27 - Die Mathematikerin - Mig Phoenix

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27. Die Mathematikerin 
      
 
Teterow - Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Das war eine Karriere: Von der LPG zu internationalen Gipfeltreffen. Mandy Rechna aus Mecklenburg hat einen einzigartigen beruflichen Aufstieg hinter sich.
 
Schleppte sie als Mädchen noch die Milchkannen über den Hof der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, berät sie heute mit ihren mathematischen Fähigkeiten Regierungen und Konzerne rund um die Welt.
 
"Damals sagten meine Eltern und alle anderen noch, dass ich ja zu blöd wäre, eins und eins zusammen zu rechnen, weil ich als Antwort ‚drei', ‚vier' oder ‚fünf' gab", erinnert sich Mandy noch lächelnd an ihre Jugend. "Aber heute hab ich meine Wohnung in Monte Carlo, meine Jacht bei den Cayman Islands, mein Ferienhaus auf den Bahamas, und Tag und Nacht rufen die Reichen und Mächtigen der Welt bei mir an, weil ich ihre Finanzen durchrechnen soll." Kein Wunder, dass Mandy Rechna im Frühjahr 2010 rund um die Uhr für die Europäische Union wegen der Griechenlandkrise arbeitet.
Aber zurück in die 50er Jahre: Als Tochter des Mathematiklehrers Sinus Rechna und seiner vietnamesischen Ehefrau Cosina, geborene Pi, kommt Mandy 1959 im mecklenburgischen Torgelow zur Welt. Nach ihrer Einschulung klemmt es zwar etwas in den Schulnoten - vor allem in Mathematik - aber irgendwie schafft sie es dennoch, auf der EOS "Nicolo Machiavelli" in Torgelow aufgenommen zu werden.
 
Nach der neunten Klasse aber war Schluss. "Sie beherrschte noch nicht einmal das kleine Einmaleins, von Addieren und Subtrahieren ganz zu schweigen", erinnert sich heute noch ihre inzwischen 105-jährige EOS-Lehrerin Elektra Kalkül. Einzige Alternative damals für Mandy: In der LPG "Fröhliche Kuh" als Milchmädchen anfangen.
 
Milchkannen schleppen, hieß das seinerzeit. Von hier nach dort, von dort nach hier, von hier nach dort - fünf Jahre lang, dann ging es von vorne los.
Heute gehören ihre unteranderem diese Yachten und das Ferienhaus im Hintergrund auf den Bahamas - aber noch vieles mehr. Alles hatte in einer LPG begonnen
Bis eines Tages der große Durchbruch kam: "Unsere Kühe sollen in fünf Jahren zehn Millionen Liter Milch bringen. Aber wenn sie in einem Jahr zwei bringen, fallen sie danach tot um", rief der damalige LPG-Leiter Klaus Melker entsetzt.
 
Das war der Moment von Mandy Rechna: "Dann nehmen wir doch die zwei Millionen vom ersten Jahr und verkaufen die Kühe dann rechtzeitig vor ihrem Ende, um von der Einnahme die Milch für die nächsten vier Jahre woanders zu kaufen!" schlug die junge Frau vor. "Das Milchmädchen hat ja völlig recht", rief der erleichterte LPG-Leiter und setzte den Plan für die nächsten fünf Jahre um.
 
Mandy Rechna erlebte die weitere Entwicklung nicht mehr, denn Berlin war auf sie aufmerksam geworden und sie wurde ins Agrarministerium berufen. Die weitere Entwicklung der LPG "Fröhliche Kuh" übrigens: Ein guter Teil der Tiere verstarb schon vor Erfüllung des Plansolls qualvoll von den Melkmaschinen ausgesaugt. Der Rest verendete kurz darauf, der Verkaufswert war nahezu Null und seitdem wurde die LPG unter dem Namen "Fröhliche Kuh Weizensaat" weiter-geführt. Sprich: Die Genossen sahen dem Weizen beim Wachstumsversuch auf unbrauchbaren Böden zu, bis 1990 dank der "großzügigen" Bausparkassen Eigenheime darauf gebaut wurden, die inzwischen auch leer stehen.
 
