10 - "Nia" - Mig Phoenix

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10. "Nia", 44 Schnurrhaare
      und schneeweißes Fell…

 
Nienhagen/Kühlungsborn - Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Denn die folgende Begebenheit trug sich an der Ostseeküste zu, nachdem die Bürger von Nienhagen die vermeintliche Hexe verbrannt hatten. Und diesmal haben wir nicht nur eine historisch sehr spannende Geschichte, sondern auch eine biologische Besonderheit. Doch zum Anfang:
Wir erinnern uns: Nienhagen, eine aufstrebende Metropole an der Ostsee, geriet 1507 in große Schwierigkeiten, deren Grund man im Wirken einer Hexe sah. Im Frühjahr 1508 glaubte man sie gefunden zu haben und im März wurde sie hingerichtet. Doch damit war die Geschichte noch nicht vorbei. Denn eines der Hauptindizien für die Tätigkeit der Hexe war, dass sie im Besitz einer Katze war. Nun gut, es war keine der üblichen schwarzen Hexenkatzen, sondern eine schneeweiße – aber diesen kleinen Mangel nahm man damals in Kauf.
Dass es mit der Katze aber etwas Besonderes auf sich hatte, vermerkte schon der Nienhagener Ortschronist Bockhorn (Landesarchiv Schwerin, Archivnummer 7983746843J): "Das Katzenvieh, welches im Besitz der vermaledeiten Hex gewesen, war ein gar absonderlich Getier. Weiß wie der Schnee des Winters das Fell und von erstaunlicher Dichte, gab die Katz ein allerliebstes Abbild. Doch alsbald man versuchen wollte es zu streicheln, verwandelte sich das Wesen in ein gar garstiges Viech, das kratzete, fauchte und jeden menschlich Fuß angriff, dessen sie habhaft werden konnte." Auch schien sie nicht in der Lage zu sein, "Miau" zu sagen - allenfalls ein "Nia" war zu vernehmen. Außerdem maß ihr Schwanz exakt 30,5 Zentimeter - genau ein englischer Fuß!
Ja, lieb sieht sie aus. Doch Vorsicht! Es ist eine der Nachfahren der Hexenkatze: Weißes Fell, 44 Schnurrhaare und manchmal schlechte Laune sind typisch für die "biquatrobarbaren" Katzen
Und noch eine Besonderheit konnte Bockhorn vermelden (LASN, A-Nr. 28639264654K): "Als das wirre Thier wardet in Gewahrsam genommen gemeinsam mit der Hex, der zuständig Wachmann notierte eine Besonderheit. Denn auf jeder Seite des Mauls das Thier zählte genau 22 lange Schnurrhaar. So man noch bei keiner Katz gefunden."
 
Der zuständige Gefängniswärter, Leo Gali soll er den Aufzeichnungen zu Folge geheißen haben, ging dem Bericht des Chronisten nach sogar noch weiter. Um den 44 Schnurrhaaren auf die Spur zu kommen, machte er ein Experiment riss er dem armen Tier einige davon aus. Und das mit fast wissenschaftlicher Akribie, denn rechts entfernte er sieben, links fünf Haare. Auch ihn kostete es etwas Blut, denn Bockhorn erzählt: "Im Laufe dieses Experimentes fügte das widerspenstig Vieh dem armen Wärter gut vier Dutzend tiefe Wunden zu, teils durch die Haut bis auf den Knochen der Händ."
 
Und das Experiment brachte erstaunliches zu Tage: Schon am nächsten Tag waren alle Schnurrhaare wieder nachgewachsen. Die Zahl 44 war wieder komplett. Herr Gali wiederholte das Experiment mehrfach - musste wegen seiner Wunden sogar einige Tage krankgeschrieben werden (was im Rostocker Kämmerer-Archiv für das Jahr 1508 unter der Aktennummer 479q2641938 belegt ist) - aber das Resultat war immer wieder das Gleiche: 44 Schnurrhaare!
 
Leider - oder zum Glück für beide Beteiligten - endete die Versuchsreihe an jenem Tag, an dem die Hexe von Nienhagen auf dem Scheiterhaufen ihr Leben ließ. Denn ein Moment der Unachtsamkeit, "und das verflixt Tier entwand sich dem Griff der Henkersknecht und entkam in der johlenden Masse der Zuschauer.
 
Nun, eigentlich noch nichts Besonderes. Erst, wenn man die Schweriner Archiv-akten weiter durchsucht, stellt man Seltsame Einträge fest. Etwa ein Jahr später, also im Frühjahr 1509, findet sich im Logbuch des Warnemünder Leuchtturmwärters der Eintrag (LASN, A-Nr. 1467854-Turm7453): "Heut schlich sonderbar weiße Katz mit drei kleinen weißen Kätzchen rund um Leuchtturm und Teepott. [Er meinte natürlich nicht das heutige Gebäude, sondern die auf seinem Tisch im Garten stehenden Teekanne.] Als ich versuchte, die putzig Tierchen zu streicheln, krallten sich alle drei in meinen linken Fuß. Hab sie darauf hin verjagt." Was ihm vorher aufgefallen war: Alle vier Katzen hatten 44 Schnurrhaare!
 
Gut zwei Jahre weiter, Elmenhorst. Dorfchronist Immenorter (LASN, A-Nr. 9356835KL) "Wir schreibet das Jahr 1511, wenig Tag bevor ein Bärtiger mit Geschenken erscheinet, laufen weiße Katzen zehn an der Zahl durch den Orte. Possierlich Tier, das aber manchmal recht aggressiv reagieret. Oma Peter hat gezählet, dass alle Katz über genau 44 Haare am Maule verfüget."
 
1513 dann in der Ostsee-Zeitung - wieder handgeschrieben in 72-Punkt Schrift - die große Schlagzeile: "Die Katz der Hex ist zurück - Und hat sich fürchterlich vermehret!" Der Autor Schwarzfuhr berichtet, dass man 44 der weißen Tiere gezählt habe und scheinbar alle über 44 Schnurrhaare verfügen "und manchmal sehr unberechenbar seien".
 
Nach kurzer Zeit scheinen die Katzen den Ort aber wieder verlassen zu haben, denn es folgen keine berichte mehr. Dafür aus Börgerende (1514) und aus Heiligendamm Hier ist in den Unterlagen des Grand Hotels unter dem 21. Mai 1515 vermerkt, dass erstaunlich viele weiße Katzen mit 44 Schnurrhaaren das Hotelgelände bedrohen, und auch schon einige Gäste verletzt hätten. Im Keller des Hotels findet sich heute noch ein altes fast verwittertes Schild, das damals zwischen Haus und Seebrücke an der Promenade gestanden hat: "Bewahret vor den Katzentieren, für jeglich Schaden kommet unser Versicherung nicht auf!"
 
Aber auch hier waren die Katzen bald wieder verschwunden. Das letzte Ziel scheint offenbar Kühlungsborn, wo man noch heute mit etwas Glück zahlreiche Nachkommen der Hexenkatze sehen kann. Auch wenn nicht mehr alle schneeweiß sind - eines verbindet sie: die 44 Schnurrhaare. Ich selbst habe sie bei einigen zählen können.
 
Stellt sich natürlich die Frage, ob es so was überhaupt geben kann. Was liegt näher, als sich mit einer Frage an die weltweit führende Katzenexpertin zu wenden, Professor Dr. Kitty Whisker-Count von der Harvard School of Catology in den USA.
 
"Wie bei allen Tieren gibt es natürlich auch bei Katzen vererbliche Abweichungen. Denken sie nur an die Katzen mit sechs Zehen an der Vorderpfote - polidaktil ist der Fachausdruck - die durch Hemingways Haus in Key West berühmt wurden", erklärt Whisker-Count auf telefonische Nachfrage. "Biquatrobarbarie würde die Abweichung mit den 44 Schnurrhaaren genannt, und wäre nur "sehr selten und fast nur im Ostseeraum" zu finden. Die Schwanzlänge von exakt einem Fuß, also 30,5 Zentimetern, ginge ebenfalls damit einher.
Sie bevölkern Hemingways Haus: "Polidaktile" Katzen. Die zusätzliche, innen sitzende, Zehe ist deutlich zu erkennen
Auch sonst weiß die Professorin einiges über diese speziellen Katzen zu berichten: „Sie gewöhnen sich nur sehr schwer an Menschen. Und selbst wenn diese sie schon seit Jahren pflegen, sind sie vor Kratzern nie sicher, wenn das Tier sich erschreckt oder einfach nur mal launisch ist.“
 
Was für die Katzenspezialistin – ihr Schwerpunkt sind genetische Abweichungen bei Hauskatzen und ihren verwilderten Artgenossen – auch neu war, ist der ausführliche Bericht aus dem frühen Mittelalter. Überrascht stellte sie fest: „Wir waren bisher alle der Ansicht, dass Charles Darwin sie zum ersten Mal in seinem Buch über die Entstehung der Arten erwähnte.“
 
Es bleiben also einige Erkenntnisse aus dieser Geschichte. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Kühlungsborner Katzen mit 44 Schnurrhaaren von der Katze abstammen, die sich einstmals im Besitz der vermeintlichen Hexe von Nienhagen befunden hat.
Auch ihre gelegentliche Aggressivität ist durchaus angeboren. Und der Rostocker Gefängniswärter Leo Gali war mit seinen - zugegebenermaßen für beide Seiten schmerzhaften Experimenten - Charles Darwin um mehr als dreihundert Jahre voraus.
Die Harvard School of Catology sucht übrigens nun – selbstverständlich gegen gute Bezahlung – ein Bild des Herrn Gali, das sie ebenbürtig neben dem großen Portrait von Charles Darwin um großen Vorlesungssaal aufhängen will. Sollte einer seiner Nachfahren über ein solches Bild verfügen: Ansprechpartnerin ist Prof. Kitty Whisker-Count, E-Mail: K.Whisker-Count@harvard.catology.org
 
Und beim Thema Internet ist noch eine weitere Neuigkeit zu vermelden. Vor etwa drei Jahren, als die Meldungen über die Katzen mit den 44 Schnurrbarthaaren einmal kurz durch die Lokale Presse liefen, gab es einige Katzenbesitzer in Kühlungsborn, die ihre Lieblinge einer intensiven Haarzählung unterzogen.
 
Und siehe da: Nicht nur hatten zahlreiche Katzen die besagte Anzahl an Schnurrbarthaaren - einige davon hatten auch schneeweißes Fell. Grund genug für die pfiffigen Katzenfreunde, ein Zuchtprogramm auf die eine zu stellen. Angeblich, um den seltenen Exemplaren das Überleben zu sichern.
Ob es tiergerecht ist, Katzen zum Transport nach Übersee in kleine Postpakete ohne Luftlöcher zu packen, ist fragwürdig. Außer Zweifel steht, dass es sich um eine echte Nachfahrin der Hexenkatze handelt
Was den Beobachter und Tierfreund aber etwas stutzig macht, ist die Vertriebsmethode. Dass die Katzen im Internet unter der Adresse www.44cats.biz angeboten werden, ist ja in Ordnung. Aber dass sie dann nicht abgeholt werden müssen oder von einem Tiertransport gebracht, sondern wie Bücher oder DVDs im Karton per Post zugestellt werden, lässt an der Seriosität des Unternehmens doch etwas zweifeln. Nach Auskunft der Betreiber sind gerade diese Katzen allerdings so genügsam, dass sie auch mehrtägige Touren unbeschadet überstehen.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2008/2009

 
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