15 - Der Sensenmann - Mig Phoenix

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12. Gänse im Pullover -
      und plötzlich nichts!

 
Hinter Determannshagen - Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn absolut einzigartig ist die Geschichte des Ortes Hinter Determannshagen zwischen Neubukow und Altenhagen. Wenden wir uns zunächst einmal der Geschichte des Ortes zu.
Wie ginge das leichter als einmal in die „Ostsee-Zeitung“ vom 18. Dezember 1954 zu blicken, wo sich in der Samstagsausgabe die „Dörfer-Tour“ mit Hinter Determannshagen befasst. Die Journalistin Regina Bergregion stellte damals den Ort vor.
 
„Mehr als ein Dutzend ein und zweigeschossige Häuser finden sich hier an der Verbindungsstraße von Neubukow nach Altenhagen. Dorfidylle pur, neben dem kleinen Gutshaus mit einem Teich in der Mitte, auf dem wegen des frühen Wintereinbruchs die Kinder schon Schlittschuh laufen“, sind die ersten Eindrücke der Autorin.
Eigentlich fing ja alles mit einem schrecklichen Unfall auf dem Acker nahe Satow an, wie die Akten im Schweriner Landesarchiv zu berichten wissen (Landesarchiv Schwerin, Archivnummer 753965826G). Der Weide-Hof hatte schon mehrere Traktoren im Einsatz, die im Sommer zur Ernte auf dem Feld eingesetzt wurden. Schließlich konnte man so die Ernte viel schneller einbringen als etwa mit der von Pferden gezogenen Maschine oder gar mit der Sense.
Und sie stellt auch einige der Bewohner vor, etwa Hans Kneter, der „Gartenzwerge züchtet“. Gartenzwerge züchtet? Nun ja, jedenfalls nennt Kneter es so, denn er formt Gartenzwerge aus Ton, die – wenn fertig – über die örtliche LPG sogar bis ins Erzgebirge gebracht werden. Hier kommen sie in allen Größen in Jahresendzeitpyramiden und Schwippbögen zum Einsatz. Warum? Die Kollegin erfuhr die Antwort von Hans Kneter: „Die haben im Moment Probleme mit ihren Drechselmaschinen, und um der großen Nachfrage aus dem Westen nachzukommen, müssen sie die Dinger eben mit den Hinter Determannshagener Zwergen bestücken.
Hinter Determannshagen, wie man es sich vorstellen muss. Ein Gutshaus mit einem Teich und weiteren Häusern. Leider wurden alle existierenden Originalaufnahmen inzwischen vernichtet
Aus heutiger Sicht sei angemerkt, dass dies nur im Winter 1954/55 der Fall war. Und Pyramiden und Schwippbögen aus jener Zeit, die Gartenzwerge aus Ton vorzuweisen haben, werden inzwischen bei E-Bay für satte Eurobeträge gehandelt.
 
Und dann fand die Journalistin nebenan noch Oma Kamunke, die mit Gänsefedern und Schafwolle handelte. Das Besondere: „Oma Kamunke hatte ein Herz für Tiere“, so Regina Bergregion in ihrem Artikel, „und wenn ein Schaf geschoren war, strickte sie als erstes aus der Wolle einen Pullover – fürs Schaf, damit es nicht friert. Erst die Wolle des zweiten Jahres wurde verkauft, denn die Pullover waren ja noch da.“
 
Noch absurder erscheint heute, was Oma Kamunke mit ihren Gänsen anstellte. Denn die wurden für die Federn nicht geschlachtet, sondern wie die Schafe rasiert. Und damit sie nicht froren trugen sie, bis die federn nachgewachsen waren – selbstgestrickte Pullover aus Schafwolle!
 