Doch zurück zum früheren Milchmädchen Mandy Rechna: 1984 wurde sie vom Zentralkomitee der DDR beauftragt, die Staatsfinanzen der Republik zu überprüfen. Zwei Jahre war sie beschäftigt, und allen Unkenrufen zum Trotz kam sie zu einem klaren Ergebnis: "Der Staatshaushalt ist grundsolide!"
 
Ergebnis: Internationales Erstaunen und vor allem die Anmeldung für den Wirtschaftsnobelpreis 1986 durch Erich Honecker. Nun gut, der Preis ging an Herrn Buchanan aus den USA, was Honecker aber nicht davon abhielt, Mandy Rechna 1987 für den Nobelpreis für Mathematik anzumelden. Erstes Problem: Es gibt keinen Nobelpreis für Mathematik, weil die Ehefrau von Alfred Nobel angeblich eine Affäre mit einem Mathematiker gehabt haben soll. Zweites Problem: Die Anmeldung für den Nobelpreis für Physik hatte auch keinen Erfolg, weil dieser ausgerechnet an den westdeutschen Johannes Georg Bednorz ging.
 
Nun gut. Im Jahr darauf versuchte Honecker sein Protegé für den Friedensnobelpreis anzumelden, wenn sie verspräche, nie mehr zu rechnen. Auch wieder nichts, der Preis ging an die UN-Friedenstruppe.

Da fiel Mandy bei Erich in Ungnade, aber im Jahr darauf auch die Mauer. Und nach den Jahren der Planwirtschaft kam jetzt erst Recht die große Zeit der genialen Zahlenvirtuosin aus Teterow. Zunächst etwas aus der Bahn geworfen, begann sie nach einer Auszeit von elf Tagen als Außendienstmitarbeiterin eines westdeutschen Versicherungskonzerns.
 
In kürzester Zeit hatte sie durch ihre Rechenkünste so viele ihrer ehemaligen ostdeutschen Landsleute zum Abschluss von Versicherungsverträgen der unterschiedlichsten Art überreden können, dass bald ihr erste Porsche in ihrer Garage stand. Nun gut, das erste Jahr stand er wirklich nur in der Garage, weil Mandy bei der Abrechnung übersehen hatte, dass neben dem Kaufpreis ja auch Steuer, Versicherung und vor allem Benzin das Budget belasteten - aber nach einem weiteren Jahr Vertragsprovisionen ging der 911er auf die Straßen von Mecklenburg.

Steil bergauf ging es dann Anfang der 90er, als Mandy Rechna den Auftrag einer ökologischen Partei bekam, die Chancen der verschiedenen Arten von Energiegewinnung zu überprüfen. Ihr Ergebnis: "Atomkraft strahlt - Nein. Kohlekraft ist schmutzig - Nein. Solarkraft ist ineffizient und hässlich - Nein. Windkraft ist lärmend und hässlich - Nein. Biogas stinkt - Nein. Und überhaupt: Wozu Kraftwerke, ich hab zuhause Steckdosen, da kommt der Strom doch auch so raus."
 
Durch subversive Elemente bei den Ökologen, die Mandys Argumente unverständlicherweise stets anzweifelten, verlor das frühere Milchmädchen zwar den Auftrag, wurde dadurch aber zu höherem berufen. Von den Grünen geschasst, wurde sie 2005 bei der neuen konservativen Regierung mit offenen Armen empfangen.
 
Zunächst einmal sollte sie den früheren Parteispendenskandal noch einmal durchrechnen. Ergebnis: Es hatte nie einen gegeben und Leisler-Kiep, Koch, Schreiber und alle anderen waren in Wahrheit Wohltäter am Deutschen Volk. Dann hatte sie auch von Blau-Gelb Aufträge: Steuersenkungen und trotzdem nimmt der Staat mehr ein und gibt noch mehr aus ohne sich weiter zu verschulden!
 
Und mitten in dieser Herkulesaufgabe, erreichte Mandy Rechna im Frühjahr 2010 der Ruf aus Brüssel. "Wie können wir alle weniger Steuern bezahlen, die Staaten immer mehr ausgeben, und die Griechen gar keine Steuern mehr bezahlen dabei mehr verdienen und alle Schulden erlassen bekommen?"
 
Wer Mandy Rechna, das Milchmädchen aus Teterow kennt, weiß zwar nicht die Antwort auf die Frage, aber eins ist gewiss: Mandys Rechnung wird so gut aufgehen, dass der Dümmste sie versteht.

Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2010




 
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