12 - Die Gänse im Pullover - Mig Phoenix

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 12. Gänse im Pullover -
       Und dann plötzlich Nichts!
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn absolut einzigartig ist die Geschichte des Ortes Hinter Determannshagen zwischen Neubukow und Altenhagen. Wenden wir uns zunächst einmal der Geschichte des Ortes zu.
 
Wie ginge das leichter als einmal in die „Ostsee-Zeitung“ vom 18. Dezember 1954 zu blicken, wo sich in der Samstagsausgabe die „Dörfer-Tour“ mit Hinter Determannshagen befasst.
 
„Mehr als ein Dutzend ein und zweigeschossige Häuser finden sich hier an der Verbindungsstraße von Neubukow nach Altenhagen. Dorfidylle pur, neben dem kleinen Gutshaus mit einem Teich in der Mitte, auf dem wegen des frühen Wintereinbruchs die Kinder schon Schlittschuh laufen“, sind die ersten Eindrücke der Autorin.
Und sie stellt auch einige der Bewohner vor, etwa Hans Kneter, der „Gartenzwerge züchtet“. Gartenzwerge züchtet? Nun ja, jedenfalls nennt Kneter es so, denn er formt Gartenzwerge aus Ton, die – wenn fertig – über die örtliche LPG sogar bis ins Erzgebirge gebracht werden. Hier kommen sie in allen Größen in Jahresendzeitpyramiden und Schwippbögen zum Einsatz. Warum? Die Kollegin erfuhr die Antwort von Hans Kneter: „Die haben im Moment Probleme mit ihren Drechselmaschinen, und um der großen Nachfrage aus dem Westen nachzukommen, müssen sie die Dinger eben mit den Hinter Determannshagener Zwergen bestücken.
Hinter Determannshagen, wie man es sich vorstellen muss.
Ein Gutshaus mit einem Teich und weiteren Häusern.
Leider wurden alle existierenden Originalaufnahmen
inzwischen vernichtet
Aus heutiger Sicht sei angemerkt, dass dies nur im Winter 1954/55 der Fall war. Und Pyramiden und Schwippbögen aus jener Zeit, die Gartenzwerge aus Ton vorzuweisen haben, werden inzwischen bei E-Bay für satte Eurobeträge gehandelt.
 
Und dann fand die Journalistin nebenan noch Oma Kamunke, die mit Gänsefedern und Schafwolle handelte. Das Besondere: „Oma Kamunke hatte ein Herz für Tiere“, so die Autorin in ihrem Artikel, „und wenn ein Schaf geschoren war, strickte sie als erstes aus der Wolle einen Pullover – fürs Schaf, damit es nicht friert. Erst die Wolle des zweiten Jahres wurde verkauft, denn die Pullover waren ja noch da.“
 
Noch absurder erscheint heute, was Oma Kamunke mit ihren Gänsen anstellte. Denn die wurden für die Federn nicht geschlachtet, sondern wie die Schafe rasiert. Und damit sie nicht froren trugen sie, bis die federn nachgewachsen waren – selbstgestrickte Pullover aus Schafwolle!
 
Dann berichtet die Reporterin noch über den Rentner Erwin Obowollek, der seit drei Jahren eigentlich nichts anderes macht, als zu versuchen auf seinem Küchentisch möglichst viele Pfennigmünzen auf der Kante aufzustellen. „Versuchen sie es doch mal selbst“, sagte er der Autorin lächelnd, „das ist mit diesen Aludingern gar nicht so einfach!“
 
Kurz und gut: ländliche Idylle in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1954, welche die „Ostsee-Zeitung“ hier beschreibt. Und die Autorin hatte Glück, das noch erleben zu dürfen. Denn was dann geschah, stand nicht mehr in der „Ostsee-Zeitung“, sondern in den Polizeiakten Rostocks, die sich heute im Schweriner Landesarchiv befinden.
 
Es beginnt mit Einträgen am 4. Januar 1955: Der Postbote Heinz Strebsam, der von Neubukow aus Hinter Determannshagen und Altenhagen bediente, meldet sich an jenem Tag den Akten zu Folge auf der Neubukower Polizeiwache. „Er sagt“, so der Bericht, „er könne die Straße von Neubukow nach Hinter Determannshagen nicht mehr finden. Er habe es deshalb erst über Westenbrügge versucht, wo er die Straße aber auch nicht fand. Sogar bis Kröpelin sei er geradelt und habe von dort die Post in Altenhagen zugestellt. Allein eine Straße nach Hinter Determannshagen gab es dort auch nicht.“
Statt der erwarteten Straße nach Hinter Determannshagen ein ungewöhnliches Bild für den Postboten Heinz Strebsam: keine Straße mehr,
der Ort war auch verschwunden
Herbert Aufsicht, der damalige Leiter des Neubukower Polizeireviers überprüfte darauf hin erst einmal den Atem des Postboten auf Alkohol. Ergebnis: Absolut nüchtern. Logische Folgerung: Aufsicht schickte einen Streifenwagen mit zwei Volkspolizisten los, sich auf die Suche nach dem vermeintlich verschwundenen Ort zu machen. Ergebnis: „Der Ort und alle Zufahrtsstraßen scheinen wahrhaftig verschwunden zu sein.“
 