Dann berichtet die Reporterin noch über den Rentner Erwin Obowollek, der seit drei Jahren eigentlich nichts anderes macht, als zu versuchen auf seinem Küchentisch möglichst viele Pfennigmünzen auf der Kante aufzustellen. „Versuchen sie es doch mal selbst“, sagte er der Autorin lächelnd, „das ist mit diesen Aludingern gar nicht so einfach!“
 
Kurz und gut: ländliche Idylle in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1954, die Regina Bergregion hier beschreibt. Und sie hatte Glück, das noch erleben zu dürfen. Denn was dann geschah, stand nicht mehr in der „Ostsee-Zeitung“, sondern in den Polizeiakten Rostocks, die sich heute im Schweriner Landesarchiv befinden.
Es beginnt mit Einträgen am 4. Januar 1955 (Landesarchiv Schwerin, Archivnummer 9357872365J): Der Postbote Heinz Strebsam, der von Neubukow aus Hinter Determannshagen und Altenhagen bediente, meldet sich an jenem Tag den Akten zu Folge auf der Neubukower Polizeiwache. „Er sagt“, so der Bericht, „er könne die Straße von Neubukow nach Hinter Determannshagen nicht mehr finden. Er habe es deshalb erst über Westenbrügge versucht, wo er die Straße aber auch nicht fand. Sogar bis Kröpelin sei er geradelt und habe von dort die Post in Altenhagen zugestellt. Allein eine Straße nach Hinter Determannshagen gab es dort auch nicht.“
Statt der erwarteten Straße nach Hinter Determannshagen ein ungewöhnliches Bild für den Postboten Heinz Strebsam: keine Straße mehr, der Ort war auch verschwunden
Nur zwei Tage später ein weiterer tragischer Unglücksfall auf dem gleichen Hof: Die Knechte Ulrich K. und Hans W. schoben eine mit Hirschgeweihen vollgeladene Schubkarre - die Jagd am Tag zuvor hatte reiche Beute gebracht - über den Hof, als ihr Kollege Wilhelm R. bei seinem Traktor (es war der gleiche, der kurz zuvor auf dem Acker festgefahren war) scheinbar den falschen Gang eingelegt hatte. Nämlich den Rückwärts statt des Vorwärtsganges.
 
Und wie es das Schicksal so wollte: Rückwärts war die falsche Richtung und der Polizeiarzt hatte große Mühen (LASN, A-Nr. 57374K), zwischen all den Geweihen die Knochen der beiden Arbeiter zu finden. "Es war nur eine große blutige Masse, in der man kaum etwas erkennen konnte", wird Dr. B. Gräber in der damaligen Lokalzeitung, dem "Satower Hinterlandboten" zitiert.
Gleichem Blatt sind auch am Folgetag die ersten Gerüchte über die Ursachen der Todesfälle zu entnehmen: "Man berichtet, dass ein seltsamer Erntehelfer aus dem Erzgebirge kurz vor den schrecklichen Ereignissen als Tagelöhner auf dem Hof angeheuert hat", schreibt der Berichterstatter.
 
Richtig, wie die Akten im Schweriner Archiv belegen (LASN, A-Nr. 57398JJ), hatte nur zwei Tage vor dem ersten Unglück ein Wanderarbeiter auf dem Weide-Hof angeheuert. Er soll kaum ein Wort gesprochen haben - man führte dies auf ein Trauma aus dem Ersten Weltkrieg zurück - und trug einen langen schwarzen Umhang mit Kapuze. Außerdem hatte er seine eigene Sense mitgebracht.
 
Die im Archiv gesammelten Berichte von Zeitzeugen (LASN, A-Nr.74624GGH) wissen noch Erstaunlicheres über den seltsamen Gesellen aus dem Erzgebirge: Er soll mit seiner Sense schneller das Getreide gemäht haben, als es selbst die mordernsten Traktoren schafften. Dafür hielt er von allen anderen Arbeitern Distanz, nur mit den tödlich verunglückten soll er angeblich sogar gesprochen haben.
 
