19 - Der Stuntman - Mig Phoenix

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19. Aus Wittenbeck in die 
      Filme der Welt
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn es ja gerade einmal zehn Jahre her, dass der seit der Wende arbeitslose Thomas Ulrich Tweh aus Wittenbeck es nicht nur zu einem neuen Job brachte, sondern heute in Hollywood zur Riege der gefragtesten Stuntmen gehört.
Aber zurück zu den Anfängen. Zum Jahreswechsel weilte T.U. Tweh im Kempinski in Heiligendamm, um Freunde aus vergangenen Zeiten in der Region zu besuchen. Grund genug, mir einmal seine abenteuerliche Geschichte zu erzählen.
„Ich war fünf Jahre arbeitslos“, erinnert sich der gelernte VEB-Analyst, „denn nach der Wende war meine Arbeit überhaupt nicht mehr gefragt.“ Es kam, wie es oft geschah: Tausende Bewerbungsschreiben, aber stets Absagen. Größtenteils kamen die Briefe auch als „nicht zustellbar“ zurück, weil es die von ihm angeschriebenen VEBs gar nicht mehr gab.
 
„Mit den Jahren begann ich fast, mich aufzugeben, am Ende saß ich nur noch vor meinem alten DDR-Fernseher – für einen Neuen reichte das Arbeitslosengeld nicht – und sah mir irgendwelche Sendungen an. Talkshows über Talkshows und ab und zu ein Infoprogramm“, erinnert sich Tweh heute, entspannt in der Lobby des Kempinski sitzend.
Der erste Auftritt und die erste Berufsverletzung:
verbrühte Hände
Der Durchbruch kam dann bei einer Sendung, in der kurz vor Sylvester 1995 auf die Gefährlichkeit von polnischen Knallkörpern hingewiesen werden sollte. T.U. Tweh: „Da stand dann der Sprengmeister und hielt eine Schweinepfote in der Hand. Er sagte lachend wir haben leider keinen gefunden, der das freiwillig macht, also muss der Schweinefuß dran glauben.“
 
Nach der Explosion sammelte der Sprengmeister den Fuß wieder auf und meinte, „dass das zwar nicht tödlich gewesen wäre, aber hässliche Wunden hinterlassen hätte. Und da sagte ich mir, wenn das Fernsehen bezahlt, mach ich das halt. Besser als nix tun…“, sagt Tweh und lächelt dabei zufrieden. Direkt am nächsten Tag rief er beim Sender an, der ihn an die Produktionsfirma verwies.
 
„Die waren zuerst sehr skeptisch, haben mich aber nach einer Woche doch zu einem Gespräch nach Berlin eingeladen“, berichtet der Stuntman, „und da hatten wir eine sehr nette Unterhaltung.“ Sechs Wochen musste er noch warten, dann kam auch der erste Auftrag. Es ging um eine Sendung zum Thema Küche und Tierquälerei.
 
Thomas Ulrich Tweh fuhr in die Studios in Babelsberg um zum ersten Mal als Stuntman vor der Kamera zu stehen: „Es ging darum, ob das Kochen für Hummer eine unzumutbare Quälerei ist, also was das Tier empfindet, wenn es in den Kochtopf geworfen wird.“ Nachdem der Moderator Abdan Aimalla am Kochtopf der Studioküche stehend das Thema anmoderiert und den magischen Spruch „Machen wir doch mal ein Experiment!“ in die Kamera gesagt hatte, kam der große Auftritt des Stuntman.
 
„Ich kam aus dem Hintergrund mit dem T-Shirt des Hauptsponsors der Sendung – einem großen Hummerhändler – und steckte eben einfach meine Hand in das kochende Wasser.“ Hat das nicht höllisch wehgetan? „natürlich, vor allem, weil wir die Szene acht Mal wiederholen mussten – denn schließlich sollte es so aussehen, als ob es überhaupt nicht weh tut…“ Noch heute sieht man die Narben der Verbrühungen an seinen Händen. Neben zahllosen anderen auch.
 
