15 - Der Sensenmann - Mig Phoenix

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15. Der unheimliche Sensenmann 
      von Satow
 
Satow - Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Auch wenn es fast achtzig Jahre her ist, erinnern sich in Anbetracht einer eventuellen Wirtschaftskrise bestimmt viele dran. An den Sensenmann von Satow, der 1929 scheinbar für zahllose Unfälle in der Mecklenburger Provinz sorgte.
Eigentlich fing ja alles mit einem schrecklichen Unfall auf dem Acker nahe Satow an, wie die Akten im Schweriner Landesarchiv zu berichten wissen (Landesarchiv Schwerin, Archivnummer 753965826G). Der Weide-Hof hatte schon mehrere Traktoren im Einsatz, die im Sommer zur Ernte auf dem Feld eingesetzt wurden. Schließlich konnte man so die Ernte viel schneller einbringen als etwa mit der von Pferden gezogenen Maschine oder gar mit der Sense.
Eines Tages fuhr sich beim Mäheinsatz einer dieser modernen Erntehelfer derart auf dem Acker fest, dass man einen zweiten heran rief, um ihn aus dem Schlamm zu ziehen. Ein etwa dreißig Meter langes Stahlseil wurde zwischen die beiden Traktoren gespannt. Als es fast geschafft schien und der festgefahrene Traktor scheinbar schon wieder geborgen war, passierte das nicht für möglich gehaltene: Das unter enormer Spannung stehende Stahlseil riss, schlug mit beiden Enden aus, tötete drei Erntearbeiter auf der Stelle und verletzte sieben andere schwer.
 
Noch heute ist der Unfall dokumentiert (LASN, A-Nr. 836458135P), zwei Mitarbeiter wurden durch das peitschende Stahlseil im wahrsten Sinne des Wortes geköpft, dem dritten wurden tödliche Wunden im Bauch zugefügt. Die schwer verletzten Erntehelfer überlebten den Unfall zum Glück, auch wenn einige ihr Leben lang gezeichnet blieben (LASN, A-Nr. 94629847N847).
 
Doch noch lange nicht genug damit: Nur drei Tage später kam es zum nächsten tragischen Zwischenfall. Zwei Arbeiter des Hofes starben, als sie einen Getreidesilo reinigen und für die neue Ernte vorbereiten wollten. Sie hatten scheinbar die Warnungen des Vorarbeiters vor den im Silo noch immer vorhandenen Faulgasen ignoriert und waren hineingestiegen. Erst drei Stunden später - die Köchin hatte gerade zum Schmalzbrot gerufen - fand man sie. Sie wurden vermisst, weil sie bei Schmalzbroten normalerweise immer die ersten an der Tafel waren. An jenem Tag aber kein Brot, sondern tot (LASN, A-Nr.745247K).
Es gibt keine Abbildung des unheimlichen Sensenmannes von Satow. Aber man muss ihn sich vorstellen, wie es auf diesem Bild aus Wikipedia dargestellt wird: Der "Schnitter" mäht die chancenlosen Erntearbeiter gnadenlos dahin...
Nur zwei Tage später ein weiterer tragischer Unglücksfall auf dem gleichen Hof: Die Knechte Ulrich K. und Hans W. schoben eine mit Hirschgeweihen vollgeladene Schubkarre - die Jagd am Tag zuvor hatte reiche Beute gebracht - über den Hof, als ihr Kollege Wilhelm R. bei seinem Traktor (es war der gleiche, der kurz zuvor auf dem Acker festgefahren war) scheinbar den falschen Gang eingelegt hatte. Nämlich den Rückwärts statt des Vorwärtsganges.
 
Und wie es das Schicksal so wollte: Rückwärts war die falsche Richtung und der Polizeiarzt hatte große Mühen (LASN, A-Nr. 57374K), zwischen all den Geweihen die Knochen der beiden Arbeiter zu finden. "Es war nur eine große blutige Masse, in der man kaum etwas erkennen konnte", wird Dr. B. Gräber in der damaligen Lokalzeitung, dem "Satower Hinterlandboten" zitiert.
 
Gleichem Blatt sind auch am Folgetag die ersten Gerüchte über die Ursachen der Todesfälle zu entnehmen: "Man berichtet, dass ein seltsamer Erntehelfer aus dem Erzgebirge kurz vor den schrecklichen Ereignissen als Tagelöhner auf dem Hof angeheuert hat", schreibt der Berichterstatter.
 