Die Schrecken auf dem Weide-Hof bei Satow nahmen kein Ende. Drei Tage nach dem Geweihunfall: Ein Knecht, der alleine seine Suppe aß, bekam nach einem kurzen Gespräch mit dem Sensenmann (LASN, A-Nr. 8546375489KK) einen Herzinfarkt. Dieser war wohl nicht tödlich, aber dass er mit dem Kopf vornüber in seine Suppenschüssel fiel, bereitete seinem Leben ein Ende durch Ertrinken in Gänsebrühe.
 
Eine Woche darauf: Eine Magd erkrankte schwer nach einem Gespräch mit dem sächsischen Erntespezialisten und der Arzt konnte zwei Tage darauf nur noch den Tod feststellen. Ursache (LASN, A-Nr. 8956365L): ein eingewachsener Zehennagel!
 
Aber auch weniger gefährliche Erkrankungen kosteten die Erntearbeiter bei Satow in der folgenden Zeit das Leben. So erlag Knecht Heinrich B. seinem langjährigen Raucherhusten. (LASN, A-Nr. 825467956B) Der depressive Vorarbeiter Joachim G. stürzte sich kopfüber in den vom Traktor betriebenen Asthäcksler, worauf der Polizeiarzt in den Akten nur lakonisch bemerkte: "Die Arbeit mit den Geweihen war dagegen ja ein ganz einfaches Puzzle." (LASN, A-Nr. 97654613F) Der Großbauer erlag seinem langen Leberleiden (LASN, A-Nr. 751419L), wobei bis heute nicht klar ist, ob der Sensenmann, sein lebenslanger ausgiebiger Alkoholgenuss oder sein Alter von 98 Jahren dafür die Ursache waren.
 
Kurz und (weniger) gut: Bei den Erntearbeitern im Raum Satow wurde munter vor sich hin gestorben. Eine Magd fiel unter die Egge (LASN, A-Nr. 8572365B), ein Knecht köpfte sich selbst beim ungeschickten Umgang mit der Sense des Sensenmanns (LASN, A-Nr. 937552389K), ein Hilfsarbeiter griff in das Mahlwerk einer Dreschmaschine und wurde "bis zur Hüfte mitgedroschen" (LASN, A-Nr. 263582635ÖP). Immer wieder fiel auf: Die Betreffenden Opfer hatten sich kurz vorher mit dem Sensenmann unterhalten. (LASN, A-Nr.2356379S)
 
Es hätte durch das Wegsterben der Arbeiter für den Hof bei Satow die schrecklichste Ernte aller Zeiten werden können, wenn dem neuen Großbauern nicht ein ansonsten ungünstiger Umstand geholfen hätte: Der Sommer war lang und trocken gewesen, und die Ernte daher ohnehin sehr spärlich. Die Einnahmen waren also ohnehin gering und die Verluste betrafen nur Arbeiter.
 
Ein Ende hatte der Spuk dann im späten September. Der "Satower Hinterlandbote" notiert: "Ein seltsamer Erntehelfer hat gekündigt!" Denn der Mann aus dem Erzgebirge soll zum ersten Mal laut mit mehreren Anwesenden gesprochen und gesagt haben: "Mein Werk ist hier vollbracht, man braucht mich bald wo anders…"
 
Und was soll man sagen? Laut den Schweriner Akten (LASN, A-Nr. 78235823WW) reduzierte sich nach dem Verschwinden des seltsamen gesellen dem übrigens von der Polizei niemals auch nur die geringste Beteiligung an den Unglücksfällen nachgewiesen werden konnten die Sterblichkeit im Satower Raum wieder auf das ganz normale Mecklenburger Maß.
 
