24 - Der Leichensommer - Mig Phoenix

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 24. Der Sommer der
       schwimmenden Leichen
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn was sich im Jahr 1965 an den Stränden von Warnemünde bis Poel abspielte, war eine der makabersten Geschichten, die sich jemals an der Mecklenburger Küste abgespielt haben. An die Öffentlichkeit kam alles im Juni jenes Jahres, als ein spielendes Kind bei Elmenhorst einen seltsamen Fund machte.
Hier zusammengefasst, was der Polizeibericht und Gerichtsakten in Rostock uns mitteilen: Familie Witterstein aus Aue in Sachsen verbrachte wie seit zehn Jahren ihre Ferien in Elmenhorst. Neben Vater Maigel und Mutter Männdie war auch die vierjährige Sindie dabei. Wie jeden Tag verbrachte die Familie – wie viele andere Sachsen auch – dank des schönen Juniwetters und guter parteiinterner Beziehungen fast jeden Tag am Strand. Faulenzen, lesen, Karten spielen und Fotos machen. Und natürlich Sandburgen bauen mit Sindie.
 
Den ganzen Tag war die Kleine unterwegs, um zusätzliches Baumaterial zu holen. Was sich da nicht alles fand. Neben dem üblichen Strandgut aus allerlei Holz auch so manches, was im Westen einfach als Müll ins Wasser geworfen war – aber im Osten durchaus noch brauchbar. Die tollen Plastiktüten der Einkaufsmärkte etwa.
 
„Mama, Papa, seht mal, was ich gefunden habe …“ – die Vierjährige war im Sammelrausch.
 
Am 18. Juni kam sie wieder zu ihren Eltern gelaufen: „Mama, Papa, könnt ihr mir mal tragen helfen? Ich hab da was ganz Großes gefunden.“ Männdie und Maigel Witterstein blickten sich an, stöhnten, sie legte die Lenin-Biografie auf Seite, er sein lauwarmes „Hasseröder“, und sie folgten ihrer Tochter.
 
Und wirklich, sie hatte etwas Großes gefunden. Es war ein längliches Paket in einem Segeltuch mit einer Schnur zusammengehalten. Etwa einen Meter siebzig lang, einen knappen halben Meter breit und es erwies sich beim Heraustragen als ziemlich schwer. „Was mag wohl drin sein?“ fragte sich die Familie. Man fand es schnell heraus, nachdem ein weiterer neugierig gewordener Badegast aus der inzwischen recht großen Zuschauergruppe ein Taschenmesser zur Verfügung stellte.
 
Ergebnis: Die Männer wurden bleich, die Frauen schrien, die Kinder sahen fasziniert hin: Im Tuch war eine Leiche eingewickelt. Dass es sich um einen Mann handeln musste, konnte man nur aus dem Anzug schließen – der Rest lag wohl schon längere Zeit im Wasser und seine ursprüngliche Form hatte gelinde gesagt etwas gelitten. Auch der Geruch war nicht gerade der Feinste.
Die sofort herbeigerufene Volkspolizei übernahm den Fall und ließ die Wasserleiche nach Rostock in die Pathologie bringen. Erste Vermutungen, dass hier ein Mordopfer hatte beseitigt werden sollen, bestätigten sich nicht. Denn nach Einschätzung des Gerichtsmediziners war der Tote bereits nicht mehr am Leben, als er in die Ostsee kam. Todesursache: unbekannt. Der Fall blieb ein Rätsel. Zunächst.
 
Bis am 27. Juni des gleichen Jahres ein Angler in Meschendorf bei Rerik den Fang seines Lebens zu machen glaubte. Nachdem den ganzen Tag über nur so kleine Fische an die Angel gegangen waren, dass Haiko Arzgebirg – so hieß der Angler aus Chemnitz – sie wieder zurück ins Wasser gesetzt hatte, ging ihm gegen 23 Uhr kurz vor Einbruch der Dunkelheit eine große Scholle an den Haken. Eigentlich hatte er schon abbrechen wollen, aber durch diesen Fang beflügelt entschloss er sich, auch im Dunkeln noch weiter zu machen.
 
