22 - Die Wikinger - Mig Phoenix

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

MMHT > MMHT (Deutsch) > Nr. 21 - 26
22. Die vergessene Siedlung 
      der schlechten Navigatoren
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Schließlich ist es erst kürzlich geschehen, dass ich gemeinsam mit einem Kamerateam einen Ort fand, der seit Jahrhunderten keinen Kontakt mehr zur Außenwelt hatte.
Vergessene Völker, an denen seit Jahrhunderten die menschliche Entwicklung vorbei geht. Immer wieder findet man einzelne Stämme. In Papua-Neuguinea. Im Amazonasgebiet. Im Regenwald des Kongo. In der Sahara oder der Wüste Gobi. In den endlosen Weiten Sibiriens und Kanadas. Aber mitten in Mecklenburg? Was sich unglaublich anhört, war die völkerkundliche Sensation des Jahres 2007.
 
Aber zu den Anfängen: Eigentlich war ich unterwegs, um einen Beitrag über ein Kranichbrutgebiet bei Lüningshagen zu drehen. Die genaue Lage war uns nicht bekannt, aus der Bevölkerung hatten wir nur wage Informationen. Die stolzen Vögel sollten irgendwo nördlich des kleinen Dorfes ihren Nachwuchs aufziehen.
 
Am Vormittag waren wir aufgebrochen und erreichten erst gegen vierzehn Uhr den kleinen Weiler bei Rederank – selbst das Navigationsgerät im Auto hatte Probleme, das Ziel zu finden. Wir parkten unsere Fahrzeuge mitten im Ort neben einem Haufen Ziegelsteine, der wohl zu einer abgerissenen Scheune gehört hatte.
 
Mit Expeditionsausrüstung für unwegsames Gelände – einschließlich meiner für solche Zwecke bewährten Machete aus der Karibik – machten wir uns auf den Weg in die Wildnis. Mit dabei natürlich ein Kompass, eine Karte die das Gelände grob darstellte, und ein tragbares GPS-Gerät. Wegen der Verspätung hatten wir schon Sorgen, die Kraniche noch im Hellen zu erreichen.
 
Und die Sorgen sollten sich bewahrheiten. Nach etwa zweistündigem Kampf durch das Unterholz, Wälder und Wiesen noch immer keine einzige Feder zu erkennen. Und noch schlimmer, das GPS-Gerät empfing keine Signale mehr, der Kompass drehte von einer Seite auf die andere und auf der Karte war weiträumig nur „Wald“ eingezeichnet.
 
„Das ist das letzte Mal, dass du mich dazu kriegst, irgendwas über Tiere zu machen“, stellte eine ziemlich erschöpfte Kamerafrau fest, der die ganze Zeit über abwechselnd mit uns die schwere Fernsehkamera durch den Wald schleppen musste. Dagegen war die kleine Zusatzkamera schon angenehm leicht, und die winzige Handycam mit Nachtbildmodus ich weiß gar nicht, warum ich sie überhaupt mitgenommen hatte war nahezu nicht zu spüren.
 
Kurz und gut, wir hatten uns bald hoffnungslos verlaufen und die Nacht brach über die Wälder Mecklenburgs herein. Und da wurde die kleine Handycam zu einer unschätzbaren Hilfe. Trotz fast völliger Dunkelheit konnte man auf dem Monitor schemenhaft den Wald erkennen. Und darauf sahen wir bald Seltsames. Schien doch ganz tief im Wald ein Licht zu sein. Mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber auf dem Monitor deutlich sichtbar.
 
„Lüningshagen, endlich unsere Autos, endlich die Mineralwasserflaschen und noch etwas Schokolade im Handschuhfach“, war unser erster Gedanke. Also los durchs Unterholz Richtung des Lichtes. Aber je näher wir kamen, umso wunderlicher wurde das, was wir sahen. Schien es sich bei dem licht doch um ein Lagerfeuer zu handeln. „Dorffest?“ vermutete der Kameraassistent.
 
Noch einige Meter weiter, und es bot sich ein ganz seltsames Bild: Rund um das Lagerfeuer, das inmitten altertümlich aussehender Blockhäuser entzündet war, saßen merkwürdig erscheinende Menschen in Felle gekleidet, teils mit eisernen Helmen noch auf den Köpfen, in der Hand Hörner und Becher, aus denen sie tranken.
 
Das kam uns dann doch sehr seltsam vor und wir verlangsamten unser Tempo, um die merkwürdige Runde näher zu beobachten. Auch die beiden anderen Kameras hatten jetzt wieder genug Licht, um halbwegs brauchbare Aufnahmen zu machen. Wo waren wir gelandet? Wikingerfans, die hier das Leben der Nordmänner nachspielten. Zwei Gründe sprachen dagegen: Zum einen sah man keinen einzigen Brillenträger und Armbanduhren oder ähnliches suchte man auch vergebens. Zum anderen unterhielten sie sich in einem sehr seltsamen Dialekt, der wie eine Mischung aus Deutsch und Skandinavisch klang.
 