Was lernen wir daraus? Nichts. Außer, dass man vorsichtig sein sollte, wenn man von Männern in schwarzen Kapuzenumhängen angesprochen wird, die eine Sense mit sich tragen…
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008


Was dort passierte? Nichts mehr ist belegt, spätestens mit der Wende sind die Unterlagen verschwunden. Nur einige Belege des MfS in der Birthler-Behörde lassen vermuten, dass in den folgenden Tagen und Wochen eine intensive Suche nach dem verschwundenen Dorf eingesetzt hatte. Das Ergebnis: Nichts. Und das beunruhigte natürlich die auch Verantwortlichen ganz oben an der Parteispitze.
 
Nicht, dass ihnen der Gartenzwergzüchter, die Strickoma, der Münzenaufrichter oder die Schlittschuh laufenden Kinder wirklich wichtig gewesen wären. Aber es konnte doch nicht angehen, dass mitten aus der jungen Deutschen Demokratischen Republik ein ganzer Ort verschwindet!
 
Mitarbeiter des MfS befragten in der kommenden Zeit alle Verwandten und Bekannten der Bewohner von hinter Determannshagen, sie konfiszierten Bildmaterial aus dem Bad Doberaner Archiv der „Ostsee-Zeitung“, sie durchforsteten ihre eigenen Akten nach allen verfügbaren Informationen über das Dorf. Alle Befragten wurden unter Androhung von härtesten Strafen zum Stillschweigen über das Verschwinden genötigt.
 
Das Ziel der Aktion findet sich schließlich in einem kleinen Abschnitt einer anderen Akte im Landesarchiv (LASN, A-Nr. 9357872374J): „Bevor der Klassenfeind sich rühmen kann, einen ganzen Ort über den Eisernen Vorhang entführt zu haben, bauen wir alles originalgetreu nach und besetzen das Dorf mit Schauspielern, die den Originalbewohnern so ähnlich wie möglich sein sollten.“
 
Doch wie Einträge in den folgenden Wochen zeigten, war das Projekt zum Scheitern verurteilt. Etwa zum Thema Gartenzwerge (LASN, A-Nr. 9357872383J): „Wir finden beim besten Willen keinen älteren Herrn, der Hans Kneter nur ansatzweise ähnlich sieht und in der Lage ist, Gartenzwerge zu modellieren, die auch im Erzgebirge brauchbar sind.“ Oder zum Thema Gänse (LASN, A-Nr. 9357872395J): „Wir hatten nur eine ältere Dame, die bereit war, Gänse zu rasieren – aber sie sah nicht aus wie Oma Kamunke und konnte nicht einmal stricken.“ Oder zum Thema Münzen (LASN, A-Nr. 9357872397J): Haben nur einen potentiellen Kandidaten mit diesem Hobby gefunden, aber der sitzt in der Psychiatrie in Potsdam und ist erst 25 Jahre alt.“ Gut, dass man wenigstens keine Schlittschuhläufer mehr brauchte, denn inzwischen war es Sommer.
 
Letzte Konsequenz (LASN, A-Nr. 9357872412J): Die Regierung der DDR ließ mitteilen, dass es „weder in der Deutschen Demokratischen Republik noch jemals in Mecklenburg ein Dorf namens Hinter Determannshagen gegeben hat. Wer anderes behauptet, ist ein kapitalistischer Klassenfeind.“ Den Ort gab es damit endgültig nicht mehr und es hatte ihn nie gegeben.
 
Was war wirklich geschehen? Man weiß es bis heute nicht. Auffällig ist nur eine Reisereportage des amerikanischen „Time“-Magazin in der Ausgabe 12/1962, in der über einen kleinen Ort in der Wüste von Nevada, nahe der berühmt berüchtigten, vermeintlichen UFO-Basis Basis Area 51 des US-Militärs, geschrieben wird: „Fromoverthere“ heißt das Fleckchen Hier schreibt die Autorin Martha Hilland unter anderem über alte Damen, die Gänse rasieren, Männer, die Gartenzwerge kneten und Rentner, die 50-Cent-Münzen auf die Kante stellen…
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008

 
 
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