14 - Die Paradiesvögel - Mig Phoenix

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 14. Die erntefressenden 
       Paradiesvögel
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Es begann im Frühjahr 1987. Erst waren es nur Gerüchte, dann gelang dem Fotografen Frey Müssner von der „Ostsee-Zeitung“ das Beweisfoto: Paradiesvögel in der Kühlung! Jeder, der sich damals intensiv mit Vögeln befasste, war begeistert. Blieb nur die Frage: Woher kamen sie? Und aus heutiger Sicht: Was ist mit ihnen geschehen?
Zurück ins Jahr 1987. Schon seit Wochen hatten die Anwohner aus Wittenbeck, Jennewitz oder Diedrichshagen berichtet, dass sich seltsame Vögel in den Wäldern der Kühlung aufhielten. „Sie hatten einen leuchtend blauen Kopf, einen langen gebogenen roten Schnabel, das Gefieder war schillernd grün und enorme orange Schwanzfedern formten sich zu einem Rad“, erinnert sich Otto Rudolph Nitologe aus Jennewitz. Er hatte die seltsamen Tiere mehrfach beobachtet und auch den Fotografen der „Ostsee-Zeitung“ informiert.
 
„Ich dachte erst, O.R. Nitologe will mich auf den Arm nehmen, weil ich ihn beim vergangenen Feuerwehrfest in etwas unvorteilhafter Position abgelichtet hatte“, sagt Müssner heute mit einem Schmunzeln, „und als ich drei Tage vergeblich durch die Kühlung gelaufen war, bin ich fast davon überzeugt gewesen. Aber dann waren sie da!“
 
Direkt vier der seltsamen Tiere sah er auf einer Lichtung bei Diedrichshagen. „Ich hab ja bis heute von Vögeln keine große Ahnung“, erzählt der Fotograf, „aber dass da was Besonderes war, wusste ich direkt.“ Und so ließ Frey Müssner seine Praktika loslegen und bannte drei Dutzend Bilder der gefiederten Gesellen auf Orwo-Film.
Ein Bild, das dem Fotografen
Frey Müssner gelang:
Ein Gourmandis in voller Pracht
„Man erkennt am Hintergrund, dass die Tiere so groß wie Enten oder sogar Gänse gewesen sein müssen“, doziert der Fotospezialist, als er seine Aufnahmen auswertet. Und wahrlich, im Vergleich zu keinen Sträuchern und jungen Bäumen macht die Einschätzung des Fotografen durchaus Sinn.
 
Nur zwei Wochen später waren die Fotos auch in der Bad Doberaner Ausgabe der „Ostsee-Zeitung“ zu sehen. Ein wenig zu spät, denn mit der Frühjahrsaussaat hatten auch die Sichtungen der Vögel zugenommen, denn sie schienen sich am Saatgut der LPGs mehr als gütlich zu tun. „Wir hatten reichlich Leserbriefe schon vorher und vor allem danach“, berichtet Thomas Stetisch, damals Lokalchef der Tageszeitung, „und die Leute waren stinksauer.“
 
Die Vorschläge zu den Räubern der Saat, die den Fünfjahresplan ins Wanken brachten, reichten von „endlich vertreiben“ bis hin zu „ladet Erich doch endlich zum großen Halali ein“. So schön die Tiere auch anzuschauen waren – irgendwo waren auch damals Grenzen und wenn es zu heftig wurde, wollte keiner mehr etwas mit Vögeln zu tun haben.
 
Die Bilder von Müssner wurden von den zuständigen Behörden auch umgehend ans ornithologische Institut der Freien Universität Schnepfenthal geschickt, wo die Spezialisten nicht lange brauchten, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen: Es handelte sich um Exemplare der Gattung Avis paradisiensis gourmandis – einen anderen Namen haben die Tiere leider nie bekommen. Und die sehr schönen Vögel existieren eigentlich nur auf den Bahamas und sind berüchtigt dafür, die Aussaaten von Weizen und Roggen restlos zu vertilgen. Auf den Bahamas kein Problem, denn da wachsen Weizen oder Roggen ohnehin nicht. Aber in Mecklenburg? Und wie sind sie dorthin gekommen?
 
Die Frage klärt ein Blick in die Akten der Birthler-Behörde. Mecklenburg und Bahamas? Da gab es für das Ministerium für Staatsicherheit keine große Arbeit. Die zwischen Steinbrink und Roggow stationierten Mitarbeiter hatten den Verantwortlichen schnell, ausgemacht. Adolf Schmuggler, der Name ist Programm gewesen, hatte drei Paare jener Vögel von einer – genehmigten! – Auslandsreise von den Bahamas mitgebracht. Sie waren entwichen, hatten sich grenzenlos vermehrt und den Fünfjahresplan des Großkreises Bad Doberan beinahe zum Scheitern verurteilt.
 
Doch was geschah mit den Vögeln, was geschah mit Adolf Schmuggler? Die Antworten finden sich in den Akten der Birthler-Behörde und des Forstamtes Westenbrügge: Adolf Schmuggler wurde wegen kapitalistischer Infiltration verurteilt und später sogar noch vor Gericht gestellt, und arbeitet seitdem nahe Irkutsk an der Erforschung des Sibirischen Tannenhähers – ein schreckliches Schicksal für jemanden, der sein Leben der Verbreitung des Paradiesvogels Gourmandis gewidmet hatte. Zumal der Sibirische Tannenhäher inzwischen auch in Mecklenburg vorkommt.
 
Und die Vögel? Kurz nach der Wende, so Dr. Raik Erfarung vom Senftenberg-Museum in Frankfurt/Oder, „breitete sich ein Vogelvirus in Ostdeutschland aus, der vorher dort unbekannt war“. Das Gute: Er war nur für eine Vogelart gefährlich, nämlich für Avis paradisiensis gourmandis. Das Schlechte: Nun ja, für diese Art war es eben schlecht. Denn der einzigartige Virus, der die Bahamas wegen ihrer Insellage nie erreicht hatte, war durch den Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs auch nach Mecklenburg vorgedrungen. Und beraubte damit alle, die sich gerne mit Vögeln beschäftigen, eines einzigartigen Objektes. Nur die Bauern atmeten auf, dass sie mit Vögeln zukünftig keine großen Probleme mehr haben werden…
 
© Mig Phoenix 2008
 
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