17 - Der Panzer - Mig Phoenix

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17. Panzersperre am
      Marktplatz
 
Neubukow - Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn seit zu Jahresbeginn 2008 in Neubukow die Diskussion um die Umgehungsstraße wieder aufflammt, erinnern sich viele noch an das Jahr 1990. Da war es schon einmal so weit, und nicht nur alle Neubukower forderten vereint eine Umgehungsstraße. Auch alle Nutzer der B105 waren dafür. Grund: ein sowjetischer Panzer!
Es war am 17. Oktober 1993, wie die Lokalausgabe Spriehusen der "Ostsee-Zeitung" am folgenden Tag berichtet: Die sowjetischen Truppen verließen die Halbinsel Wustrow. Die Landesstraße zwischen Rerik und Neubukow, im Volksmund heute noch "Panzerstraße" genannt, war voll mit Fahrzeugen der Roten Armee. Lastwagen reihte sich an Lastwagen, Panzer an Panzer. Fast alle Bürger der Stadt standen an der Straße und verabschiedeten sich von den russischen Soldaten. Die einen mit Tränen des Wehmuts in den Augen, die anderen mit Tränen der Freude.
Über die Panzerstraße rollte der Konvoi zur B105, bog dann zum Abschied nochmals rechts ab, fuhr entweder direkt zum Bahnhof durch die Innenstadt zu einer zusätzlich an der Bahnstrecke eingerichteten sogenannten Zerlegbaren Kopframpe im Westen der Stadt ungefähr auf Höhe der heutigen Tankstelle.
 
Wer sich mit dem technischen Zustand alter Panzer im Allgemeinen und dem der Sowjettruppen im Besonderen etwas auskennt, wusste, dass es Alltäglich ist: ein Motordefekt bei einem alten T62. Wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht drei mehr als ärgerliche Faktoren gegeben hätte: Zum einen krepierte das Aggregat nicht irgendwo auf der Strecke, sondern just an der Durchfahrt zum Marktplatz zwischen dem "Gasthaus am Markt" und der Metzgerei. Zum Weiteren waren alle Bergepanzer, die den 50-Tonnen-Koloss hätten wegziehen können, durch Koordinierungsfehler bereits drei Tage vorher auf einen Zug nach Nowosibirsk verladen worden. Und zum Dritten schließlich: Die Panzerbesatzung und ihre Vorgesetzten hatten einfach die Schnauze voll!
Die Lokalausgabe Spriehusen der "Ostsee-Zeitung" brachte am 18. Oktober 1993 das Bild des Panzers: Neubukows Marktplatz war dicht!
Ergebnis: Vier heldenhafte sowjetische Panzersoldaten verließen hustend - weil der Rauch des sterbenden Motors den gesamten Innenraum gefüllt hatte - und fluchend ihr marodes Kampfgerät. Einige Tritte noch gegen die Ketten was den Panzer nun überhaupt nicht störte und die Besatzung machte sich samt ihrer rußigen Rucksäcke zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof.
 
Wenigstens jetzt reagierten die sowjetischen Befehlshaber noch, und ließen alle hinter dem defekten Stahlkoloss wartenden Fahrzeuge umkehren und am Bahnhof verladen. Am Abend waren alle auf ihren Zügen, die Zerlegbare Kopframpe abgebaut und dem nächsten Schrotthändler übergeben - nur am Neubukower Marktplatz stand noch ein verlassener und verschlossener Kampfpanzer vom Typ T62 und blockierte jegliche Durchfahrt.
 
Am nächsten Morgen hatte sich immer noch nichts geändert. Außer, dass die Staus mittlerweile bis nach Wismar und Kröpelin reichten, denn die Autobahn gab es ja noch nicht. Nun gut, die Gastronomen der Region - zumindest jene, deren Häuser an der B105 lagen - beschwerten sich nicht. Gab ihnen doch jene Kundenflut einen guten Start in den Kapitalismus. Doch nach und nach - der "Ostsee Anzeiger" eine Woche später meldet noch keine Änderung - wurde der Panzer ein wahrhaftes Verkehrsproblem.
 
Was tun? Das fragte sich auch Frank von Westen, damals brandneuer Polizeichef von Neubukow und erst vor vier Wochen aus seiner Heimat in der Lüneburger Heide an die Ostsee gezogen. Zunächst einmal den Panzer aufbrechen. Kein großes Problem. Dann jemanden finden, der sich mit so einem Ding auskennt. Auch kein großes Problem, denn es gab genug ehemalige NVA-Soldaten in der Region, die sich längere Zeit in die Technik des T62 hatten vertiefen dürfen.
 
Doch dann das Problem: "Das Ding ist völlig im Ar…, das Getriebe ist total blockiert und der bewegt sich so keinen Zentimeter mehr", war die Diagnose von Stefan Teuermann, erfahrener T62-Pilot der NVA.
 
"Wir haben bei der Bundeswehr doch auch so Dinger", dachte von Westen messerscharf, während er vor einer immer größer werdenden Demonstrantengruppe am Neubukower Marktplatz stand. Seit nunmehr drei tagen skandierte die zusammen gelaufene Bevölkerung hier in Sprechchören bei Kerzenlicht: "Wir wollen die Straße!"
 
Ein Anruf bei den zuständigen Stellen bracht zunächst Ernüchterung. "Da sind wir momentan nicht zuständig, wir haben genug damit zu tun, die NVA einzugliedern - aber warten Sie, wir verbinden sie weiter." So die Worte, die von Westen der Westenbrügger Lokalausgabe der "Ostsee-Zeitung" zu Protokoll gab. Auswendig. Denn er hatte sie schon vierundvierzig Mal gehört.
 
Am siebzehnten Tag nach der Panne dann doch die Erlösung. Ein Pionierbataillon aus Ingolstadt hatte einen Bergepanzer vom Typ "Dachs 2" zur Verfügung, der mittels Schwerlasttransport nach Neubukow gebracht werden sollte. Geplante Transportdauer: drei Tage. Tatsächliche Transportdauer: acht Tage. Denn auf der damals noch aus Betonplatten bestehenden Autobahn zwischen Hof und Leipzig brachen zwei Achsen des Schwerlasttransporters und dieser musste erst einmal repariert werden.
 
Doch dann war es endlich so weit: "Der Stau ist weg" titelte sogar die neue Nordostausgabe der "Bild"-Zeitung, "Ostsee-Zeitung", "Ostsee-Anzeiger", der "Küsten-Berichterstatter" und sogar der Pepelower "Standanzeiger am Montag" stimmten in den Jubel ein. So wie die Bevölkerung. Außer den Gastwirten. Denn kaum war das Hindernis weg, war auch der Stau fast verschwunden. Und damit die Gäste.
Denn jetzt rauschten alle Touristen wieder direkt an ihre Urlaubsziele an der Küste, und von den Orten an der B105 nahm man nur Notiz, wenn man wegen querender Senioren oder Kinder das Tempo unter die hundert Stundenkilometer reduzieren musste.
 
Eine Lehre zog daraus aber die Nachbarstadt Kröpelin. "So etwas darf bei uns nicht passieren. Wenn die Touristen ohnehin nicht anhalten, wollen wir auch keinen Lärm in der Stadt", erklärte der damalige Bürgermeister laut den Protokollen der Stadtvertreterversammlung, "und ein Panzer kann ja immer mal liegen bleiben."
 
Ergebnis: Kröpelin setzte sich für eine Umgehungsstraße ein und bekam sie bald - Neubukow kämpft noch immer darum, weil man die Geschichte des am Markt verreckten Kampfpanzers vom Typ T62 scheinbar vergessen hat.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008

 
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