23 - Die Traumkamera - Mig Phoenix

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23. Die Fotografien aus 
      einer anderen Welt
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn die legendäre Traumkamera von Peter Müller aus Graal-Müritz war Anfang der fünfziger Jahre das Gesprächsthema schlechthin in den esoterischen Kreisen Mecklenburgs. Hier die Geschichte, die in den Tagebüchern von Nikolaus von Felsquell, seiner Ehefrau Lieselotte, seiner großen Liebe Martha, und seinem besten Freund Hans aufgezeichnet ist – selbstverständlich in der Zusammenfassung:
Alles begann am 31. Juni 1958. Von Felsquell, begeisterter Hobbyfotograf, hatte private Probleme: Seine Tochter in der Kinderkrippe hatte ständig Streit mit ihrer Erzieherin; sein Sohn kam mit der Klassenlehrerin in der sechsten Klasse der EOS nicht klar; die Ziegen in seinem Kleingarten wurden immer renitenter; sein Kater griff ohne Grund die Füße von Besuchern massiv mit seinen Krallen an; und mit seiner Ehefrau hatte er seit etwa zwei Jahren keinen ganzen Satz mehr gewechselt.
 
Allem privaten Ärger zum Trotz machte er an diesem Tag einen Ausflug nach Kühlungsborn, wo er im Hafenhaus seine neue große Liebe kennen lernte. Doch was geschah in der Nacht darauf? Er verbrachte sie nicht mit der neuen Liebe, auch nicht mit süßen Träumen von ihr, sondern neben seiner Gattin von fürchterlichen Albträumen geplagt.
 
Hexen verfolgten ihn, Ungeheuer wollten ihm in die Arme beißen, Feuer griff nach seinen Beinen. An was sich Peter Müller vor allem aber am folgenden Morgen erinnerte: Er hatte stets seine geliebte Praktika dabei und schoss viele, viele Fotos. „Wenigstens etwas Schönes an diesem dämlichen Traum“, dachte sich Nikolaus von Felsquell am nächsten Tag, und hatte die Inhalte auch schon bald vergessen.
 
Die Tage gingen dahin, Felsquell traf sich gelegentlich und heimlich mit seiner neuen Liebe Martha am Strand – Fotos konnte er von ihr ja leider nicht machen, der Fotoladen hätte es schließlich gesehen – bis eines Tages ein Ausflug zu Hermanns Erlebnishof in Rövershagen anstand. Endlich die Praktika wieder nutzen, endlich schöne Bilder machen von den Kindern in den Erdbeerfeldern.
 
Und dann war der Film auch voll. irgendwie viel schneller als gedacht. 36 Aufnahmen. Orwo-Schwarzweiß versteht sich, denn Nina Hagens Farbfilm mit dem Sanddorn war noch einige Jahre hin. Also ab zum Fotoladen. Entwickeln lassen. Drei Tage warten. Sogar vier Tage, denn in der Druckerei VEB Schnelle Presse Roggentin – Nikolaus von Felsquell war hauptberuflich Schriftsetzer – war endlich wieder einmal Papier angekommen. Aus Russland. Kiew um genau zu sein, aber das tut hier eigentlich gar nichts zur Sache.
 
Also zurück zum Thema: Nikolaus von Felsquell holte vier Tage später den Film und die Abzüge ab. Und war völlig überrascht. Neben den Bildern der Kinder auf dem Erlebnishof fanden sich hier andere – zugegeben leicht unscharfe – Aufnahmen: Seltsame Frauen in langen schwarzen Kleidern mit spitzen Hüten. Drachenartige Wesen, welche die Kamera scheinbar verschlingen wollten. Flammen, die irgendwie aus dem Boden kamen.
 
Felsquell, so sein Tagebuch, lief es eiskalt den Rücken hinunter. Dies waren genau die Bilder, die er während seiner Albtraumnacht am Tag nach dem Treffen mit Martha gesehen hatte. Wie konnte das sein? Es war ihm ein Rätsel. Egal – der nächste Orwo-Film war im Apparat, bereit für die nächsten Familienbilder. Bis dahin dauerte es aber noch etwas, denn erst vier Wochen später – Felsquells Sohn nahm an der Spartakiade im Wettpflügen ohne Pferd teil – hatte der Amateurfotograf die Gelegenheit dazu.
 
