haben die beiden alten Herren ihre Mütter zu deren Lebzeiten immer wieder gefragt, was sich zu Weihnachten des Jahres 1925 zugetragen habe. Außer einem hintergründigen Lächeln bekamen sie aber nie eine Antwort. Und so reichliche Weihnachtsgeschenke hatte es auch danach nie mehr wieder gegeben.
 
Nur eine Gemeinsamkeit hatte sich noch ergeben: Ende September 1926 brachten beide Mütter am gleichen Tag noch einmal Kinder zur Welt. Der Heiligabend 1925 mit der Suche nach dem Weihnachtsmann hatte augenscheinlich nach der Rückkehr der Ehepartner zu einem kuscheligen Abschluss in beiden Häusern gefunden. Und Claas und Lutz bekamen jeder einen kleinen Bruder. Bei den Namen behielten die Mütter die Oberhand, keine Chance für die Gatten, eigene Ideen durchzusetzen: Claas‘ Bruder wurde Niko genannt, Lutz‘ Bruder erhielt den Namen Klaus.
 
Beide Jungen wurden genauso gute Freunde wie ihre älteren Geschwister. Sie gingen gemeinsam zu Schule, hatten stets eine Vorliebe für Kleidung in roten Farben, schlossen in Bad Doberan mit dem Abitur ab und studierten zusammen Geografie in Berlin an der Humboldt-Universität. Was aus ihnen später wurde, weiß niemand. Denn im Jahr 1969 verschwanden sie spurlos auf einer Expedition im nördlichen Grönland.
 
© Mig Phoenix 2007
 
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