1 - Das Krokodil im Salzhaff - Mig Phoenix

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 1. Das Krokodil im Salzhaff
  
Wer hat es vergessen? Bestimmt niemand! Es war der 14. Dezember 1970, als in der republikweiten Ausgabe des „Neuen Deutschland“ eine sensationelle Meldung erschien: „Alligator im Salzhaff!“ Und nicht nur im Osten Deutschlands zog die Meldung ihre Kreise. Der westdeutsche „Spiegel“ brachte einen kurzen Bericht unter dem Titel „Krokodil mal nicht am Nil“ und selbst das amerikanische „Time“-Magazin hatte ein paar Zeilen unter der Überschrift „East-Germigator“ übrig.
 
Zurück zu den Fakten. Was war geschehen? Schon im Sommer 1970 hatten sich Berichte gehäuft, dass sich in den Riedwiesen des Salzhaffs, einer Bucht an der Ostseeküste, ein seltsames Wesen herumtreiben soll. Spötter verschrien es als „Nessie von Pepelow“, andere vermuteten einen verirrten Schweinswal. Und die meisten nahmen an, dass die Lokalzeitung mit diesen Geschichten das Sommerloch überbrücken wollte.
Ernster wurde es am 11. August 1970, als ein erstes, unscharfes Foto des vermeintlichen Monsters auftauchte. Auf dem Bild war ohne Zweifel die Kontur eines Tieres zu erkennen, das einem Krokodil oder Alligator sehr ähnelte.
 
Professor Dr. P. Lastemann, damals Lehrstuhlinhaber des Instituts für angewandte Zoologie der Universität Bitterfeld, äußerte in einem Interview in der „Ostsee-Zeitung“ schon kurz nach dem Erscheinen des Fotos, dass er es für durchaus möglich halte, dass eingeschleppte exotische Arten im Salzhaff überleben könnten.
 
Lastemann damals: „Das Salzhaff ist durch die geringe Tiefe im Sommer viel wärmer als die Ostsee. Im Winter gehen ähnlich aussehende Reptilien, wie etwa die nordamerikanischen Alligatoren, in eine Art Winterschlaf über, der es ihnen auch im Salzhaff ermöglichen könnte, den Winter zu überstehen.“
Die sensationelle Aufnahme, die ein Anwohner 1970 am Salzhaff machte - leider ist die Farbqualität des alten DDR-Films nicht mehr sehr gut - belegt eindeutig, es handelte sich bei dem Reptil um ein Krokodil der Art Amerikanisches Graukrokodil (Rhombifer crocodilio)

Auch Professor Dr. Hüsing von der Universität Halle, ein ausgewiesener Kenner des Salzhaffs und der heimischen Tiere, bestätigte diese Ansicht.
Was hinzukam: Durch die Nutzung der Halbinsel Wustrow als Übungsplatz der sowjetischen Truppen hatte sich schon damals ein geschützter Raum an der Nordwestseite des Haffs gebildet, wo sich unterschiedlichste Tierarten ohne Beeinträchtigung des Menschen heimisch machen konnten. Denn wo eventuell alte Munition lag, wagte sich kein Mensch hin. Und die wenigen Tiere, die dann Probleme mit der Munition hatten – die sowjetischen Truppen hatten mit gelegentlichen Explosionen kein Problem.
 
Aber sollte wirklich ein krokodilähnliches Tier ins Salzhaff gelangt sein? Am 17. Oktober 1970 veröffentlichte die „Ostsee-Zeitung“ ein weiteres Bild, das ein Anwohner des Salzhaffs nahe Roggow gemacht hatte: Er konnte ein gewaltiges Tier auf einem alten Steg ablichten, das es sich da ohne Zweifel gemütlich gemacht hatte, um die letzten Strahlen der Sommersonne zu genießen. Es folgten Sichtungen bei Pepelow, bei Tessmannsdorf und sogar direkt vor Rerik.
Auch das Roggower Foto wurde unverzüglich Professor Lastemann nach Bitterfeld gesandt, der nach ausgiebigem Studium zu einem eindeutigen Ergebnis kam: Bei dem abgelichteten Tier handelte es sich ohne Zweifel um ein Reptil der Art Amerikanisches Graukrokodil (Crocodylus rhombifer), eine Krokodilart, die nur in Kuba und Mittelamerika beheimatet ist. Grund für die Schlussfolgerung: das charakteristische Gebiss, das schon Alligatoren von Krokodilen im Allgemeinen unterscheidet, und die typische Form der Rückenschuppen.
 
