16 - Zimmer 313 - Mig Phoenix

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16. Das Zimmer
      des Schreckens
 
Warnemünde - Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn die Legende um Zimmer 1313 des "Neptun"-Hotels ist noch heute in aller Munde. Es war das Zimmer des Todes - was allerdings erst durch moderne touristische Marktforschung nach der Wende zu Tage kam.
Wie kam man dem Geheimnis auf die Spur? Kurz: Die Ehre gebührt Griseldis Hotzenblitz, die im Dezember 1990 als neue Touristikmitarbeiterin im "Neptun"-Hotel anfing. Frisch von der Universität, wo sie ihr Studium der Küstentouristik bei Professor Claude Liegisch-Gutdrauf mit der Note "Cumma sum claude" abgeschlossen hatte, wollte sie neuen Wind ins Marketing des altehrwürdigen Hauses bringen.
 
Und wie sie es bei ihrem Professor gelernt hatte, begann sie dies mit einer intensiven Analyse des Buchungsverhaltens der vergangenen vierzig Jahre. Also einfach die Frage, wie viele Gäste nach einem Urlaub wiedergekommen sind, und wie viele nicht. Soziologischer Hintergrund: Je mehr wieder kommen, umso beliebter muss das Hotel gewesen sein. Eigentlich ein völlig normales Vorgehen in der touristischen Marktforschung - und ein erstaunlich gutes Messinstrument zudem.
Etwas überfordert vom brandneuen Computersystem beging Hotzenblitz jedoch einen vermeintlichen Fehler, der sich nachträglich als Glücksgriff erweisen sollte. Denn in der unübersichtlichen Eingabemaske des damals noch mit weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund arbeitenden Programms, klickte sie versehentlich "nach Zimmern sortieren" an. Das Ergebnis war verblüffend:
 
Zu DDR-Zeiten gab es zahlreiche Gäste, die immer wieder in den gleichen Zimmern übernachteten. Etwa der zeitweilige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Uwe Barschel, der später einem Schweizer Hotel zu Weltruhm verhelfen sollte. Andere Gäste die mehrfach gebucht hatten, verschwanden im Lauf der Jahre.
 
Hier wurde Griseldis Hotzenblitz neugierig und suchte mittels der nun gesamtdeutschen Telefonbücher nach. In einigen Fällen wurde sie nicht fündig, aber viele fanden sich nach ihrem letzten Aufenthalt im "Neptun" in westdeutschen Telefonbüchern wieder.
 
So weit so gut. Nur ein Fall blieb für die pfiffige Touristikerin ein Rätsel: Zimmer 1313!
Ein Haus mit Tradition und einem Zimmer des Schreckens:
Das "Neptun" in Warnemünde
Denn keiner, absolut keiner der Gäste, die jemals dieses Zimmer bewohnt hatten, ist je zurückgekommen. Hier erwachte detektivischer Eifer bei der Küstenhotelspezialistin. Sie recherchierte alle Gäste, die seit Bau des Hauses in Zimmer 1313 übernachtet hatten, hinterher. Das Ergebnis war erschreckend.
 
Denn alle Bewohner dieses Zimmer weilten nicht mehr unter den Lebenden. Alle hatten ihrem Leid durch Selbstmord ein Ende gesetzt! Etwa Arthur M. aus Hoyerswerda, der vom 12. bis zum 26. August 1967 in Zimmer 1313 seinen Urlaub verbracht hatte. Nur acht Wochen nach der "Erholung" setzte er sich bei einem Jagdausflug mit Erich Honecker die Flinte an den Kopf und drückte ab.
 
Oder Heinz und Maria Z. aus Frankfurt/Oder, Gäste von Zimmer 1313 vom 18. bis zum 25. Juni 1976. Sechs Monate nach dem Urlaub an der Ostseeküste fand man sie leblos nebeneinander mit den Köpfen im Gasherd ihres Hauses. Pikantes Detail am Rande, was uns der "Oder-Bote" vom 27. Dezember des Jahres vermeldet: Die neben den Köpfen liegende Weihnachtsgans war noch nicht einmal angebraten.
 
Oder Jürgen K. aus Suhl, Gast in Zimmer 1313 vom 8. bis zum 22. Dezember 1982. Drei Wochen nach dem Urlaub trank er sich gezielt mit "Goldkrone" zu Tode. Die Liste, die sich vor Griseldis Hotzenblitz auftat, war erschreckend und vor allem endlos. Der Aufenthalt in Zimmer 1313 des Neptun-Hotels war ohne Zweifel eine sichere Grundlage für einen baldigen Suizid!
 
Was tun? Die Touristikspezialistin hatte ja nicht die Aufgabe, ungeklärte Selbstmordfälle zu notieren, sondern die Ursache zu suchen, damit wieder Gäste in Zimmer 1313 übernachten konnten, denen man keinen Kranz im Nachhinein zusenden musste.
 
