11 - F.O.R. Sale - Mig Phoenix

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

MMHT > MMHT (Deutsch) > Nr. 11 - 20
Bookmark and Share
 11. F.O.R. Sale -
       Karriere in den USA
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Ich meine den Boom der Geschäftemacher aus dem Westen, die nach der Wende in ganz Ostdeutschland einfielen. War das eine Aufbruchsstimmung. Und die unerfahrenen Ostdeutschen wurden leicht Opfer vieler Geschäftemacher.
Wie ich drauf komme? Bei einem Arbeitsaufenthalt in Florida kürzlich begegnete mir an einem Supermarkt ein heruntergekommener Mann in zerrissener Kleidung, der seinen ganzen Hausrat in einem Einkaufswagen vor sich her schob. Er sprach uns an, als er hörte, dass wir Deutsch sprachen, und bei einem ausgiebigen Frühstück erzählte er uns seine Lebensgeschichte. Und die sollte auch ihren Platz hier finden:
Fritz Sale, mit vollem Namen Friedrich Otto Richard Sale, so hieß der Einkaufswagenpilot, war gebürtiger Stuttgarter. Nach der normalen südwestdeutschen Jugend – Abitur, Studium von Irgendwas, Überlegen was man so machen könnte – kam 1989 die Wende und für ihn die Erkenntnis, was er machen wollte: „Geld. Ich wollte einfach ganz viel Geld machen“, erzählte er in einem Diner in Miami bei einem Kaffee, während die Kellnerin ihn missmutig ansieht.
 
Und da er schon einige Erfahrung in der Immobilienbranche hatte – durch den überteuerten Verkauf von Objekten am Bodensee – und den Banken kreditwürdig erschien, zog ihn die Goldgräberstimmung an die Ostseeküste: „Ich wusste doch, wie die Preise am Bodensee in die Höhe geschossen sind. Und da sagte ich mir, wenn man jetzt in großem Stil an der Ostsee einkauft, wird das in kurzer Zeit das zigfache abwerfen.
Obdachlose, die ihr gesamtes Hab und Gut in einem Einkaufswagen unterbringen – in den US ein alltägliches Bild
Fritz Sales erste Millionenvilla in Miami Beach.
Zu jener Zeit ging es ihm blendend
Gesagt getan, Fritz Sale saß schon im Sommer 1990 in seinem alten VW Passat und fuhr quer durch Deutschland nach Rostock. Erst mal umsehen. Und was er sah, schien für ihn das Paradies. „Gut, es sah noch nicht so aus, aber ich erkannte das Potenzial“, erinnerte er sich, während er genüsslich in ein Brötchen mit Frischkäse biss.
 
Am 4. Oktober 1990 ging er auf die Jagd. Seine schwäbische Hausbank hatte ihm reichlich Kredit versprochen, also stand dem Unternehmen „Geld“ nichts mehr im Weg.
 
Schmunzelnd erinnert sich Sale heute noch: „Ich brauchte nur an der Tür klopfen, das Scheckbuch zücken, und schon hatte ich ein Haus gekauft. Unglaublich billig, aber die glaubten, sie hätten ein Riesengeschäft gemacht.“ Wirklich so Riesengeschäfte? Denn viele Häuser waren doch in einem sehr bedenklichen Zustand?
„Ach was die Häuser“, sagte Fritz mit einem Glänzen in den Augen, „Mir ging es doch vor allem um die Grundstücke. Diese Leute da wussten doch gar nicht, dass sie sprichwörtlich auf Gold sitzen. Wenn’s ein schönes altes Haus war, konnte man es renovieren – sonst einfach weg damit und ein schickes Fertighaus drauf.“ Und da waren solche Gewinnspannen drin? „Natürlich. 1990 hab ich etwa in Kühlungsborn ein Grundstück mit Bruchbude in Strandnähe gekauft. Für 40.000 Mark! Und die haben sich noch gefreut wie die Schneekönige. Ich hab das Haus verfallen lassen, abgewartet, für ´ne halbe Million was schickes Neues draufgesetzt und vier Jahre später das Ganze für drei Millionen verkauft. Fast zweieinhalb Millionen Gewinn!“
 
Hatte er denn kein schlechtes Gewissen den Hausverkäufern gegenüber? „Warum das denn? Hätten ja selber abwarten und für mehr verkaufen können. Dass die direkt so gierig waren hab ich halt ausgenutzt.“ Und so kam es, dass Fritz Sale schon 1995 nicht mehr im alten VW Passat sondern im neuen Bentley durch Mecklenburg-Vorpommern fuhr, um im Wettstreit mit seinen Konkurrenten die besten Schnäppchen zu machen.
 
