13 - Die Geisterradlerin - Mig Phoenix

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13. Die Geisterradlerin
      
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn in den sechziger Jahren machte die Geschichte der Geisterradlerin schließlich die Region um Bad Doberan unsicher. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zahlreiche Verkehrsunfälle gingen in jener Zeit auf ihr Konto. Die Geisterradlerin von Doberan. Bis heute weiß niemand, wer sie wirklich war.
Der erste Hinweis auf die Ereignisse findet sich unter der Überschrift „Kröpeliner Stadtgeflüster“ im „Ostsee-Anzeiger“ vom 21. Mai 1963: „Fahrerflüchtige Radfahrerin verursacht Verkehrsunfall“ ist da zu lesen. Zum genauen Geschehen: Kurz vor 24 Uhr war Heinz Müllermeister in seinem Trabant auf dem Weg von Neubukow nach Bad Doberan, als plötzlich auf der Umgehungsstraße in Höhe der Abfahrt nach Kühlungsborn und Rerik „eine Radfahrerin in schwarzem Gewand mit wehendem Schal“ von rechts auf die Bundesstraße geschossen kam.
 
Der Ausweichversuch gelang nicht ganz. Die Unbekannte streifte mit ihrem Vorderrad den rechten Kotflügel des Trabbi, worauf dieser abriss, sich hinter dem Rad verkeilte und weitere Lenkmanöver unmöglich machte. Der folgende Aufprall an den Leitplanken gab dem kleinen Wagen den Rest. „Totalschaden, Fahrer aber unverletzt“ vermerkte der den Fall bearbeitende Volkspolizist sachlich in den Polizeiprotokollen, die sich heute im Schweriner Landesarchiv befinden.
Noch heute trauert Heinz Müllermeister seinem Auto nach: „Zwölf Jahre haben wir drauf gewartet. Ganz neu war er, noch keine zwei Wochen alt – und dann schubst mich diese rücksichtslose Person einfach von der Straße.“ Noch gut erinnert er sich an seinen automobilen Liebling. Blassgrau war er, obwohl er eigentlich blassgrün bestellt hatte. Und auch die Durststrecke danach wird er nie vergessen: „Wir haben direkt einen neuen bestellt – und den dann im Dezember 1989 bekommen“, erinnert er sich vergrämt.
 
Und Heinz Müllermeister sollte nicht das einzige Opfer der Radlerin bleiben. Vier Wochen später - es war wieder eine Vollmondnacht, es war wieder kurz vor Mitternacht – schob Erwin Karasek bei der LPG in Reddelich nach langem Tageswerk seine letzte Schubkarre mit Mist über die Bundesstraße. Als ihn plötzlich die schwarze Radfahrerin streifte. „Weg, meine Bremsen funktionieren nicht richtig!“, soll sie ihn durch den Schal murmelnd noch gewarnt haben. Aber es war zu spät. Ein Stoß an Karaseks Schulter, er kam ins Stolpern und stürzte.So weit, so gut, der Schaden noch gering. Wäre nicht in just jenem Moment ein Lastwagen vom Typ IFA S4000 vorbeigekommen, der mit 20.000 Wink-Elementen beladen war, die zum Sommerfest nach Rerik gebracht werden sollten.
 
Kurz, die Schubkarre voller Mist ließ den Wagen von der Straße abkommen und im Graben enden. Auch hier zum Glück kein Personenschaden, außer einigen Abschürfungen bei Erwin Karasek und einem erschreckten IFA-Piloten, der mit seinem Laster zuvor noch nie auf einem Misthaufen ausgeglitten war. Aber die Radlerin? Wie beim ersten Fall Fahrerflucht!
 
Natürlich nahm, wie die Akten im Landesarchiv belegen (LASN, A-Nr. 36576878N), die Volkspolizei wieder die Ermittlungen auf. Natürlich gab es wieder keinen Fahndungserfolg, denn die wenigen Anhaltspunkte einer dunkel gekleideten Radfahrerin mit langem Schal und defekten Bremsen boten keine Grundlage für sinnvolle Polizeiarbeit. Auch weitere vier Wochen später kamen keine Anhaltspunkte dazu, sondern nur ein weiteres Vorkommnis:
 
Erneut war es die Vollmondnacht, erneut war es kurz vor 24 Uhr. Am neuen Kreisverkehr an der Straße von Bad Doberan nach Heiligendamm war Otto Berspitzel, der damalige Chef der Heiligendammer Volkspolizeistation, in seinem Wartburg auf dem Rückweg von seiner Streifenfahrt. Kurz vor dem Kreisel sah er in der schon dunklen Dämmerung der lauen Sommernacht aus Richtung Kühlungsborn besagte Radfahrerin auf sich zukommen.
 