Gegen ein Uhr dann plötzlich ein Ruck an der Angelleine. Das muss was Großes sein, dachte Arzgebirg, und versuchte den fetten Fang an Land zu ziehen. Doch es dauerte. Er lieferte sich über eine Stunde einen harten Kampf mit dem vermeintlichen Riesenfisch, bis er ihn endlich in der Dunkelheit an Land zog.
Eine der Leichen wird geborgen und nach Rostock in die auf Ostseeleichen spezialisierte Pathologie gebracht
Jetzt war er froh, in Chemnitz vor der Abfahrt noch neue Batterien für seine Taschenlampe gekauft zu haben, sonst hätte er das in Tuch eingeschnürte Paket nicht erkennen können. Angler haben ja zum Glück immer ein Messer dabei, sodass ihm die Suche nach einem Schneidwerkzeug wie bei Maigel Witterstein erspart blieb. Auch um Zuschauer musste er sich nicht kümmern. Ganz alleine konnte er nach dem Öffnen den Anblick und Geruch einer scheinbar weiblichen Wasserleiche genießen.
 
Ansonsten wieder der gleiche Ablauf: Volkspolizei, Pathologie, Ergebnis: „Schon tot, als sie ins Wasser gelangte, Todesursache unbekannt“, sagte der Gerichtsmediziner.
 
Am 3. Juli fanden Spaziergänger am frühen eine weitere Leiche in Segeltuch vor Warnemünde. Die russischen Soldaten auf Wustrow meldeten einen ähnlichen Vorfall am 8. Juli. An den Dalben der Kühlungsborner Seebrücke verfing sich am 17. Juli ein gut verpackter Toter. Und so ging es weiter. Bis zum 18. September fanden sich insgesamt 18 Wasserleichen zwischen Poel und Warnemünde ein. Alle hatten etwas gemeinsam: Sie waren gut in Segeltuch verschnürt und schon tot, als sie in der Ostsee ankamen. Herkunft? Unbekannt, denn keiner hatte Papiere dabei, die Kleidung schien aber aus dem Westen zu sein.
 
Natürlich ermittelte die Volkspolizei von Anfang an. Nachdem man Täter im Bereich der DDR nach Rücksprache mit dem Ministerium für Staatssicherheit ausschließen konnte, wandte man sich an das meereskundliche Institut der Universität Rostock. Hier war damals Professor Dr. Wolfgang Otto Heer der verantwortliche Leiter. Nachdem er sich ausgiebig mit den vorliegenden Fakten befasst hatte, kam er zu einem Ergebnis, das noch heute in den Rostocker Polizeiakten nachzulesen ist:
 
„Da alle Fälle sehr ähnlich waren, gehe ich einmal davon aus, dass sie ungefähr an der gleichen Stelle ins Wasser gelangten“, so W.O. Heer in seinem Bericht. Er fuhr fort: „Nachdem ich die Wasserströmungen an den jeweiligen Fundtagen ausgewertet habe, komme ich zu einem eindeutigen Ergebnis: Zu Wasser gelassen wurden die Leichen alle in der Gegend östlich von – Fehmarn in der BRD!“
 
Und das vier Jahre nach dem Mauerbau! Was war da los? Schickten die Kapitalisten Mauertote auf diese Art zurück in den Osten, um hier die Wirtschaft zu schädigen. Denn die Strände waren nach dem Auftauchen der ersten Leichen fast leer. Wer will auch schon mit Verstorbenen planschen?
 
Um dem Rätsel auf den Grund zu gehen, half nur eines: Zusammenarbeit mit den Polizeikräften der BRD. Und so wurde eine offizielle Anfrage an die Landespolizeidirektion in Kiel gestellt mit der Bitte um Kooperation. Die Untersuchungsakten der einzelnen Fälle wurden nach gründlicher Prüfung durch das MfS ebenfalls nach Kiel übersandt.
 