Denn als die Sendung über den Äther ging, war das der große Durchbruch des Thomas Ulrich Tweh. Anfragen über Anfragen und Drehtermine über Drehtermine. Zuerst in Deutschland. „Das große Osterspezial zum Thema Kreuzigung wird ich nie vergessen“, sagt er mit einem versonnenen Blick durch die Fenster der Kempinski Lobby, „auch die Sendung zu den Olympischen Winterspielen war grandios!“
 
Hier hatte er gleich mehrere Auftritte. Etwa zu den Experimenten „Was passiert, wenn ein Fußgänger beim Wettbewerb auf der Bob-Bahn steht?“ Oder „Was passiert, wenn ein Abfahrtsläufer mit 200 Stundenkilometern in den Wald rast?“ Oder „Was passiert beim Eishockey ohne Zahnschutz?“ Oder „Tut es weh, wenn beim Rodeln die Finger unter die Kufen kommen?“
Eishockey ohne Zahnschutz:
Bei T.U. Tweh blieb es nicht ohne Folgen
Speziell sein Einsatz beim Bobrennen machte die amerikanischen Fernsehsender auf ihn aufmerksam. Im Sommer nach den Spielen 1996 – bis dahin hatte er sich erholt und das Krankenhaus wieder verlassen – stand er erstmals vor amerikanischen Fernsehkameras.
 
„Sind Grizzlybären Kuscheltiere? War mein erster großer Erfolg in den USA“, erzählt Tweh, hebt seinen Pullover und zeigt vier große parallel über seinen linken Bauch verlaufende Narben. Direkt verweist er auch über eine schrecklich aussehende Narbe auf der anderen Seite des Bauchs: „Das war für die Sendung, in der ich mich als Robbe verkleidet habe und zwischen Weißen Haien geschwommen bin.“
 
Sechs Monate Krankenhaus damals, aber seine Honorare schossen in die Höhe. Was ist eigentlich sein Erfolgsgeheimnis? „Nun ja, es ist einfach meine koordinierte Arbeit, die ich als VEB-Analytiker ja gelernt hatte.
Der große Nachteil bei solchen Einsätzen sind ja die langen Genesungspausen. Normalerweise liegt man nach so einem Dreh mit einem Grizzlybären zwei Monate flach. Ich hab das schon immer kombiniert. So hab ich etwa direkt nach dem Bärendreh die Haifischaufnahmen gemacht. Mehrfach drehen und nur einmal erholen müssen.“
 
Bei dieser Arbeitsweise drängt sich natürlich die Frage auf, was der bisherige Rekord des früheren Wittenbeckers ist: „Fünf an einem Tag!“, berichtet er stolz, „es war am 3. August 2006: Erst wurde ich von einer Klapperschlange gebissen, dann von einem Auto angefahren, danach habe ich in ein Tellereisen von Bärenfallen getreten, hinterher meine Hand in einen Ventilator gehalten und am Schluss wurde ich von einer anlegenden Fähre an die Kaimauer gedrückt.“
 
Ergebnis: Sieben Monate Krankenhaus und Rehabilitation, aber dafür ein Gehalt, für das er viele Jahrzehnte Arbeitslosengeld hätte beziehen müssen. „Ich liebe es einfach und der Job macht mir Spaß“, sagt der eigentlich unscheinbar wirkende Mecklenburger. Und noch etwas hat es ihm gebracht, sich damals zu bewerben: Seine heutige Ehefrau: „Ich lernte sie bei meinem ersten Einsatz kennen“, erinnert er sich mit seligem Lächeln, „nachdem ich den Arm in den Hummerkochtopf gesteckt hatte, war sie die Krankenschwester, die mir in der Charité die Haut rettete – und Hummer liebt sie auch noch genauso wie ich …“
 
Thomas Ulrich Tweh ist ein Mann, der sich voll und ganz in seinen Beruf stürzt. Und auch seine nächsten Aufnahmen sind schon geplant, verriet er in der Lobby des Kempinski an einer Tasse heißem Essig nippend. Er wird sich in den kommenden Monaten zwischen Prellbock und Puffer einer anfahrenden Eisenbahn stellen, die Niagarafälle im Winter auf Skiern herunterfahren und das Experiment machen, wie viele Haare man einem Tiger am Bauch auszupfen kann, ohne Ärger zu bekommen.
 
Gibt es auch etwas, was T.U. Tweh nicht machen würde? „Ja natürlich“, sagt er lachend, „mir Fernsehtalkshows ansehen“, um dann nachdenklich hinzuzufügen, „obwohl ja mit denen eigentlich alles angefangen hat…“ Manchmal geht das Leben eben verschlungene Wege. Thomas Ulrich Tweh jedenfalls wird uns noch in vielen interessanten Experimentiershows im Fernsehen begegnen. Ein Wittenbecker, der durch Eigeninitiative die Welt erobert hat.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2009
 
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