Was damals ein Rätsel blieb – nämlich wie ein Tier dieser Gattung überhaupt ins Salzhaff gelangen konnte – erscheint heute erklärbar. Denn vor einiger Zeit tauchten in Leningrad in den Hinterlassenschaften eines früheren sowjetischen Marinesoldaten, der im Frühjahr 2017 verstorben war, Unterlagen auf, die das Rätsel lösen.
 
Im Jahr 1960 war Pjotr R. als Matrose der sowjetischen Marine nicht nur im Nordmeer unterwegs, sondern nahm auch an den Fahrten teil, mit denen Atomwaffen nach Kuba gebracht wurden und im Rahmen der Kubakrise beinahe zum Dritten Weltkrieg geführt hätten. Er brachte von seiner Reise als ganz kleines persönliches Souvenir ein Geschenk von einer Tänzerin in Havanna, ein etwa 50 Zentimeter langes kleines Krokodil mit zurück.
 
So weit, so gut. Etwa zwei Jahre hielt er es - seinen Aufzeichnungen zu Folge - auf seinen jeweiligen Schiffen beziehungsweise in den Kasernen, in denen er stationiert war. 1963, er war inzwischen zu den Truppen auf der Halbinsel Wustrow versetzt, geschah dann das Missgeschick:
 
Die Soldaten warteten auf Baumaterial aus der Umgebung. Unter ihnen Pjotr R. Was er nicht ahnte: Das „kleine“ Souvenir aus Kuba war inzwischen so kräftig geworden, dass es unbeobachtet ohne Probleme die Tür seines Verschlags aufdrücken konnte und in die Freiheit entwich. Als Alternative standen nun, nahe der Landenge des Wustrower Halses, zwei Möglichkeiten für das Reptil offen: Die Ostsee oder das Salzhaff.
 
Professor Dr. Krohkose von der angesehenen biologischen Abteilung des Sänftenberg-Museums in Frankfurt/Main erklärte vergangene Woche auf Nachfrage: „Wer sich mit Krokodilen auskennt, weiß, dass die kubanische Spezies nicht das offene Meer, sondern eher ruhige Binnengewässer bevorzugt.“ Die Wahl ist also nach Krohkose mehr als leicht gefallen: Das Salzhaff wurde das neue Domizil fürs Reptil!
 
Doch warum gab es nicht mehr Sichtungen bis zum besagten Jahr 1970? Krohkose lacht: „Ein nicht mal einen halben Meter großes Tier in einer riesigen Wasserfläche? Da sind Fische drin, die größer sind und nicht mal die Fischer finden sie oft.“
 
Aber in sieben Jahren wird ein Krokodil auch im Salzhaff größer. Auch wenn, so der Biologe, das Wachstum nicht mit dem in der Karibik vergleichbar ist, könnte es solch ein Tier auch im Salzhaff auf beachtliche Größe bringen.
 
Und mit der Größe wächst das Selbstvertrauen. Und so ist es kein Wunder, dass sich das damals etwa gut zwei Meter große Reptil auch wagte, sich zum Sonnen an das Salzhaffufer bei Roggow zu legen.
 
Bleibt nur eine Frage: Was ist nach 1970 mit dem kubanischen Krokodil geschehen? Sichtungen wurden nicht mehr gemeldet. Haben die Sowjettruppen es gefangen? Oder ist es immer noch dort? Professor Krohkose:
 
„Wenn es noch immer im Salzhaff leben sollte, könnte es von der Wende profitiert haben. Bis 1990 waren Besucher im Bereich Wustrow wegen des sowjetischen Übungsplatzes nicht gerne gesehen. Danach auch nicht mehr, weil die Halbinsel Privatbesitz wurde. Die Schilfränder des Haffs sind groß und bieten hinlänglich Versteckraum. Also, wenn das Krokodil nicht gestorben ist…“ und lacht. 
 
Aber mit Blick auf die Gefahren für den Tourismus und die Besucher des Salhaffs ist das wohl keine lächerliche alte Geschichte.
 
Immerhin, an die Geschichte erinnern sich viele bestimmt noch. Sie erinnern sich nicht? Na ja, vielleicht ist das ja alles auch frei erfunden…
 
© Mig Phoenix 2007

 
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