21 - Der Elfenwald - Mig Phoenix

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 21. Der Monat der Elfen
       im Biendorfer Wald
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn die Sage um den Elfenmonat im Jahr 1933 kennt noch heute jeder alteingesessene Biendorfer. Es begann alles am Tag vor Silvester des Jahres 1932, als die Biendorferin Hanne Fort an ihrem Geburtstag einen Waldspaziergang machte…
Fassen wir die erstaunliche Geschichte so zusammen, wie sie die älteren Biendorfer noch heute erzählen. Und ein Dank im Vorab geht an Hans Kutschendorf, Sophia Mächtig, Karl Noberg, Anna-Maria Puschelwitz und Sieglinde Zauder. Aber jetzt zur Geschichte:
Am 30. Dezember 1932 brauchte Hanne Fort etwas Ruhe nach ihrer Geburtstagsfeier. Gegen 23 Uhr hatte auch der letzte Gast das Haus in der Nähe des Dorfteichs verlassen. Hanne entschloss sich, etwas frische Luft zu schnappen und einen Spaziergang in den nahen Wald zu machen.
 
Sie war etwa zwanzig Minuten unterwegs, als sie plötzlich ein seltsames Leuchten in den Bäumen zu sehen glaubte. Erst wusste sie nicht genau, was es sein sollte. Glühwürmchen, war ihr erster Gedanke. Doch Glühwürmchen mitten im Winter? Auch wenn die Temperaturen in jener Nacht über dem Gefrierpunkt lagen, war es doch eher unwahrscheinlich.
 
Und nach einiger Zeit – ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit des Waldes gewöhnt – sah sie immer mehr der seltsamen leuchtenden Wesen. Sie schwirrten scheinbar ziellos durch die Bäume, vom Boden bis hinauf in die Kronen der Buchen, wieder herunter, von rechts nach links und von links nach rechts.
 
Hanne Fort versuchte dem Phänomen auf die Spur zu gehen. Doch zunächst wichen die seltsamen leuchtenden Dinger vor ihr zurück. Aber Hanne hatte Geduld. Nach einer guten halben Stunde schienen die Wesen so zutraulich geworden zu sein, dass sie sich ihnen nähern konnte.
Hanne glaubte zunächst Glühwürmchen im Wald zu sehen. Glühwürmchen Ende Dezember?
Und was sie da erblickte, verwunderte sie sehr. Es waren etwa zehn Zentimeter große menschenähnliche Wesen mit Flügeln auf dem Rücken, die denen einer Libelle glichen.
 
Als begeisterte Leserin romantischer Romane, wie etwa James Matthews Barries „Peter Pan“ oder R.L. Stevensons „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, wusste sie bald, womit sie es hier zu tun hatte: im Biendorfer Wald gab es ohne Zweifel Elfen! Begeistert lief sie nach Hause und weckte ihre Mutter und ihren kleinen Sohn, damit diese auch die Elfen sehen konnten.
Keine Glühwürmchen! Bei näherer Betrachtung
stellten sich die Lichtpunkte als Elfen heraus...
Beide waren zunächst etwas verstimmt, um ein Uhr in der Nacht geweckt zu werden, aber die Spannung auf die kleinen Waldwesen trieb sie aus dem Haus. Im Wald angekommen dann: nichts! Der Sohn war stinksauer, die Mutter ebenso. Und das Ergebnis kann man sich vorstellen: Am nächsten Morgen ging sehr schnell über Nachbarn und Kita die Eilmeldung durch den Ort, dass Hanne Fort ganz offensichtlich verrückt geworden sei.
 
Noch am gleichen Tag rief sie über ihr Handy – der Funkmast bei Bastorf war im November 1932 in Betrieb genommen worden – einen bekannten Kunsthandwerker in Kühlungsborn an und bat ihn, sie in der folgenden Nacht in den Biendorfer Wald zu begleiten. Er bog noch die letzten Drähte zurecht und machte sich zu Fuß auf den Weg. Denn Silvester hatte eigentlich ohnehin in Biendorf verbringen wollen. Und während alle anderen im Ort sich auf die Silvesterböller freuten, die der Bürgermeister extrem günstig aus Polen mitgebracht hatte, gingen Hanne und ihr Begleiter wieder in den Wald. Diesmal mit Erfolg. Während über den Dörfern der Region die Raketen zu Tausenden in den Himmel stiegen, erschienen im Biendorfer Wald wieder die Elfen.
Und sogar noch viel mehr als vorher. Sie scheinen das Leuchten und Knallen sichtlich zu genießen. Erst als wieder Ruhe einkehrte, nahm auch die Zahl der Elfen wieder ab und erst gegen Morgengrauen war auch die letzte verschwunden.
 