Richtig, wie die Akten im Schweriner Archiv belegen (LASN, A-Nr. 57398JJ), hatte nur zwei Tage vor dem ersten Unglück ein Wanderarbeiter auf dem Weide-Hof angeheuert. Er soll kaum ein Wort gesprochen haben - man führte dies auf ein Trauma aus dem Ersten Weltkrieg zurück - und trug einen langen schwarzen Umhang mit Kapuze. Außerdem hatte er seine eigene Sense mitgebracht.
 
Die im Archiv gesammelten Berichte von Zeitzeugen (LASN, A-Nr.74624GGH) wissen noch Erstaunlicheres über den seltsamen Gesellen aus dem Erzgebirge: Er soll mit seiner Sense schneller das Getreide gemäht haben, als es selbst die mordernsten Traktoren schafften. Dafür hielt er von allen anderen Arbeitern Distanz, nur mit den tödlich verunglückten soll er angeblich sogar gesprochen haben.
 
Die Schrecken auf dem Weide-Hof bei Satow nahmen kein Ende. Drei Tage nach dem Geweihunfall: Ein Knecht, der alleine seine Suppe aß, bekam nach einem kurzen Gespräch mit dem Sensenmann (LASN, A-Nr. 8546375489KK) einen Herzinfarkt. Dieser war wohl nicht tödlich, aber dass er mit dem Kopf vornüber in seine Suppenschüssel fiel, bereitete seinem Leben ein Ende durch Ertrinken in Gänsebrühe.
 
Eine Woche darauf: Eine Magd erkrankte schwer nach einem Gespräch mit dem sächsischen Erntespezialisten und der Arzt konnte zwei Tage darauf nur noch den Tod feststellen. Ursache (LASN, A-Nr. 8956365L): ein eingewachsener Zehennagel!
 
Aber auch weniger gefährliche Erkrankungen kosteten die Erntearbeiter bei Satow in der folgenden Zeit das Leben. So erlag Knecht Heinrich B. seinem langjährigen Raucherhusten. (LASN, A-Nr. 825467956B) Der depressive Vorarbeiter Joachim G. stürzte sich kopfüber in den vom Traktor betriebenen Asthäcksler, worauf der Polizeiarzt in den Akten nur lakonisch bemerkte: "Die Arbeit mit den Geweihen war dagegen ja ein ganz einfaches Puzzle." (LASN, A-Nr. 97654613F) Der Großbauer erlag seinem langen Leberleiden (LASN, A-Nr. 751419L), wobei bis heute nicht klar ist, ob der Sensenmann, sein lebenslanger ausgiebiger Alkoholgenuss oder sein Alter von 98 Jahren dafür die Ursache waren.
 
Kurz und (weniger) gut: Bei den Erntearbeitern im Raum Satow wurde munter vor sich hin gestorben. Eine Magd fiel unter die Egge (LASN, A-Nr. 8572365B), ein Knecht köpfte sich selbst beim ungeschickten Umgang mit der Sense des Sensenmanns (LASN, A-Nr. 937552389K), ein Hilfsarbeiter griff in das Mahlwerk einer Dreschmaschine und wurde "bis zur Hüfte mitgedroschen" (LASN, A-Nr. 263582635ÖP). Immer wieder fiel auf: Die Betreffenden Opfer hatten sich kurz vorher mit dem Sensenmann unterhalten. (LASN, A-Nr.2356379S)
 
Es hätte durch das Wegsterben der Arbeiter für den Hof bei Satow die schrecklichste Ernte aller Zeiten werden können, wenn dem neuen Großbauern nicht ein ansonsten ungünstiger Umstand geholfen hätte: Der Sommer war lang und trocken gewesen, und die Ernte daher ohnehin sehr spärlich. Die Einnahmen waren also ohnehin gering und die Verluste betrafen nur Arbeiter.
 
Ein Ende hatte der Spuk dann im späten September. Der "Satower Hinterlandbote" notiert: "Ein seltsamer Erntehelfer hat gekündigt!" Denn der Mann aus dem Erzgebirge soll zum ersten Mal laut mit mehreren Anwesenden gesprochen und gesagt haben: "Mein Werk ist hier vollbracht, man braucht mich bald wo anders…"
 
Und was soll man sagen? Laut den Schweriner Akten (LASN, A-Nr. 78235823WW) reduzierte sich nach dem Verschwinden des seltsamen gesellen dem übrigens von der Polizei niemals auch nur die geringste Beteiligung an den Unglücksfällen nachgewiesen werden konnten die Sterblichkeit im Satower Raum wieder auf das ganz normale Mecklenburger Maß.
 
Was lernen wir daraus? Nichts. Außer, dass man vorsichtig sein sollte, wenn man von Männern in schwarzen Kapuzenumhängen angesprochen wird, die eine Sense mit sich tragen…
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008


 
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