Also wandte sie sich zunächst an ihren Onkel Axel Bodo Hörer, der zu DDR-Zeiten lange als Elektronikfachmann im "Neptun" beschäftigt gewesen war. Seit der Wende war er arbeitslos und hatte daher Zeit, sich ausgiebig mit den technischen Hintergründen von Zimmer 1313 zu befassen. Nach einer Woche kam A.B. Hörer zu einer klaren Erkenntnis: Alles völlig normal. Denn außer einem Fernsehgerät (seit kurzem sogar in Farbe), einem kleinen Kühlschrank, einem Radiowecker, einem Lichtschalter im Badezimmer, einem großen Raumlicht, sieben Abhörmikrofonen und zwei Nachttischlampen war nichts Auffälliges zu entdecken.
 
Griseldis Hotzenblitz vertraute auf die Erfahrungen ihres Onkels und verzichtete deswegen völlig zu Recht darauf, die Polizei einzuschalten. Sie hatte eine andere Idee: Sollte es etwas Paranormales sein? Ihr kam das Institut für Parapsychopathie in Freiburg/Unstrut in den Sinn, wo Professor Hans Bieger seit Jahrzehnten übernatürlichen Erscheinungen auf den Sinn ging.
 
Im April 1991 kam der Professor nach Warnemünde. Als erstes ließ er den Strom abschalten elektronische Einflüsse hatte A.B. Hörer ja schon ausgeschlossen und sie würden auch nur seine Messgeräte stören und machte sich auf die Jagd. Zwei Wochen verbrachte der Professor im Zimmer. Ergebnis: Wieder Null! Weder Messergebnisse noch ein Suizidversuch des Gelehrten.
 
Nächste Idee von Frau Hotzenblitz: Ein Schamane aus Bali. Zwei Tage saß er mit seinen Mitarbeitern im Raum, wegen des versehentlich immer noch abgeschalteten Stroms bei Kerzenlicht. Ergebnis: Noch mal Null! "An diesem Raum ist überhaupt nichts Besonderes", sagte der Schamane verärgert, bevor er wieder in seine Heimat zurückflog. Gut, der Ärger mag daran gelegen haben, dass das Hotel vergessen hatte, im etwas zu Essen aufs Zimmer bringen zu lassen. Am Resultat änderte dies jedoch auch nichts.
 
Griseldis Hotzenblitz entschloss sich daher zum Selbstversuch, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Sie legte sich an einem Samstagabend des Jahres 1991 ins Bett von Zimmer 1313 des "Neptun"-Hotels in Warnemünde, sah sich eine Folge von "Wetten dass" an - der Strom war inzwischen wieder eingeschaltet - und fiel kurz nach dem Abschalten des Fernsehgerätes in Tiefschlaf.

Des Rätsels Lösung: Ein Radiowecker der VEB Plaste Plauen steckte hinter dem großen Geheimnis von Zimmer 1313 im Hotel Neptun
Um vier Uhr dreißig wurde sie jäh aus dem Schlaf gerissen: Der Radiowecker ging an und weckte sie mit einem grässlichen "Piiiiep!!!" Alle Versuche, das Ding auszuschalten indem sie irgendeinen Knopf darauf drückte, scheiterten. Kurzerhand zog sie den Stecker aus der Leitung und verfiel wieder in süße Träume.
 
Von der kurzen nächtlichen Störung abgesehen also nichts Besonderes. Nächste Nacht, nächster Versuch. Nichts passierte bis vier Uhr dreißig: "Piiiiep!!!" Wieder drücken, wieder nichts, wieder Kabel aus der Wand. Sollte das allen Gästen hier passiert sein? Ein Anruf bei der Universität Rostock am Institut für Schlafforschung brachte des Rätsels Lösung:
"Wenn man viele Tage hindurch nachts zur gleichen Zeit geweckt wird, passt sich der Körper diesem unnatürlichen Biorhythmus an", erklärte Professor Robert Uhe-Sanft der Hotelfachfrau. Und sein Kollege Dieter Rehdurch von der psychiatrischen Klinik ergänzt: "Das kann zu schweren Depressionen führen, die oft in Suizid enden."
 
Der Radiowecker also als Ursache. Aber weshalb weckte er die Gäste von Zimmer 1313 jede Nacht um vier Uhr dreißig? Als Griseldis Hotzenblitz das Gerät zu Reparatur gab, stellte sich nur heraus, dass Abschalt- und Einstellknopf des 1960 von der VEB Plaste Plauen gebaute Weckers defekt waren. Man konnte ihn nicht anders einstellen und nur abschalten, indem man den Stecker zog.
 
Weshalb war der Stecker aber immer wieder an der Leitung? Hotzenblitz sah die Personallisten durch und stellte fest, dass seit 1959 ein und dasselbe Zimmermädchen für Zimmer 1313 im Warnemünder "Neptun"-Hotel verantwortlich war: Kornelia Orrekt. In einem vertraulichen Gespräch mit der Chefin sagte sie nur: "Ich hab das auch nie verstanden: Jeden Morgen beim Aufräumen liegt der Stecker neben der Dose, jedes Mal stecke ich ihn wieder hinein, und am nächsten Morgen ist er wieder draußen. So unordentliche Hotelgäste sollten eigentlich bestraft werden…"
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008

 
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