Mit diesen Gedanken beschäftigt bemerkte ich plötzlich, dass mein Kamerateam auf einmal verschwunden war. Aber ich hatte keine Zeit mehr, mich zu fragen, was geschehen war, denn plötzlich fühlte ich das eiskalte Metall einer Schwertklinge an meinem Hals und ein gutes Dutzend der wilden Kerle stürmte von vorne auf mich zu.
Wenige Minuten später war ich wieder mit dem Team vereint. Die Wikinger hatten uns zum Feuer gebracht und der Anführer stellte uns einige Fragen. So gut wir ihn verstehen konnten, gaben wir ihnen auch Antworten. Mit den Begriffen „Fernsehen“, „Autos“ und so weiter konnten sie gar nichts anfangen.
 
Auch Kameras schienen sie noch nie gesehen zu haben und ihr Interesse daran war eher gering. Lediglich meine Machete erregte ihre Bewunderung. Der harte und scharfe Stahl und der handliche Kunststoffgriff faszinierten sie.
 
Als sie merkten, dass wir ihnen keinen Schaden zufügen wollten und ihre Sprache halbwegs verstanden, wurden sie sehr freundlich. Es gab etwas zu essen, bei unserer Kamerafrau spielten die wilden Gesellen vorbildliche Gentlemen, und ein Rinderhorn voll Met folgte auf das nächste.
Auch für einen erfahrenen Journalisten eine Überraschung...
 
Als gelernter Historiker war ich natürlich neugierig, was es mit diesem Dorf auf sich haben könnte, und so fragte ich die anwesende Wikingerschar nach ihrer Geschichte. Und das Ergebnis war eine Sensation: Seit zahllosen Generationen – so erzählten sie es uns – hatten sie keinerlei Kontakt mehr mit der Außenwelt. Sie seien eigentlich auf einem Schiff namens „Huckebucke“ gewesen, dass mit den dreien von Thorvald und Thorfinn Karlsevni als Expeditionsteam um das Jahr 1020 den Booten von Leif Eriksson nach Amerika folgen sollte.
Mit der Flotte von Leif Eriksson ging es auf See - aber schon bald waren die anderen Schiffe verschwunden
 
Aber schon kurz nach dem Ablegen kam das Boot ihrer Vorfahren im Nebel vom Kurs ab und verlor den Kontakt zu den anderen Schiffen – deren weitere Geschichte heute noch in der Eiríks saga rauda nachzulesen ist.
 
Doch die Vorfahren der Lüningshagener Wikinger kamen schon nach kurzer Zeit an eine Küste, die sie nicht kannten. Von den anderen keine Spur. Nur eins war wohl klar: Amerika war das nicht!
 
Wie peinlich! Statt einer langen Expedition, von der man sich beste Jeans und das Rezept für Hamburger erhofft hatte, strandete man schon nach einem Tag in unbekannter Gegend. Es gab längeren Streit unter der Besatzung der „Huckebucke“, was man nun machen solle.
Zwei Alternativen gab es: Zurückfahren, und sich als blödeste Wikinger aller Zeiten outen – oder sich in den Wäldern verkriechen und hoffen, dass man niemals entdeckt würde. In einer demokratischen Abstimmung, an der auch die Frauen teilnehmen durften, entschied man sich mit 85 Prozent der Stimmen für die zweite Lösung.
 
Und so machten sie sich auf den Weg ins Landesinnere, nachdem sie ihr Boot um Spuren zu verwischen auseinandergebaut und daraus Zahnstocher gemacht hatten. Eine Tradition, die bis heute angehalten hat und die Nachfahren der verirrten Wikinger machen heute noch die besten Zahnstocher weltweit.
Ein Heim fanden sie schließlich in den Wäldern bei Lüningshagen – bis ich und mein Kamerateam sie dort aufspürten. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt:
 
Am nächsten Morgen funktionierte das GPS-Gerät wieder und anhand der Karte fanden wir den Weg zurück zu unseren Autos. Die Wikinger jedenfalls waren erleichtert, dass man sie nicht mehr wegen ihrer schusseligen Vorfahren verdammen würde, und folgten uns bereitwillig in die Zivilisation.
 
Ihre ersten Nächte verbrachten sie im Heiligendammer Grand Hotel, das den Werbeeffekt im Vorfeld des G8-Gipfels gerne nutzen wollte. Und es ist nur ein Gerücht, dass George W. Bush sich über einen muffigen Geruch in seiner Suite beschwerte, der ihn angeblich an ungewaschene Wikinger erinnerte. Heute leben die Wikinger fast alle in Rostock Lichtenhagen, wo sie in der Menge der Menschen untergetaucht sind.
Das alte Wikingerdorf war bald in kürzester Zeit verfallen und ist heute absolut nicht mehr zu finden
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2009
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü