11 - F.O.R. Sale - Mig Phoenix

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11. F.O.R. Sale - 
      Karriere in den USA
 
Region Rostock - Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Ich meine den Boom der Geschäftemacher aus dem Westen, die nach der Wende in ganz Ostdeutschland einfielen. War das eine Aufbruchsstimmung. Und die unerfahrenen Ostdeutschen wurden leicht Opfer vieler Geschäftemacher.
Wie ich drauf komme? Bei einem Arbeitsaufenthalt in Florida kürzlich begegnete mir an einem Supermarkt ein heruntergekommener Mann in zerrissener Kleidung, der seinen ganzen Hausrat in einem Einkaufswagen vor sich her schob. Er sprach uns an, als er hörte, dass wir Deutsch sprachen, und bei einem ausgiebigen Frühstück erzählte er uns seine Lebensgeschichte. Und die sollte auch ihren Platz hier finden:
Eines Tages fuhr sich beim Mäheinsatz einer dieser modernen Erntehelfer derart auf dem Acker fest, dass man einen zweiten heran rief, um ihn aus dem Schlamm zu ziehen. Ein etwa dreißig Meter langes Stahlseil wurde zwischen die beiden Traktoren gespannt. Als es fast geschafft schien und der festgefahrene Traktor scheinbar schon wieder geborgen war, passierte das nicht für möglich gehaltene: Das unter enormer Spannung stehende Stahlseil riss, schlug mit beiden Enden aus, tötete drei Erntearbeiter auf der Stelle und verletzte sieben andere schwer.
 
Noch heute ist der Unfall dokumentiert (LASN, A-Nr. 836458135P), zwei Mitarbeiter wurden durch das peitschende Stahlseil im wahrsten Sinne des Wortes geköpft, dem dritten wurden tödliche Wunden im Bauch zugefügt. Die schwer verletzten Erntehelfer überlebten den Unfall zum Glück, auch wenn einige ihr Leben lang gezeichnet blieben (LASN, A-Nr. 94629847N847).
 

Obdachlose, die ihr gesamtes Hab und Gut in einem Einkaufswagen unterbringen – in den US ein alltägliches Bild
Doch noch lange nicht genug damit: Nur drei Tage später kam es zum nächsten tragischen Zwischenfall. Zwei Arbeiter des Hofes starben, als sie einen Getreidesilo reinigen und für die neue Ernte vorbereiten wollten. Sie hatten scheinbar die Warnungen des Vorarbeiters vor den im Silo noch immer vorhandenen Faulgasen ignoriert und waren hineingestiegen. Erst drei Stunden später - die Köchin hatte gerade zum Schmalzbrot gerufen - fand man sie. Sie wurden vermisst, weil sie bei Schmalzbroten normalerweise immer die ersten an der Tafel waren. An jenem Tag aber kein Brot, sondern tot (LASN, A-Nr.745247K).
Gesagt getan, Fritz Sale saß schon im Sommer 1990 in seinem alten VW Passat und fuhr quer durch Deutschland nach Rostock. Erst mal umsehen. Und was er sah, schien für ihn das Paradies. „Gut, es sah noch nicht so aus, aber ich erkannte das Potenzial“, erinnerte er sich, während er genüsslich in ein Brötchen mit Frischkäse biss.
 
Am 4. Oktober 1990 ging er auf die Jagd. Seine schwäbische Hausbank hatte ihm reichlich Kredit versprochen, also stand dem Unternehmen „Geld“ nichts mehr im Weg.
 
Schmunzelnd erinnert sich Sale heute noch: „Ich brauchte nur an der Tür klopfen, das Scheckbuch zücken, und schon hatte ich ein Haus gekauft. Unglaublich billig, aber die glaubten, sie hätten ein Riesengeschäft gemacht.“ Wirklich so Riesengeschäfte? Denn viele Häuser waren doch in einem sehr bedenklichen Zustand?
 
„Ach was die Häuser“, sagte Fritz mit einem Glänzen in den Augen, „Mir ging es doch vor allem um die Grundstücke. Diese Leute da wussten doch gar nicht, dass sie sprichwörtlich auf Gold sitzen. Wenn’s ein schönes altes Haus war, konnte man es renovieren – sonst einfach weg damit und ein schickes Fertighaus drauf.“ Und da waren solche Gewinnspannen drin? „Natürlich. 1990 hab ich etwa in Kühlungsborn ein Grundstück mit Bruchbude in Strandnähe gekauft. Für 40.000 Mark! Und die haben sich noch gefreut wie die Schneekönige. Ich hab das Haus verfallen lassen, abgewartet, für ne halbe Million was schickes Neues draufgesetzt und vor zwei Jahren das Ganze für anderthalb Millionen verkauft. Fast eine Million Gewinn!“
 