„Es war nicht zu glauben“, erinnert sich O. Berspitzel noch heute, „sie hatte einen Affenzahm drauf. Ich schätze mal es müssen an die siebzig Sachen gewesen sein. Sie hat dann auch die Kurve in den Kreisverkehr gar nicht bekommen, sondern ist mitten über die Grünfläche gefahren.“
 
Tragisch für den netten Volkspolizisten: Er war so verblüfft von seinem Gegenüber, dass er im Kreisel das Bakelit Lenkrad verriss und den Polizei-Wartburg frontal in den Straßengraben setzte. Auch das Funkgerät war kaputt – ebenfalls in den Akten des Landesarchivs vermerkt– was zu Folge hatte, dass Berspitzel mit blutender Stirn bis zu seiner Station nach Heiligendamm laufen musste.
 
Die Fahndung nach der Frau, die kurz vor dem Kreisel noch „Platz da!“ gerufen haben soll, verlief ergebnislos. Denn ein weiterer Hinweis des Volkspolizisten, dass sie einen schwarzen Rucksack getragen hatte, brachte auch keinen Erfolg. Allein fiel auf, dass sich zahlreiche Spuren im Kreisel fanden, man also davon ausgehen konnte, dass die Geisterradlerin öfter diese „Abkürzung“ wählte.
 
Dass alle Vorfälle immer kurz vor 24 Uhr in der Vollmondnacht stattgefunden haben, schien die Volkspolizei der Deutschen Demokratischen Republik damals nicht wahrgenommen zu haben. Denn dann hätte ein wahrhaft tragischer Unfall eventuell vermieden werden können, der wegen seiner Schwere im Archiv ausführlich dokumentiert ist:
 
In der auf den Kreiselunfall folgenden Vollmondnacht, erneut kurz vor Mitternacht, suchte nämlich Isabella Borgwardt – eine junge Dame, die für ihre prallen Rundungen bekannt und beliebt war – in Kröpelin ihre entlaufene Katze. Wieder einmal hatte sich „Pussy“ auf eigene Faust auf den Weg gemacht, wohl auf der Suche nach einem strammen Kater.
 
Als Isabella auf der anderen Seite der Neubukower Straße glaubte, ihr geliebtes Tierchen zu erblicken, vergaß sie nach links und rechts zu schauen, da sie auch kein Auto hörte. Der Aufprall traf sie hart. Und es war ein weiterer Beweis für das enorme Tempo der Geisterradlerin. Denn Thomas Otengräber, der Gerichtsmediziner an der Rostocker Universität, schrieb in seinem Abschlussbericht lakonisch: „Wenn man sagen würde, dass die füllige junge Frau schlicht und ergreifend explodiert ist, träfe es die Beschreibung der aus den sterblichen Überresten rekonstruierbaren Verletzungen am besten.“ Spuren der Täterin waren nicht zu finden.
 
Immerhin, die Volkspolizei schien inzwischen auf den Dreh mit der Vollmondnacht gekommen zu sein. Denn für den Augustvollmond wurden Einsatzkräfte aus der gesamten DDR hinzugezogen und auch die Nationale Volksarmee war mit ihren Kreisverbindungskommandos im Einsatz. Es sollte bis zum G8-Gipfel im Jahr 2007 dauern, bis wieder einmal so viele Polizeikräfte in der Bad Doberaner Region im Einsatz waren.
 
Doch das Ergebnis war mager. Eine Frau, auf welche die Beschreibung wage passte, wurde am Kreisverkehr im Norden Doberans nahe dem „Pfennig“-Konsum kontrolliert. Doch sie hatte sich mit mäßiger Geschwindigkeit fortbewegt und die Bremsen ihres Rades waren in einwandfreiem Zustand. Seitdem gab es auch nie wieder Vorfälle mit der Geisterradlerin aus dem Kreis Bad Doberan.
 
Stellt sich die Frage, was es mit dem Phänomen auf sich hatte. War es wirklich ein Geist, der mit der Explosion der jungen Frau in Kröpelin seinen Auftrag erfüllt hatte? Oder hatte die Radlerin endlich nur ganz einfach ihre Bremsen reparieren lassen? Man weiß es nicht und wird es wohl auch nie erfahren.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008
 
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