20 - Die Mörderin - Mig Phoenix

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20. Die männermordende Kellnerin 
      von Börgerende
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn es war einer der größten Kriminalfälle, der in den frühen dreißiger Jahren die Republik erschütterte. Geli Metzger, die Serienmörderin von Börgerende, die mindestens zwölf Männer auf dem Gewissen hatte.
Aber zum Beginn: Unter dem Datum 24. April 1929 vermerken die Polizeiakten der Hansestadt Rostock, die sich heute im Landesarchiv in Schwerin befinden: „Am Strand von Nienhagen bei Bad Doberan wurde heute Morgen die Leiche eines etwa dreißigjährigen Mannes gefunden. Den ersten Ergebnissen zu Folge scheint er 100 Meter östlich des barrierefreien Strandabgangs von der Klippe gestürzt zu sein, obwohl sich dort ein Geländer befindet.“
 
So weit, so schlecht: Es gab keinerlei Anzeichen von Gewalteinwirkung bei Walter Klaus aus Rostock (wie er kurz darauf anhand seines Führerscheins identifiziert wurde). Abgesehen eben von der Gewalteinwirkung der Schwerkraft, die ihn zehn Meter in die Tiefe und auf das harte Geröll warf – die eigentlich geplante Strandaufspülung hatte die Gemeinde wegen des Strandabgangs aus Kostengründen zurückstellen müssen. Kurz und gut, der Fall, also der Sturz, wurde als Unglücksfall abgehakt.
 
Aber keine zwei Wochen später: Hans Dongschtelle, Tourist aus Sachsen, lag ebenfalls tot an ebenfalls der gleichen Stelle, ebenfalls das Genick auf dem Geröll gebrochen.
 
Der erste Fall schien vergessen zu sein, denn die Polizei kam erneut zu dem Ergebnis: Unfall! Sturz in die Akten, aber wenigstens der Strand wurde jetzt aufgespült.
Tückisch: Die Opfer hielten die
Lücke neben dem Geländer für den romantischen Weg nach unten...
Das Polizeibild von 1930 zeigt den tödlich gestürzten Freyherr Fall am Fuß des Kliffs
 
Was allerdings nur für Badegäste – zu jener Jahreszeit allerdings noch nicht sehr zahlreich – von Vorteil gewesen wäre. Denn am 31. Mai des Jahres 1992 lag Werner Franken aus Bayern fern seiner Heimat am Ostseestrand. An der gleichen Stelle wie seine Vorgänger. Nur bewies er, dass der Sturz aus dieser Höhe auch auf Sand finale Folgen hat.
 
Man bat zwar die Gemeinde Nienhagen das Geländer nach rechts etwas zu erweitern – aber nach dem serpentinenförmigen Strandabgang und der Strandaufspülung war die Kasse einfach leer. Also wurden die Fälle von Heinrich Mücke, Gerhard Fliege, Wolfgang Sturz, Freyherr Fall, Gernot Tief und Hartwig Landung, die bis zum 18. April 1930 an verschiedenen Tagen an gleicher Stelle morgens aufgefunden wurden ebenfalls als Unfälle verzeichnet.
 
Im Mai 1930 kam aber ein neuer Kommissar ins Rostocker Revier, der aufmerksam wurde: Philipp-Franz Iffig. In seinen Memoiren notierte er: „Das kam mir irgendwie seltsam vor, zumal alle als Urlaubsgäste im nahen Börgerende waren.“ Da aber, wie gesagt, keine Zeichen von Gewalteinwirkung außer jenen des Strandes gefunden wurden, kam er zu einer Schlussfolgerung: „Die besagte Stelle neben dem Klippengeländer in Nienhagen muss zu einer Pilgerstätte für Selbstmörder geworden sein, die sich zum Abschied in Börgerende einmieten.“
Und so endeten zwar auch Berti Wuschig, Sven-Oliver Gail und Hans Ornig bis September 1930 am Fuß der Nienhäger Klippe, aber nicht mehr in den Unfall- sondern in den Selbstmordakten der Rostocker Polizei. Die Gasthäuser Pensionen von Börgerende wurden von Kommissar P.F. Iffig alle persönlich auf potenzielle Suizidkandidaten inspiziert, aber er kam zu einem klaren Schluss: „Die wollen hier alle nur Spaß und Erholung haben – und der Ort ist so lang, dass man sich zu Fuß die Schuhe abläuft.“
 
Die Wende, die den Fall aufklärte, kam am 9. November 1930: Wieder lag eine männliche Gestalt am Fuß der Steilküste. Die Retter, die sich aus Erfahrung nicht mehr sehr beeilten, waren diesmal überrascht: Der Mann lebte! Es handelte sich um Jörg Müller, Einheimischer aus Börgerende. Er hatte sich während des Sturzes an einer Wurzel festhalten können, die erst nach einem kleinen Sandabbruch an jener Stelle bei Nienhagen aus dem Kliff ragte.
Diese Wurzel rettete ihm das Leben – auch wenn er seitdem nur noch weiße Haare hatte und sich beim Sturz immerhin beide Beine brach – und knackte neben den Beinen das Rätsel.
 
„Es muss sich alle Male vorher gleich abgespielt haben“, schreibt P.F. Iffig in seinen Memoiren und die Akten im Schweriner Archiv belegen dies: Alle Männer hatten in Börgerendes beliebtester Kneipe, dem „Kempuffski“, die attraktive Kellnerin Geli Metzger kennen gelernt.
 
Nach kurzer Zeit schon hatte sie ihnen eindeutige Avancen gemacht und gebeten, dass ein intimes Treffen aber nicht in Börgerende selbst stattfinden dürfe. Schließlich sei sie dort als ehrenhafte Bürgerin bekannt und beliebt.
Der frisch herausragende Ast auf diesem Polizeifoto rettete Jörg Müller das Leben
Also schlug sie ein Treffen jenseits des Gespensterwaldes vor, an der Küste Nienhagens. Hier traf sie sich nachts mit ihren Opfern am barrierefreien Strandabgang, bat einhundert Meter weiter zu gehen, weil dort ein romantischerer Weg zum Strand führe, an dem es auch eine kuschelige Bank für eine gemeinsame Flasche Wein gäbe.
Jenseits der Steintreppe wies sie die ahnungslosen Männer in der Dunkelheit auf einen schmalen Pfad am Ende des Geländers, wo sich der lauschige Weg befinden sollte. Sie bat sie, als Gentlemen doch vorzugehen, damit sie nicht stolpere. Es war aber nicht der romantischste, sondern schlicht der kürzeste Weg: Zehn Meter senkrecht in die Tiefe! Exitus.
 
Jörg Müller hatte seine Aussage im Krankenwagen noch nicht ganz beendet, als schon Polizeiwagen Richtung „Kempuffski“ rauschten, wo Geli Metzger harmlos hinter dem Tresen stand und mit Gästen schäkerte. Die Handschellen klackten und Philipp-Franz Iffig hatte seinen ersten Serienmordprozess gelöst. „Das war ein Ding“, erinnert er sich in seinen Memoiren.
 
Das Ende: Geli Metzger war zwar komplett geständig, aber das Rechtssystem der Weimarer Republik kannte für zwölf gestandene Morde nur ein Urteil: Die Todesstrafe. Geli Metzger wurde in eine Haftanstalt nach Berlin gebracht und am 24. Dezember 1933 in Strausberg hingerichtet. Und ist bis heute als erfolgreichste Männermörderin in Europa bekannt.
Wie in dieser nachgestellten Szene schickte Geli Metzger ihre ahnungslosen Opfer in die Tiefe...
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2009
 
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