Vorher hatte er aber Gelegenheit von seiner Geliebten zu träumen. Nachdem seine Gattin kommentarlos neben ihm in Tiefschlaf gefallen war, dachte er an seine Martha und fiel ins Land der Träume. Es schien ihm Hiddensee zu sein. Sie lag am Strand vor ihm. Nackt. Und er hatte seine Praktika in der Hand und fotografierte drauf los. Ihre wunderschöne Figur, die tollen Brüste, die gebräunte Haut, die wunderbaren Augen, der erotische Mund, die süße Nase, das blonde Haar – welch anderes Fotomotiv kann man sich für eine Kamera wünschen?
 
Das einzige was störte: Nikolaus von Felsquell wurde wach. Seine Frau sah ihn verärgert an und beschwerte sich über sein Schnarchen. Na, immerhin sagte sie diesmal wenigstens etwas. Und die Praktika – er sah extra nach – lag wie am Vortag unbewegt im Schrank neben dem Radio.
Die Tage gingen ins Land und die Spartakiade stand an. Nikolaus' Sohn war im Weitsprung und um Hochsprung gemeldet. Hier zahlte sich die gute Kamera aus, denn auch die Profis vom „Neuen Deutschland“ und der „Ostsee-Zeitung“ brachten keine besseren Bilder zu Stande. 
 
Also am folgenden Montag den Film zum Fotoladen. Ab Dienstag ganz viel Papier in der VEB, Traum vergessen, also Ehefrau gebeten, die Bilder abzuholen. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Als Nikolaus von Felsquell nach Hause kam, war die Wohnung leer. Keine Ehefrau da, keine Kinder. Nur die Fotos lagen demonstrativ auf dem Tisch. Und ein Zettel mit den eindeutigen Zeilen: „Dann geh doch zu ihr!“
 
Nikolaus von Felsquell verfiel in eine tiefe Depression. Er setzte sich an den Wohnzimmertisch, auf dem er den seltsamen Fotoapparat gelegt hatte und betrachtete diesen. 
Auch eine mehr als gründliche Untersuchung der
Kamera brachte dem Besitzer keinerlei Erkenntnisse
 
Nach einer Flasche Rotwein aus Bulgarien sank er auf dem Wohnzimmersofa in Tiefschlaf. Und hier war er wieder in seiner Traumwelt.
 
Aber es wurde kein schöner Traum. Er sah plötzlich seine Ehefrau, die ihn mit der kubanischen Machete bedrohte, die ihnen einst ein Freund von einer Seefahrt nach Kuba mitgebracht hatte und die seitdem an der Wohnzimmerwand hing. Er griff sich seine wertvolle Kamera vom Wohnzimmertisch und lief in seinem Traum vor ihr weg. Quer durch die Wohnung, hinaus aus der Haustür.
 
Die Straße entlang, an einigen parkenden Trabant und Wartburg vorbei. Quer über die Kreuzung, wo er beinahe von einem Barkas erfasst worden wäre. Seine Frau mit der Machete stets auf den Fersen. Dann durch den Park Richtung Strand. Im Sanddorn verfing sich der Riemen seines Fotoapparates. Felsquell bekam ihn nicht frei und so riss er ihn durch und ließ die Kamera in Anbetracht der nahenden Frau und vor allem der nahenden Machete zurück. Im Hintergrund hörte er in seinem Traum Nina Hagen singen „Du hast die Praktika vergessen…“ obwohl es das Lied damals noch gar nicht gab. Am Strand stolperte er, stürzte, und seine Ehefrau stand mit der Machete über ihm…
 
Schweißgebadet erwachte Nikolaus von Felsquell auf seinem Wohnzimmersofa. Alles war eigentlich wie vorher. Nur eins hatte sich verändert: Seine teure Praktika war verschwunden. Keine Spur von ihr. Nur auf dem Fußboden lag ein kleiner Sanddornast!
 
Kurz und gut: Die Kamera blieb für immer verschwunden. Ebenso die Ehefrau, er hörte nur noch bei der Scheidung von ihr. Und seit Jahrzehnten lebt er mit seiner Martha zusammen, von der er immerhin noch die Fotos aus seinem Traum behalten hat.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2009
 
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