Es dauerte etwa vier Monate, als eine Antwort aus der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt kam – mit der Lösung des Falles. Die heute noch einsehbaren Akten der Kieler Polizeidirektion geben folgenden Bericht:
 
Im Januar des Jahres 1965 verstarb in Fehmarn auf Fehmarn der örtliche Bestattungsunternehmer Benno Erdikt und wurde damit sein letzter eigener Kunde. Als einzigen Erben hatte B. Erdikt seinen einzigen lebenden Verwandten angegeben, den Fischer Alfons Warprin aus dem nahem Burgstaaken. Und Warprin hatte eine Idee: „Die Fischsaison war ja nicht so der Bringer“, erklärte er den ermittelnden Beamten, „da hatte ich die Idee, dass ich den Kutter ja auch für Seebestattungen nehmen konnte. Asche in Urne, Urne ins Meer – alle glücklich außer dem Verstorbenen.“ 
 
Das ging auch anfangs gut, bis eines Tages Paul Ötter auf dem Tisch des Bestattungshauses lag. Das war nicht nur für P. Ötter ungünstig, sondern auch für den unternehmungsfreudigen Fischer/Bestatter. Denn Ötter war nicht nur tot, sondern seinerzeit auch der einzige Töpfermeister auf Fehmarn. Und dadurch hatte Warprin ein Problem: keine Urne, kein Platz für Asche, keine Seebestattung – keiner glücklich.
Und plumps und weg ...
Wie hier bei der US-Navy bestattete Warprin die Verstorbenen nur in Leinentücher gewickelt
 
Abends beim Fernsehen – im Ersten lief ein Piratenfilm – hatte der von allen Vorschriften für Bestatter unbeleckte Fischer dann die Idee: Warum Asche, warum Urne? „Was damals ging, geht doch heute auch noch“, erinnerte sich der Geschäftsmann. Also erstand er kurzerhand bei einem Lübecker Segelausrüster einhundert Meter Segeltuch und zweihundert Meter Leine, seine Frau Heike nähte daraus Leichensäcke und das Geschäft ging weiter.
 
Herr P. Ötter war übrigens höchstpersönlich der Erste, der nach seinem Ableben noch etwas herumkommen durfte und damit auch der Erste, der auf dem Wasserweg nach Osten „rübergemacht“ hatte. Bis er am Strand von Elmenhorst die vierjährige Sindie Witterstein aus Aue traf – auch wenn er das nicht mehr wahrnehmen sollte.
 
Durch die intensive Zusammenarbeit des Landeskriminalamtes in Kiel und der Volkspolizei in Rostock war also eines der merkwürdigsten Ereignisse der Ostseeküste aufgeklärt. Und zum Glück stand kein Gewaltverbrechen hinter den mysteriösen Leichenfunden des Jahres 1965, sondern lediglich die Unwissenheit und Pietätlosigkeit eines Fehrmarner Fischers zu den Gepflogenheiten im heutigen Bestattungsgewerbe.
 
Aber weshalb endete die Serie der Wasserleichen so abrupt, wie sie angefangen hatte? Es hatte zwei ganz einfache Gründe: Zum einen hatte sich Alfons Warprin bei seiner letzte Segeltuchbestattung einen Leistenbruch zugezogen – der verstorbene 150-Kilo-Feinschmecker, der später in Poel strandete, war für den kleinen Fischer wohl doch etwas zu schwer.
Und außerdem hatte am 15. September ein neuer Töpfermeister die Werkstatt des seligen Herrn P. Ötter übernommen, sodass der Bestattung in Urnen nun nichts mehr im Weg stand.
 
Was geschah nun mit dem Verursacher der Leichenflut an der Mecklenburger Küste? Alfons Warprin wurde ein Jahr später vom Oberlandesgericht in Kiel zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, verließ aber nach dem Urteil Fehmarn mit unbekanntem Ziel. Berichte aus den folgenden Jahren über eingenähte Wasserleichen im Golf von Mexiko lassen böse Zungen vermuten, dass er nach seinem Verschwinden für die Drogenmafia in Florida tätig geworden ist.
 
© Mig Phoenix 2009
 
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