Aufsicht, eifriger Parteigenosse, meldet den Vorfall sofort an die Staatssicherheit in Berlin, und schon am Tag darauf fuhren drei schwarze „Tschaika“-Limousinen vor dem Neubukower Rathaus vor. Männer mit Filzhüten in langen Mänteln – so erinnern sich noch heute viele ältere Neubukower – gingen in den Ratssaal wo eine Besprechung mit Polizeichef und Bürgermeister stattfand.
Was dort passierte? Nichts mehr ist belegt, spätestens mit der Wende sind die Unterlagen verschwunden. Nur einige Belege des MfS in der Birthler-Behörde lassen vermuten, dass in den folgenden Tagen und Wochen eine intensive Suche nach dem verschwundenen Dorf eingesetzt hatte. Das Ergebnis: Nichts. Und das beunruhigte natürlich die auch Verantwortlichen ganz oben an der Parteispitze.
 
Nicht, dass ihnen der Gartenzwergzüchter, die Strickoma, der Münzenaufrichter oder die Schlittschuh laufenden Kinder wirklich wichtig gewesen wären. Aber es konnte doch nicht angehen, dass mitten aus der jungen Deutschen Demokratischen Republik ein ganzer Ort verschwindet!
 
Mitarbeiter des MfS befragten in der kommenden Zeit alle Verwandten und Bekannten der Bewohner von hinter Determannshagen, sie konfiszierten Bildmaterial aus dem Bad Doberaner Archiv der „Ostsee-Zeitung“, sie durchforsteten ihre eigenen Akten nach allen verfügbaren Informationen über das Dorf. Alle Befragten wurden unter Androhung von härtesten Strafen zum Stillschweigen über das Verschwinden genötigt.
 
Das Ziel der Aktion findet sich schließlich in einem kleinen Abschnitt einer anderen Akte im Landesarchiv: „Bevor der Klassenfeind sich rühmen kann, einen ganzen Ort über den Eisernen Vorhang entführt zu haben, bauen wir alles originalgetreu nach und besetzen das Dorf mit Schauspielern, die den Originalbewohnern so ähnlich wie möglich sein sollten.“
 
Doch wie Einträge in den folgenden Wochen zeigten, war das Projekt zum Scheitern verurteilt. Etwa zum Thema Gartenzwerge: „Wir finden beim besten Willen keinen älteren Herrn, der Hans Kneter nur ansatzweise ähnlich sieht und in der Lage ist, Gartenzwerge zu modellieren, die auch im Erzgebirge brauchbar sind.“ Oder zum Thema Gänse: „Wir hatten nur eine ältere Dame, die bereit war, Gänse zu rasieren – aber sie sah nicht aus wie Oma Kamunke und konnte nicht einmal stricken.“ Oder zum Thema Münzen: „Haben nur einen potentiellen Kandidaten mit diesem Hobby gefunden, aber der sitzt in der Psychiatrie in Potsdam und ist erst 25 Jahre alt.“ Gut, dass man wenigstens keine Schlittschuhläufer mehr brauchte, denn inzwischen war es Sommer.
 
Letzte Konsequenz: Die Regierung der DDR ließ mitteilen, dass es „weder in der Deutschen Demokratischen Republik noch jemals in Mecklenburg ein Dorf namens Hinter Determannshagen gegeben hat. Wer anderes behauptet, ist ein kapitalistischer Klassenfeind.“ Den Ort gab es damit endgültig nicht mehr und es hatte ihn nie gegeben.
 
Was war wirklich geschehen? Man weiß es bis heute nicht. Auffällig ist nur eine Reisereportage des amerikanischen „Time“-Magazin in der Ausgabe 12/1962, in der über einen kleinen Ort in der Wüste von Nevada, nahe der berühmt berüchtigten, vermeintlichen UFO-Basis Basis Area 51 des US-Militärs, geschrieben wird: „Fromoverthere“ heißt das Fleckchen Hier schreibt die Autorin unter anderem über alte Damen, die Gänse rasieren, Männer, die Gartenzwerge kneten und Rentner, die 50-Cent-Münzen auf die Kante stellen…
 
© Mig Phoenix 2008
 
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