Hatte er denn kein schlechtes Gewissen den Hausverkäufern gegenüber? „Warum das denn? Hätten ja selber abwarten und für mehr verkaufen können. Dass die direkt so gierig waren hab ich halt ausgenutzt.“ Und so kam es, dass Fritz Sale schon 1995 nicht mehr im alten VW Passat sondern im neuen Bentley durch Mecklenburg-Vorpommern fuhr, um im Wettstreit mit seinen Konkurrenten die besten Schnäppchen zu machen.
„Dann fing es aber auch schon an abzuflauen“, erinnerte er sich ein wenig wehmütig, „die besten Stücke waren weg und bei den anderen lohnte sich die ganze Arbeit nicht mehr so richtig. Also ruhte er sich in seiner riesigen Villa bei Meersburg am Bodensee ein wenig auf den gescheffelten Millionen aus. Wie er in die USA kam?
Es hätte durch das Wegsterben der Arbeiter für den Hof bei Satow die schrecklichste Ernte aller Zeiten werden können, wenn dem neuen Großbauern nicht ein ansonsten ungünstiger Umstand geholfen hätte: Der Sommer war lang und trocken gewesen, und die Ernte daher ohnehin sehr spärlich. Die Einnahmen waren also ohnehin gering und die Verluste betrafen nur Arbeiter.
 
Ein Ende hatte der Spuk dann im späten September. Der "Satower Hinterlandbote" notiert: "Ein seltsamer Erntehelfer hat gekündigt!" Denn der Mann aus dem Erzgebirge soll zum ersten Mal laut mit mehreren Anwesenden gesprochen und gesagt haben: "Mein Werk ist hier vollbracht, man braucht mich bald wo anders…"
 
Und was soll man sagen? Laut den Schweriner Akten (LASN, A-Nr. 78235823WW) reduzierte sich nach dem Verschwinden des seltsamen gesellen dem übrigens von der Polizei niemals auch nur die geringste Beteiligung an den Unglücksfällen nachgewiesen werden konnten die Sterblichkeit im Satower Raum wieder auf das ganz normale Mecklenburger Maß.
 
Was lernen wir daraus? Nichts. Außer, dass man vorsichtig sein sollte, wenn man von Männern in schwarzen Kapuzenumhängen angesprochen wird, die eine Sense mit sich tragen…
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008


Denn sein Maklerbüro unter dem Titel „F.O.R. SALE REALTY“ wuchs und gedieh. An immer mehr Häusern sah man seine Schilder.
 
Und im Gegensatz zur Ostsee waren es diesmal nicht alte kleine Häuschen aus DDR-Zeit für West-Rentner, sondern luxuriöseste Millionenvillen für Tennisspieler und Unternehmer, die ebenfalls nach der Wende im Osten ihr Geld gemacht haben. „Sie glauben gar nicht, wie viele Wessis sich hier die riesigen Anwesen kaufen konnten, nur weil sie 1990 den Ossis Versicherungen angedreht haben, die die gar nicht brauchten…“ sagte Fritz Sale mit einem Kopfschütteln.
 
Seine deutsche Staatsbürgerschaft hatte er inzwischen abgelegt: „Was glauben sie, wie viel ich von diesem Solidaritätszuschlag alleine zahlen musste. Sollte ich die ganze DDR durchfüttern?“ Und so wurde aus dem Deutschen Fritz Sale der Amerikaner Fritz Sale.
 
Vor zwei Jahren dann kam der richtige Boom – dachte er zumindest. Immer mehr Häuser wurden zum Verkauf angeboten, und Sale sah seine zweite Chance nach der Wende: „Ich dachte mir, jetzt nicht nur an den Provisionen verdienen, sondern selbst kaufen und wieder verkaufen – warum das ganze Geld liegen lassen, hab ich an der Ostsee ja auch so gemacht“, erinnert er sich und hält sich dabei nach einem letzten Schluck Kaffee die Hände vors Gesicht.
 
Aber das Angebot war so große, fast so groß wie seine Gier, dass er nur eine Möglichkeit sah. Hypotheken auf alles aufnehmen. Die Villa in Miami Beach, die Villa am Bodensee, das Ferienhaus an der Ostsee und den Bentley - inzwischen der fünfte.
 
„Und dann kam die Bankenkrise!“ sagte er mit ausdruckslosem Gesicht, „stellen sie sich das einmal vor: An einem Tag haben Sie noch Millionen, am nächsten erfahren Sie, dass Sie gar nichts mehr haben. Absolut gar nichts. Nicht einmal mehr die Freundin, denn die war nach dem Frühstück weg und lebt jetzt bei einem Versicherungsmakler.“
 
Am Tag danach wurde er von einem privaten Inkassounternehmen aus seiner Villa geworfen: „Alles, was sie mir gelassen haben, passt in diesen Einkaufswagen.“ Sozialversicherung? „Unsinn, wenn Sie Millionen haben zahlen Sie doch nicht hunderttausende in eine Versicherung, die Sie nie zu brauchen glauben.“ Und Erinnerungen an die Ostsee? „Heute würde ich das nicht mehr machen. Heut wäre ich froh, wenigstens so ein altes Haus zu haben und würde es niemals verkaufen.“ Und zurück nach Deutschland? „Als obdachloser Amerikaner? Wie denn?“
Traurig zog der einstige Immobilienhai mit seinem Einkaufswagen davon. Und an den ganzen Häusern, die er vor kurzem noch verkaufen wollte, steht jetzt nicht mehr „F.O.R. Sale“, sondern schlicht „For Sale“ – zu verkaufen.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008
 
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