Aber das Wichtigste: Hanne Fort hatte endlich einen Zeugen. Und ab sofort wurden sie beide für verrückt gehalten. Aber dies hielt sie nicht davon ab auch weiterhin nachts in den Wald zu gehen, die Elfen zu besuchen – mit der Zeit glaubten sie auch zu verstehen, was diese sagten – und weitere aufgeschlossene Menschen mitzunehmen.
 
Das Erstaunliche: Viele ihrer Begleiter konnten die Elfen auch direkt sehen, andere standen nur einen halben Meter daneben und sahen nichts. Trotzdem, nach gut drei Wochen hatte sich der Elfenwald von Biendorf – der seitdem so genannt wird – weit über die Region hinaus herumgesprochen. Sogar Elfenforscher aus dem englischen Salisbury reisten nach Biendorf an, um sich dem Phänomen zu widmen.
Etwa Edmund Hollary, der schon hohe Berge auf der Suche nach Elfen bestiegen hatte und nur selten fündig geworden war. In einem Interview mit der „Biendorfer Allgemeinen Zeitung“ äußerte er sich nach der Rückkehr aus dem winterlich eingefrorenen Wald begeistert. Er sagte „Mmpfsjfmm mmdkfhhmmph.“
 
Auf Nachfrage des Reporters nahm er schließlich den vereisten Schal vom Mund und formulierte erneut (aus dem Englischen übersetzt): „So etwas habe ich noch nie gesehen. Vereinzelte Elfen finden sich überall auf der Welt. In lauen Sommernächten kann es ja nach Magie des Ortes auch einmal mehrere geben. Aber solch eine Menge und das zu dieser Jahreszeit! Einfach einzigartig!“
 
Anders sein Forscher-Kollege Monsignore U.N. Gleubig, der vom Vatikan gesandt worden war. Er sprach zwar mangels Schal trotz vereister Lippen recht deutlich, aber kam zu einem klaren Ergebnis: „Es gibt einfach keine Elfen – egal, was da im Biendorfer Wald herumfliegt.“
 
Nun gut, die Meinung eines katholischen Priesters hatte im protestantischen Mecklenburg wenig Gewicht und so besuchten immer mehr Elfenfreunde nachts den Wald. Die Gemeinde hatte sogar schon Dixie-Toiletten aufgestellt, um die grundlegenden Bedürfnisse der Pilger zu befriedigen – wobei die Funktion der Toiletten bei fünf Grad unter null nur eingeschränkt war, der Begeisterung der Elfenfans aber keinen Abbruch tat.
Selbst der berühmte Elfenforscher Edmund Hollary kam nach Biendorf
Aber lange sollte die Freude nicht mehr halten. Hanne Fort und ihr Begleiter waren Ende Januar 1933 sogar in der Lage, mit den geflügelten Wesen zu kommunizieren. Sie sollten die Welt in Liebe hüllen und auf Hass endgültig verzichten, waren nach Forts Aussage die Wesentlichen Botschaften der Wesen des Waldes.
 
Doch am Abend des 30. Januar 1933 – dem Tag, an dem Adolf Hitler die Macht über Deutschland ergriff – gab es ein schreckliches Wintergewitter. Es war der letzte Abend, an dem Hanne Fort und ihr Begleiter die Elfen im Biendorfer Elfenwald sahen. Sie scheinen sichtlich verstört zu sein und Hanne Fort  war sich sicher, dass einige von ihnen sagten, dass sie ihre Aufgabe in Deutschland verfehlt hätten und deswegen gehen müssten.
 
In der folgenden Nacht war der Biendorfer Elfenwald still. Dunkel. Ausgestorben. Nichts war zu sehen, als Hanne Fort und ihr Begleiter nach den Flügelwesen suchten. Nur Finsternis hing über Mecklenburg und ganz Deutschland.
 
Wochen-, ja monatelang waren Hanne und ihr Begleiter noch unterwegs, um die Elfen zu suchen. Ab und zu sahen sie auch kleine fliegende Dinger. Aber denen fehlte das helle Leuchten der Elfen. Vielmehr schimmerten sie in einem dunklen Braun, ihre Flügel glichen denen von Fledermäusen und sie trugen Hörner auf dem Kopf.
 
Auch diese Wesen – Hanne Fort konnte sie im Gegensatz zu den Elfen nie verstehen – schienen sich mit der Zeit zu vermehren. Doch wie die Elfen verschwanden sie auch von einem Tag auf den anderen: Am 8. Mai 1945, also etwa tausend Jahre nach dem Verschwinden des Elfenreichs, wurde der letzte dieser braunen Flattermänner gesichtet.
 
Was Hanne Fort wegen ihres Alters nicht mehr erlebte: nach 1990 soll es unbestätigten Berichten zu Folge wieder Elfensichtungen im Biendorfer Elfenwald gegeben haben. Allerdings tauchten mit Beginn des neuen Jahrtausends auch wieder die braunen Flattertiere auf.
 
© Mig Phoenix 2009
 
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