„Dann fing es aber auch schon an abzuflauen“, erinnerte er sich ein wenig wehmütig, „die besten Stücke waren weg und bei den anderen lohnte sich die ganze Arbeit nicht mehr so richtig“. Also ruhte er sich in seiner riesigen Villa bei Meersburg am Bodensee ein wenig auf den gescheffelten Millionen aus. Wie er in die USA kam?
 
„1995, der Bentley war noch nicht einmal eingefahren, entschloss ich mich mit meiner damaligen Freundin zu einem Urlaub in Florida. Nach der Plackerei mit den Ossis wollten wir ja die Welt sehen. Und es gefiel uns. Und die Immobilienpreise waren günstig. Und so haben wir für eine wunderbare Villa in Miami Beach – am Wasser mit Bootsliegeplatz und Blick auf die Wolkenkratzer am Strand – mal eben drei Millionen Dollar in bar auf den Tisch gelegt.“
 
Und so begann Fritz Sales Karriere in den USA. Der Einstieg ins dortige Immobiliengeschäft war für ihn als alten Hasen ja ein leichtes, und durch die etwas schwache Wirtschaft ließen sich hier auf Provisionsbasis fast so gute Geschäfte wie an der Ostsee durch Kauf und Verkauf machen.
 
„Wir sind regelmäßig noch in unserer Villa in Meersburg und in unserem Ferienhaus in Graal-Müritz gewesen“, erinnerte er sich, „Winter in Florida, Sommer an Bodensee und Ostsee.“ Doch die Besuche wurden seltener.
 
Denn sein Maklerbüro unter dem Titel „F.O.R. SALE REALTY“, benannt nach seinem kompletten Namen, wuchs und gedieh. An immer mehr Häusern sah man seine Schilder.
 
Und im Gegensatz zur Ostsee waren es diesmal nicht alte kleine Häuschen aus DDR-Zeit für West-Rentner, sondern luxuriöseste Millionenvillen für Tennisspieler und Unternehmer, die ebenfalls nach der Wende im Osten ihr Geld gemacht haben. „Sie glauben gar nicht, wie viele Wessis sich hier die riesigen Anwesen kaufen konnten, nur weil sie 1990 den Ossis Versicherungen angedreht haben, die die gar nicht brauchten…“ sagte Fritz Sale mit einem Kopfschütteln.
 
Seine deutsche Staatsbürgerschaft hatte er inzwischen abgelegt: „Was glauben sie, wie viel ich von diesem Solidaritätszuschlag alleine zahlen musste. Sollte ich die ganze DDR durchfüttern?“ Und so wurde aus dem Deutschen Fritz Sale der Amerikaner Fritz Sale.
 
Vor einigen Jahren dann kam der richtige Boom – dachte er zumindest. Immer mehr Häuser wurden zum Verkauf angeboten, und Sale sah seine zweite Chance nach der Wende: „Ich dachte mir, jetzt nicht nur an den Provisionen verdienen, sondern selbst kaufen und wieder verkaufen – warum das ganze Geld liegen lassen, hab ich an der Ostsee ja auch so gemacht“, erinnert er sich und hält sich dabei nach einem letzten Schluck Kaffee die Hände vors Gesicht.
 
Denn das Angebot war so groß, fast so groß wie seine Gier, dass er nur eine Möglichkeit sah. Hypotheken auf alles aufnehmen: Auf die Villa in Miami Beach, auf die Villa am Bodensee, auf das Ferienhaus an der Ostsee und auf den Bentley – inzwischen der fünfte.
 
„Und dann kam die Bankenkrise!“ sagte er mit ausdruckslosem Gesicht, „stellen sie sich das einmal vor: An einem Tag haben Sie noch Millionen, am nächsten erfahren Sie, dass Sie gar nichts mehr haben. Absolut gar nichts. Nicht einmal mehr die Freundin, denn die war nach dem Frühstück weg und lebt jetzt bei einem Versicherungsmakler.“
 
Am Tag danach wurde er von einem privaten Inkassounternehmen aus seiner Villa geworfen: „Alles, was sie mir gelassen haben, passt in diesen Einkaufswagen.“ Sozialversicherung? „Unsinn, wenn Sie Millionen haben zahlen Sie doch nicht hunderttausende in eine Versicherung, die Sie nie zu brauchen glauben.“ Und Erinnerungen an die Ostsee? „Heute würde ich das nicht mehr machen. Heut wäre ich froh, wenigstens so ein altes Haus zu haben und würde es niemals verkaufen.“ Und zurück nach Deutschland? „Als obdachloser Amerikaner? Wie denn?“
 
Traurig zog der einstige Immobilienhai mit seinem Einkaufswagen davon. Und an den ganzen Häusern, die er vor kurzem noch verkaufen wollte, steht jetzt nicht mehr „F.O.R. Sale“, sondern schlicht „For Sale“ – zu verkaufen.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü